Altpapier vom Montag21. Jan 2008 10:12, ergänzt 11:37  |  Das ist ein Bild aus vergangenen Tagen. Dieser Tage kämpft jeder für sich allein: Friede Springer um ihr Erbe, Leo Kirch um eine Bankgarantie | Foto: dpa |
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Streit um die Rundfunkgebührenerhöhung, das Springer-Erbe, künftige Bundesliga-Bilder und die Frage, was kritischer Sportjournalismus heute noch sein kann.
Gewisse Entscheidungen werfen ihre Schatten voraus.
Heute legt zum Beispiel die «Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten» (KEF) ihre Empfehlung für die nächste Gebührenerhöhung vor.
Die soll etwas mehr als 90 Cent betragen. Auf die
'taz'-Frage
an Martin Stadelmaier, ob die Politik wie 2004 einschreiten wird, antwortet der Chef der in der Rundfunkpolitik federführenden Mainzer Staatskanzlei:
Nein, dafür gibt es keine Veranlassung.
Liest man den Kommentar von Joachim Huber im
'Tagesspiegel'
liegt der Grund dafür nicht in der «moderaten» (Stadelmaier) Erhöhung oder dem Schluss des Bundesverfassungsgericht im vergangenen Jahr, die Intervention 2004 sei nicht verfassungsgemäß gewesen.
Günther Oettinger, CDU-Ministerpräsident in Baden-Württemberg, hat mit dem Diktum vom «Scheiß-Privatfernsehen» erneut unterstrichen, was Politik will: Einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Bühne für Politiker. Die sind ja selber Teil des gebührenfinanzierten Systems, wenn sie in den Gremien sitzen oder wie Kurt Beck als Chef des ZDF-Verwaltungsrates das Sagen haben.
Dieser Umstand, mangelnde Qualität und Einnahmen neben den «Zwangsgebühren» machen den Kommentator ratlos:
Wo bleibt da bitte das Gleichgewicht zu den privatwirtschaftlichen Medien, die ihr Auskommen tagtäglich am Markt sichern müssen, was hat es mit Gerechtigkeit zu tun, dass der Gebührenzahler alles bezahlen muss und niemals nur das, was er nutzt?
Ein öffentlich-rechtliches Fernsehen ohne Werbung fordert Hans-Peter Siebenhaar im
'Handelsblatt'
. Wenngleich dieser Vorschlag isoliert betrachtet werden kann und in Deutschland ja auch nicht neu ist, bleibt es doch fraglich, ob man in Sachen Medienpolitik sich tatsächlich den Verlegerfreund Sarkozy als Vorbild wünschen soll.
Der Politiker Stadelmaier steht solchen Vorschlägen nicht ablehnend gegenüber und sieht gar im Sponsoring das «Hauptproblem». Allerdings gibt er auch zu bedenken, dass der Wegfall dieser Einnahmen – im «Handelsblatt» auf 485 Millionen Euro beziffert jährlich – wiederum über eine erhöhte Gebühr eingenommen werden müsste.
Was sagen wir dann dazu?
Zurück zum Kalender. Am Dienstag um 12 Uhr «wollen die Richter des Oberlandesgerichts in Hamburg ein Urteil verkünden» – im Erbstreit bei Springer. Im November hatte das
'Manager Magazin'
ausführlich darüber berichtet, am Samstag legte die
'SZ'
den Fall noch einmal dar:
«Der Richterspruch könnte größte Auswirkungen auf das sorgsam austarierte Machtgefüge in dem Verlagshaus haben», orakelt die «SZ», die einen Vergleich nicht für «völlig ausgeschlossen» hält, den Streit an sich für das zuletzt unglücklich agierende Verlagshaus aber für «unnötig».
Ein Insider: «Wäre die Lage im Konzern einfacher, könnte man ein ungünstiges Urteil besser wegstecken.»
In zehn Tagen muss Leo Kirch die Zusage für die Bankengarantie zur Finanzierung seines Fußballrechte-Geschäfts mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorlegen.
Der «Spiegel» (Seite 142) meldet, dass «aus einem aktuellen Handelsregisterauszug» folgende Personalie hervorgeht: Ulrich Blessing wurde zum Geschäftsführer von Kirchs Firma Sirius ernannt. Nun ist Ulrich Blessing der Bruder von Martin Blessing, und der ist angehender Commerzbank-Chef, was einer Garantie der Commerzbank, mit der Kirch auch verhandelt, doch einen etwas sehr merkwürdigen Beigeschmack geben würde.
Deshalb wird die Commerzbank, die sich ursprünglich mit 15 Prozent an Sirius beteiligen wollte, nicht für Kirch bürgen, wie die
'SZ'
weiß.
Die Absage wurde möglich, weil es bereits eine Alternative zur Commerzbank gebe.
Um wen es sich dabei handelt, wird allerdings noch nicht gesagt. Das dürften wir dann spätestens am 31. Januar erfahren. Derweil ist dem «SZ»-Artikel noch etwas über die Familie Blessing zu entnehmen.
Der Name Blessing ist bei Kirch schon lange eingeführt. Andrea Blessing, Schwester von Ulrich und Martin (heute Verlagsleiterin der Burda People Group), baute 1996 das Call-Center für DF1 auf, Kirchs erstes Pay-TV. 1999 war sie an den Fusionsgesprächen von DF1 und Premiere beteiligt. Bertelsmann verkaufte damals seine Anteile an Kirch - DF1 und Premiere verschmolzen.
Apropos Premiere: Der Abosender beschwert sich in einem Brief an das Bundeskartellamt über den Umstand, dass mit dem Kirch-Deal die Bilder für die Übertragung von der DFL gestellt würden.
«Als potenzieller Rechtekäufer verlange Premiere», schreibt die
'FTD'
, «die 'Hoheit über die Berichterstattung'.»
Das wäre wohl auch im Interesse eines zumindest potenziell kritischen Sportjournalismus.
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Dass der es nicht leicht hat, zeigen gerade Verdachtsmomente und Entschuldigen in Sachen Wiener Blutdoping bei der ARD (
'FR'
,
'SZ'
). In letzterer schreibt Hans Leyendecker: Man schmückt sich mit den Enthüllern, aber man misstraut ihnen. Kritischer Sportjournalismus lässt den üblichen Betrieb ahnen, dass er nur Teil der Unterhaltungsindustrie ist. Da beschädigt einer die Ware Sport, ist nicht teamfähig, krankhaft investigativ. +++ Die «FAZ» (Seite 38) stört in dem Fall, dass sich die «Tagesschau» keinen Fehler vorwerfen lassen will. +++ Das Prinzip der Entschuldigung will Leyendecker übrigens auf weite Teile des Programms ausgeweitet wissen, darunter die letztjährige Bambi-Verleihung, «als ein Propagandist der Scientologen, der Schauspieler Tom Cruise, über Tapferkeit, Mut und Leistungsbereitschaft schwadronieren und auch noch ungestraft die letzten Worte des Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg zitieren durfte: 'Es lebe das heilige Deutschland'.» Besagter Scientologe macht gerade mit verschiedenen Videos von sich reden, in denen er
zum einen
eine Rede vor Scientology-Anhängern hält und
zum anderen
in einem Scientology-Film recht wirre Sachen von sich gibt. In der
'SZ'
hält Tobias Kniebe den Goebbels-Sportpalast-Vergleich in der «BamS» von ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp für übertrieben: Die Übersetzung des Guido Knopp ist aber ebenfalls eine Interpretation: «Sollen wir die Welt säubern?» meint er herausgehört zu haben, und die «Bild»-Reporter wiederum berichten, der Star habe diese Worte geschrieen - obwohl er gerade in diesem Moment ziemlich leise spricht. Die «Menge», die in ihrer Darstellung «fanatisch-begeistert brüllt», erreicht auch eher den Geräuschpegel einer inspirierten Kleintierzüchterversammlung. +++ Über sein Verhältnis zu Cruise und dessen Scientology-Aktivitäten hat der «Spiegel» (Seite 142) mit «FAZ»-Mitherausgeber Frank Schirrmacher gesprochen, der auf der Bambi-Verleihung die Laudatio auf Cruise gehalten hatte: «Mir geht es um Stauffenberg, darum, wie deutsche Geschichte heute dargestellt wird, um den ersten amerikanischen Film, der den Widerstand gegen Hitler zeigen wird.»
Hier
eine Meldung aus der «Berliner». «Stern» und
'FR'
hatten zuvor gefragt, inwieweit sich deutsche Intellektuelle von Cruise instrumentalisieren lassen hätten. +++ Schirrmachers Zuspitzungen in der Debatte um Jugendkriminalität mit Migrationshintergrund hatten Ende letzter Woche bereits
'Welt'
und
'SZ'
kritisiert. Beim Nachdenken über die Hass-Emails, die der «Zeit»-Feuilletonchef Jens Jessen auf seine Gedanken zum Thema, geäußert in einem
Videoblog
, bekommen hatte, landet die
'taz'
bei Schirrmacher: Schließlich gibt es auch im Feuilleton einen Journalismus, der sich als Versuch verstehen lässt, solche Erregungskurven, wie sie sich in Hate Mails zeigen, zu orchestrieren - die Anstrengungen von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, Denken nicht als Reflexion, sondern stets als Tat zu inszenieren (Gesellschaft retten, Tom Cruise heiligen, Ausnahmezustände ausrufen - oder so ähnlich), zielen in diese Richtung. So ein Journalismus ist mit Hate-Mail-Phänomenen verbündet. +++ Die
'Berliner'
hat am Sonnabend festgestellt, dass die Medien das «Dschungelcamp» nicht mehr kritisieren, sondern sich daran «ergötzen». +++ Wie zum Beleg: Thomas Tuma im «Spiegel» (S. 145). +++ Ebenda (S. 146): Ein lesenswerter Text über das «Ende der Unschuld» beim Videobloggen nach Jens Jessen. +++ Ulrich Wickert schreckt das nicht ab, er wird für die noch zu öffnende Seite zoomer.de des Holtzbrinck-Verlags vor die Kamera treten und äußert sich dazu in der Holtzbrinck-Zeitung
'Tagesspiegel'
. +++ Ein Bild des Fernsehpublikums zeichnet die
'FAS'
. +++ Ein Jahr nach dem Mord an Chefredakteur Hrant Dink hat sich die Lage für die armenisch-türkischen Wochenzeitung «Agos» kaum geändert. (
'taz'
). +++ Cem Özdemir hat einen Tag die türkisch-deutsche Zeitung «Sabah» geleitet (
'FR'
). +++ Die
'Berliner'
schildert noch einmal Life and Times der Zeitschrift «Max». +++ Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.
Für das Web ediert von Matthias Dell |