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'Ich hatte den Mantel schon an' (Stefan Aust) (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Ich hatte den Mantel schon an' (Stefan Aust)
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Im Medien-Business sollte man immer den Mantel anhaben: Wie Stefan Aust beim «Spiegel» ging.

«Es ist zwar nur Print, aber ich mach's.»

(Mathias Müller von Blumencron im «Zeit Leben»-Magazin vom 24. Januar, allerdings in der Rubrik «Worte der Woche, die leider nicht gesagt wurden»)

Nun also ist die gestern gestellte Frage, wann denn nun der «Spiegel» und sein Chefredakteur Stefan Aust sich trennen, auf dass Austs Nachfolger loslegen können, sehr rasch geklärt worden.

Um 15.36 Uhr überraschte sogar 'Spiegel Online' seine in diesen eigenen Sachen bislang kaum informierten Leser mit einer Meldung auf der Startseite, gleich unter Thomas Tumas furiosem Artikel über «die riskanteste, aber auch interessanteste Neubesetzung, was de ganze deutsche TiVi derzeit zu biete hat» («Der Spiegel»), also Bruce Darnell.

«SpOn» zitiert den Chef des «Spiegel»-Wirtschaftsressorts und Vorsitzenden der «Spiegel»-Mitarbeiter KG, Armin Mahler, zur Neubesetzung des Chefredakteur-Postens so: Müller von Blumencron und Georg Mascolo «sind die idealen Kandidaten. Beide haben in verschiedenen Funktionen innerhalb des Hauses Kreativität und Führungsstärke bewiesen, beide stehen aber auch für die klassischen 'Spiegel'-Tugenden».
Legte man diese Worte auf die Goldwaage, hieße das, dass Kreativität und Führungsstärke nicht zu den klassischen «Spiegel»-Tugenden zählen. Vielleicht aber hat das «aber» in Mahlers Aussage auch gar nichts zu bedeuten.

Die Chronologie des Abgangs: Um 12.22 Uhr brachte «sueddeutsche.de» die Breaking News von einem «überraschend terminierten» Gespräch zwischen Verlagsgeschäftsführer Mario Frank und Aust um 13.00 Uhr.

«Plötzlich verschiebt sich der Termin noch einmal um 45 Minuten» ('Hamburger Abendblatt'). Es ist dann also 13.45 Uhr, als Aust mit seinem Stellvertreter Jochen Preuß Franks Büro betritt. «Ein Brief wird ihm überreicht. Der Inhalt des knapp einseitigen Schreibens: Aust, der 13 Jahre lang Chefredakteur des 'Spiegels' war und noch von Magazingründer Rudolf Augstein berufen worden war, soll zunächst seinen Erholungsurlaub antreten und gilt dann vom 26. März an als offiziell beurlaubt...»

Was anschließend geschah, ist unter den Chronisten ein bisschen umstritten. Nach dem Geschäftsführer-Gespräch soll Aust «nicht einmal in sein Büro zurückgekehrt sein» ('FAZ'). Dass er doch noch «sein Büro geräumt» und sich auch «von seinen Sekretärinnen verabschiedet» («Abendblatt»), heißt es ansonsten. Das ist wohl nicht entscheidend. Wichtiger die Begegnung mit den Nachfolgern im Flur, und das mit dem Mantel.

«Auf dem Weg zum Fahrstuhl begegnete» er Müller von Blumencron und Mascolo. «Die wollte mit ihm noch eine Übergabe der Tagesgeschäfte besprechen, doch Aust war schon im Gehen» ('bild.de'). «Jetzt nicht, wir können das später mal besprechen», soll er ihnen «beschieden» haben («Abendblatt»).

Szenisch am ausführlichsten schildert «sueddeutsche.de» die Episode: «Sie wollten mit ihm reden - doch Aust wollte nicht: 'Ich hatte den Mantel schon an und habe gesagt, wir können das später mal besprechen'». So schilderte der «bestens gelaunte Ex-'Spiegel'-Chefredakteur» die Begegnung am Nachmittag telefonisch, nachdem er sein «Büro geräumt und nach Hause gegangen» war. Aust war offenbar so gut drauf, dass er sich sogar ein wenig zu dem Problem zitieren lässt, das der «Spiegel» seiner Ansicht nach hat (die «ungewöhnlichen Methoden», mit denen der Verlag Personalpolitik betreibe).

Am Ende gelangt Christian Kortmann zur Schlussfolgerung, dass Aust «den Mantel», den er im Flur trug, «gewissermaßen schon etwas länger an hatte». Diese Formulierung könnte womöglich bleiben.

Außerdem telefoniert hat Aust, dessen gute Beziehungen zur Springer-Presse ihm ja schon früher vorgehalten wurden und womöglich eine schöne berufliche Perspektive bieten, gestern auch mit 'Welt Online'. Die Überschrift «Aust hortet Material gegen 'Spiegel'-Manager» klingt allerdings erheblich reißerischer, als es Kai-Hinrich Renners Artikel hergibt. Das Material bezieht sich bloß auf die länger schon laufende, vorgestern vertagte arbeitsrechtliche Auseinandersetzung.

Weitere Einschätzungen zu den Ereignissen: Immerhin ist «das mittlerweile rufschädigende Gezerre um Aust endlich» beendet ('Tagesspiegel'). 'Berliner': Aust habe wohl «zu hoch gepokert», «hätte indes einen würdigeren Abschied verdient».

Zu den neuen Chefredakteuren:

«Das neue Duo ist eine Ideallösung, weil beide den 'Spiegel' gut genug kennen, um alle Gräben umwandern zu können». «Allerdings heißt es» von Mascolo, «er sei als Autor nicht profiliert genug», Müller von Blumencron «wird für einen Boulevardisierungstrend kritisiert» (jeweils: 'taz'). Bzw.: Müller von Blumencron «steht Beobachtern zufolge für einen strategischen Neuanfang. Der 42-jährige Mascolo, der seit 1. Juli mit Dirk Kurbjuweit das Hauptstadt-Büro des Magazins leitet, gilt in Medienkreisen als Paraderechercheur» ('FR'/ ddp) oder «herausragender Rechercheur» («Abendblatt»). Schauen wir mal.

Zur Personal- und Verlagspolitik:

Die «FAZ» fragt sich und die Öffentlichkeit, «ob der von harten Auseinandersetzungen geprägte Führungswechsel Folgen für den Geschäftsführer Frank hat. Nicht wenige im 'Spiegel' lasten ihm die Hauptverantwortung für die Konfrontationen an». Nochmals das in Hamburgensien oft gut informierte «Abendblatt»: «Andere bescheinigen Frank 'dilettantisches Vorgehen'... Auch darüber soll es zwischen den Gesellschaftern zur Aussprache kommen. Angeblich denken die Augstein-Erben darüber nach, für eine teure Aust-Abfindung - die Rede ist von 4 bis 5 Millionen Euro - Geschäftsführer Frank in Regress nehmen zu wollen. Alternativ solle auch der Mitgesellschafter Gruner+Jahr für die Zahlung aufkommen».


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Bislang galten «solch massiver Arbeitsplatzabbau und die Aufgabe eines Standorts als Tabu bei Bertelsmann», doch nun wird vom neuen Konzernchef Hartmut Ostrowski durchgegriffen. Und zwar bei einem offiziellen Bertelsmann/ Springer-Joint Ventrure - leider nicht beim «Dschungelcamp», sondern bei der Darmstädter Druckerei des Unternehmens Prinovis. «Knapp 300 Beschäftigte» sind betroffen ('Handelsblatt'). +++ Gute Nachrichten für ProSiebenSat1: Der holländische Sender, der einem vermeintlichen Mörder «mit Mitteln, die der Polizei nicht erlaubt wären», ein versteckt gefilmtes Geständnis entlockte und so 73,9 Prozent Marktanteil erzielte, gehört zum Konzern. Die 'taz' informiert. +++ Sat.1-Geschäftsführer Torsten Rossmann will durch die Neupositionierung der Abendnachrichten «mehr Relevanz für die Information». «Weniger wäre allerdings auch ziemlich schwierig», meint Björn Wirth ('Berliner'), versagt dem Sender aber nicht seinen «Respekt!». +++ «Das 'Dschungelcamp' von RTL, wegen Imageproblemen eigentlich schon ausgemustert, wurde reanimiert, weil man nicht genug Quotenträchtiges im Köcher hatte. Und siehe da: Die Quote war wunderbar, und der Protest blieb sogar aus. Man hat sich offenbar sogar an das öffentliche Verspeisen von Känguruhoden als abendlichen Kitzel gewöhnt»: Der 'Tagesspiegel' hat Ex-Sat.1-Chef Roger Schawinski zum von ihm selbst initiierten Trend, deutsche Serien abzusetzen, befragt. +++ Wobei die allerjüngste Absetzung, die der gar nicht so üblen RTL-Serie «Herzog» (siehe 'dwdl.de'), noch gar nicht vorkommt. Immerhin hat es Niels Ruf als Scheidungsanwalt dreimal so lang gemacht wie Kai Wiesinger als Anwalt. +++ Wie «kicker»-Chefredakteur Rainer Holzschuh und seine Leute «aus einem kleinen Studio im Keller des Verlagsgebäudes heraus die fußballerische Lage der Nation erörtern werden» und das dann via «SpOn» verbreitet wird, beschreibt die 'Rundschau'. +++ «Es geht auch um die generelle Verantwortung, die aus unserer Meinungsfreiheit erwächst. Eritrea liegt in der Weltliga der Pressefreiheit hinter Nordkorea auf dem letzten Platz. In Eritrea kann man keinen kritischen Film drehen, wir hingegen können das» (Sven Burgemeister, Produzent der nun auf der Berlinale gezeigten Senait Mehari-Verfilmung «Feuerherz», im 'FAZ'-Interview). +++ Das «kurvige, knapp bekleidete Model Lee Ettinger» singt: «You can barack me tonight», u.a. Kuriositäten des amerikanischen Medienwahlkampfs sammelt der 'Tagesspiegel'. +++ Radiotipps. +++ Einen Blick aufs afroamerikanische Onlinemagazin 'The Root' wirft die 'taz'. +++ «DSDS hat nicht primär mit Talent zu tun, sondern mit Bohlen, schlechtem Geschmack und der nötigen Chuzpe» ('FR' über den Kandidaten Ole Solomon Junge, der «kein Koch aus Berlin-Lichtenberg ist, sondern professioneller Musical-Darsteller»). +++ Ausführlich geht auf der 'SZ'-Medienseite Dr. Dr. Rainer Erlinger, der Gewissensexperte vom «SZ-Magazin», demselben Phänomen auf den Grund: «Es ist cool, witzig und ein Recht des Stärkeren, den am Boden liegenden noch zu treten», das sei Bohlens Botschaft. +++ Die Gegenposition übernimmt ebd. Norbert Bolz. Im Gespräch mit Viola Schenz gerät der Medienwissenschaftler über die Beobachtung, dass «der Verzicht auf Menschenwürde» ja «für eine Fülle von Fernsehformaten» «die Eintrittsbedingung» ist, derart ins Analysieren («Als Universitätsprofessor kann ich aber bestätigen, dass die Jungen heute zwar unglaubliche Dinge beherrschen, dass sie in einer Sache aber unfähig sind: Kritik zu akzeptieren. Dann sehen sie sich sofort in ihrer Existenz bedroht. Das wäre natürlich ein genialer Mechanismus: Die Alten spielen die uralte Kritikkarte aus und erzeugen damit einen wahnsinnigen Medieneffekt, weil die Jungen, also die Kandidaten, damit nicht umgehen können»), dass er sich quasi für die nächste «DSDS»-Jury empfiehlt.

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Donnerstag gegen 10.00 Uhr.


Für das Web ediert von Christian Bartels