Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Montag18. Feb 2008 10:20, ergänzt 11:30  |  Sagt, was er denkt - der Medienkritiker Jürgen Vogel.
| Foto: dpa |
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Was ist nur mit dem Fernsehen los: Öffentlich-Rechtliche benehmen sich wie Private und Private sich daneben. Findet nicht nur Jürgen Vogel.
Montag, neue «Spiegel» ist da, und was müssen wir auf Seite 164 lesen:
CHEFREDAKTEURE: Georg Mascolo (V.i.S.d.P.), Mathias Müller von Blumencron
In der
letzten
Woche hatte die «Berliner» daraus ja schließen wollen, dass unter den gleichberechtigten Chefredakteuren einer gleichberechtigter sei,
woraufhin
der «Spiegel» auf den Umstand verwies, dass die Geschäfte alternierende geführt würden, aber immer nur ein Mensch v.i.S.d.P. sein könne und in der ersten Ausgabe sei dies eben Mascolo gewesen.
In der zweiten ist er's auch. Und in der steht auf Seite 100 die Geschichte des gefallenen Klatschreporters Michael Graeter, der in der Schweiz in Auslieferungshaft sitzt.
Auf Seite 97 findet sich die Meldung, dass die ARD nach den «enttäuschenden Quoten» der Bruce-Darnell-Sendung jetzt echt nicht mehr weiß, was sie mit diesem Sendeplatz noch anfangen soll.
Auch in der ARD-Unterhaltung ist man ratlos, wie das Erste in dieser Zeitschiene überhaupt noch Erfolg erzielen kann, «Wir haben alles versucht», heißt es dort. «Von 'Die Tierretter von Aiderbichl' bis 'Türkisch für Anfänger' – aber auf dem Programmplatz hat quotentechnisch nichts funktioniert.»
So viel Verzweiflung rührt uns naturgemäß so sehr, dass wir mit Trost spendenden Überlegungen nicht hinter dem Berg halten wollen.
Sollte man sich vom Gedanken an den Erfolg verabschieden und einfach nur Fernsehen machen, dass nicht so erfolgreich, aber doch Fernsehen ist? Also ein Fernsehen, dass wie auch immer funktioniert, aber eben nur nicht «quotentechnisch»? Oder sollte man diesen Sendeplatz einfach aufgeben wie ein nicht zu haltendes Dorf an der Hochwasserfront und schlicht das Testbild senden?
Man weiß es nicht, aber offenbar wird doch eine recht, sagen wir vorsichtig, ambivalente Haltung, wenn ARD-Intendanten wie im «Spiegel» zitiert Sätze äußern, die so gehen:
«Wenn wir uns auf diesem Programmplatz schon dem Niveau der Privaten annähern, dann muss das wenigstens von den Quoten her ein Erfolg sein.»
Wer so denkt, braucht sich über Artikel wie den von Peer Schader aus der «FAS» von gestern (online bei
SpOn
) nicht zu wundern. Der Beitrag handelt nämlich von der Annäherung des öffentlich-rechtlichen Programms ans private.
Heute ist «ZDF.reporter» eine Wiederholungsschleife für Kontrolletti-Beiträge, die vom Sender vermutlich trotzdem zu den Informationssendungen gerechnet wird, auf deren hohen Anteil im Programm man in Mainz so stolz ist.
Es geht aber auch andersrum. «Fleisch», der ZDF-Organspendenschocker von 1979, von dem Heike Hupertz in der «FAZ» (Seite 38) behauptet, «nur wenige Spielfilmsequenzen haben sich so tief in unser kollektives Fernsehbildgedächtnis eingeprägt wie diese», und damit das «Bild der panisch auf den Zuschauer zurennenden Jutta Speidel» meint, «die von einem Ambulanzwagen gejagt wird» – «Fleisch» also wurde noch einmal verfilmt und läuft nun auf ProSieben.
Für die
'Berliner'
nimmt Christian Bartels diesen Umstand zum Anlass, über eine Renaissance der Katastrophenfilme nachzudenken:
Nico Hofmann von der Bertelsmann-Firma Teamworx, der seit Jahren so viele Fernseh-Trends setzt, dass man sich fragt, wie lange das noch gut gehen kann, ruft «die Tradition der Schocker» aus den Siebzigern aus.
In der
'FR'
widmet sich Jan Freitag dagegen den Remakes an sich:
Sie gelten gern als Masterpiece ehrgeiziger Regisseure und sind zugleich Ergebnis kühlen Kosten-Nutzen-Rechnens multinationaler Konzerne. Kurzum: Das Remake ist eine Art Muräne, die in ihrem Loch hockt, bis frisches Fleisch vorbeischwimmt.
Das ist doch mal eine Metapher! Für uns das stilistische Masterpiece des Tages.
MEHR IM INTERNET: Die Artikel des Tages |
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Journalistisches Masterpiece of the Day dagegen ist das Interview, das David Denk für die
'taz'
mit Jürgen Vogel geführt hat, der in einem Film namens «Alte Freunde» mitspielt (den die
'FR'
nicht so doll findet, der
'Tagesspiegel'
in Ordnung und die
'Berliner'
, die auch mit Vogel gesprochen hat, zu den «seltenen Glücksmomenten im deutschen Fernsehen» zählt). So antwortet der Schauspieler auf die Frage, ob ihn persönliche Journalistenfragen stören würden: Ich sage eh nur das, was ich sagen will. Und wenn mich eine Frage langweilt, dann erfinde ich eben eine Antwort. Besonders geil finde ich als Schauspieler aber natürlich die Gespräche mit diesen alten Journalisten, die dich fragen, warum du welche Rolle wie darstellst, die dir erzählen, dass sie beobachtet haben, dass du eine bestimmte Sache im Gegensatz zu dem und dem Film jetzt so und so gemacht hast - die also immer versuchen, eine Distanz zu dir als Person zu wahren. Die würden sich gar nicht trauen, dich was Persönliches zu fragen. +++ Auch in dem Interview mit der
'Berliner'
betätigt sich der unterhaltsame Vogel als Medienkritiker: Bei RTL ist letztens etwas passiert, das umschreibt so ein bisschen unser Fernsehgeschäft. Da machen sie eine Anwaltsserie mit Kai Wiesinger, produzieren acht Folgen, senden davon eine, danach wird die Serie abgesetzt. Das finde ich eine Frechheit. Egal, wie die Quote ist. Diese Typen müssten alle gefeuert werden. So etwas Armseliges, nicht einmal den ersten Sturm abzuwarten, nicht zu einer Sache zu stehen, die sie selber mit verantwortet haben - so lieblos mit diesem Medium umzugehen. Da haben sich Leute Gedanken gemacht, und dann wird das einfach abgesetzt. Das ist ein Skandal, ich finde das einfach unglaublich. Wie soll denn Qualität entstehen, wenn solche Pfeifen und Angsthasen Serien machen? +++ +++ Was würde Jürgen Vogel wohl zum Schweigen des Chefredakteursgeschäftsführer Josef Depenbrock sagen? Klaus Raab macht sich in der
'taz'
Gedanken zu Anspruch und Wirklichkeit bei der «Berliner Zeitung». +++ Und was hielte Jürgen Vogel von dem Artikel Kurt Sagatzens in Holtzbrincks
'Tagesspiegel'
, der das freigeschaltete Holtzbrinck-Portal
zoomer.de
sehr wohlmeinend begrüsst? +++ Auch ein interessantes Gespräch: Die
'FR'
hat mit Ole Junge gesprochen, der sich bei «DSDS» als arbeitsloser Koch ausgab, in Wirklichkeit aber Musical-Sänger ist: Um in die Top-50 zu gelangen mussten wir drei bis vier Stunden auf der Bühne stehen. Wir durften noch nicht mal zur Toilette. Neben mir hat einer in die Hose gemacht. +++ Dass die ARD-Intendanten bei ihrem Treffen den Finanzausgleich für die mittelgroßen Anstalten diskutieren müssen, weiß die
'taz'
. +++ Die harte Erfolgsgeschichte von Oprah Winfrey erzählt die «SZ» (Seite 15). +++ Dass Serienschreiber von Games-Autoren lernen wollen, berichtet der
'KStA'
. +++ Am Samstag hatte die
'taz'
mit «Schildkröte» aus «Dittsche» gesprochen, dem Rockmusiker Franz Jarnach, der sich später Popularität erfreut. +++
Sueddeutsche.de hat sowohl
'Anne Will'
als auch den
Blackout
von Bürgermeisterkandidat Michael Naumann im Fernsehduell mit Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust gesehen. +++ Und Benjamin Henrichs beendet in der «SZ» (Seite 15) seine wunderbaren Biathlon-Beobachtungen im Fernsehen mit Magdalena Neuner: «Mir reicht's jetzt langsam scho!»Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr
Für das Web ediert von Matthias Dell |