netzeitung.deAltpapier vom Mittwoch

 Herausgeber: netzeitung.de

26 Prozent ihres Aktienwertes büßte die amerikanische Zeitungsindustrie im letzten Jahr ein. Um 14 Prozent ist die Auflage in den letzten 15 Jahren gesunken - Zahlen aus der "SZ"-Serie. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 26 Prozent ihres Aktienwertes büßte die amerikanische Zeitungsindustrie im letzten Jahr ein. Um 14 Prozent ist die Auflage in den letzten 15 Jahren gesunken - Zahlen aus der "SZ"-Serie.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Neue Anstrengungen, die Zukunft der Zeitung zu erkunden. Persönliche Frustration beim Versuch, etwas über die Lage in Kenia zu erfahren. Und: der Radio-Tatort - eine Fernsehkonkurrenz?

Die «SZ» sorgt sich in letzter Zeit verstärkt um die Zukunft der Zeitung. Erst am Samstag hatte Willi Winkler literarische Qualitäten als Ausweg aus der Krise empfohlen.

Heute wird online und in der Druckausgabe (Seite 15) die Serie «Zeitenwechsel» «zur Zukunft des Journalismus» annonciert, die «Trends in der Presse und im Internet» nachgeht. In Zusammenarbeit mit Lutz Hachmeisters Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik.

Leif Kramp und Stephan Weichert haben für die Internetausgabe mit John Lloyd gesprochen, dem «Herausgeber der Financial Times und Direktor des Reuters Institute for the Study of Journalism an der Oxford University».

Zu erfahren ist von Lloyd, dass die entscheidende Weichenstellung für die Zukunft im Internet vollzogen werden muss. Wie das zu bewerkstelligen ist, wie also Geld verdient werden kann mit dem Internet, das weiß der Experte allerdings auch nicht.

«Washington Post», «Guardian», «Le Monde» und «La Repubblica» haben beispielsweise sehr erfolgreiche Internetauftritte etabliert, die inzwischen viel mehr Leser erreichen als ihre Druckausgaben. Doch genau darin liegt das Paradoxe: Ihre Inhalte werden von einem größeren Publikum gelesen, aber ihre Auflagen und Einnahmen sinken – für einige Titel sogar in sehr kritische Regionen. Ich sehe da momentan keinen Ausweg.

Subventionierung durch die Politik, wie von Jürgen Habermas gefordert, ist für Lloyd keine Lösung. In den sozialen Netzwerken wie MySpace oder Facebook erkennt er journalistische Mechanismen, fragt sich allerdings, ob der Journalismus, wie wir ihn idealiter kennen («also die Analyse und Recherche, aber auch Schlagzeilen»), überleben wird.

Zu den Qualitätszeitungen, die überleben, gehören wahrscheinlich «FAZ», «Die Zeit», «Figaro», «Financial Times», «New York Times», «Washington Post», «Corriere della Sera», «La Repubblica», «El País» und einige andere.

Der Name «SZ» fällt in dieser Reihe dann im Artikel in der Druckausgabe (Seite 15), der ebenfalls von Kramp und Weichert stammt, im wesentlichen aber resümiert, was an Erkenntnissen über die Lage so kursiert («Der Qualitätsjournalismus der alteingesessenen Zeitungsdynastien muss sich im Netz aber erst durchsetzen (...) Ein Modell, das den kostenintensiven Qualitätsjournalismus im Netz dauerhaft rentabel macht, wird noch gesucht.»)

Visionär ist ganz schön schwer. Den oft beschworenen Qualitätsjournalismus zu finden, wenn man ihn mal braucht, ist auch nicht leicht, wie Bettina Gaus in der 'taz' festgestellt hat.

Der Versuch, Nachrichten über Kenia zu finden, wo die Journalisten einmal gelebt hat und Menschen kennt, um die sie sich sorgt, produziert die Erkenntnis:

Deutsche Fernsehredakteure finden den gesamten Rest der Welt offenbar bei weitem nicht so interessant wie Deutschland.

Die BBC führt um 12.39 Uhr eine Reportage über die Situation in Kenia als «Top Story» auf ihrer Internetseite.

Auf der Homepage des ZDF erfahre ich zu demselben Zeitpunkt, was Hobbyköche tun müssen, um bei «Kerner kocht» eingeladen zu werden. Wie Kreditanfragen den Schufa-Eintrag beeinflussen. Und ich lerne einiges über das Thema Organspende.

Das sind dann wohl die neuen Inhalte, mit denen die traditionellen Medien sich der Konkurrenz durchs Internet erwehren wollen.


Altpapierkorb

Ein Möglichkeit fürs Radio, dem lauen Fernsehprogramm Paroli zu bieten, könnte der heute startende «Radio-Tatort» sein. Zumindest meint die 'taz' das. Trotz einiger Mängel ist auch die «FAZ» (Seite 38) guten Mutes. 'Berliner' und 'FR' registrieren ein wenig skeptisch die medialen Eigenheiten des Radios. Der 'Tagesspiegel' spricht mit dem Koordinator der neuen Hörspiel-Reihe, Ekkehard Skoruppa. +++ Weitere Hinweise aufs Radioprogramm liefert Tom Peuckert in seiner 'Tagesspiegel'-Kolumne. +++ Noch mal kurz zurück zum Streit zwischen analog und digital: Die 'Berliner' hat eine neuerliche Diskussion zwischen Journalisten und Bloggern in der «Friedrich-Ebert-Stiftung» verfolgt. Die Positionen sind aber die alten: Die Blogger sprachen von Chancen auf Freiheit und Meinungsvielfalt. Die Journalisten zweifelten an den Fähigkeiten der Blogger, warnten vor den Gefahren des «unkontrollierten Informationsflusses» und forderten mehr Regulierung. +++ Einen Vermittlungsversuch unternimmt der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller hier. +++ In der 'FTD' ist zu lesen, dass die Ausgaben für Online-Werbung in Deutschland 2007 die Milliardengrenze überschritten haben. +++ Im Wirtschaftsteil meldet die 'FAZ', dass Gruner + Jahr die «Financial Times Deutschland» wohl zu 100 Prozent übernimmt, also die andere Hälfte, die bislang dem britischen Verlag Pearson gehörte und im letzten Jahr dem «Spiegel» angeboten worden war. +++ 137 Prozent Auflagensteigerung im letzten Jahr, das ist kein Traum, sondern Realität bei dem alle zwei Monate erscheinenden Magazin «Landlust», das wie der Name sagt, Lebensart und Landleben verbindet. Die 'FAZ' und der 'Tagesspiegel' berichten. +++ Weniger betörende Meldungen vom Journalismus: Die 'SZ' informiert in einem ausführlichen Beitrag über Lobbyismus, wie er sich hinter dem Internetportal polixea.de verbirgt. +++ Presseunfreiheit in Pakistan schildert die 'Berliner'. +++ Die andauernde Malaise bei «Le Monde» ist Thema in der 'taz' in einem Beitrag, der allerdings nicht unbedingt zum Musterbeispiel sorgfältigsten Schreibens taugt («die italienische Gruppe Prisa»). +++ Die «FAZ» (Seite 38) wundert sich über die Nachrichten, die aus dem Elysée-Palast kommen. +++ Dass die Taliban das mediale Geschäft verstehen, meint die 'taz'. +++ Zur «Tagesthemen»-Aufpäppelung plant die ARD, Plasberg auf Mittwoch 20.15 Uhr vorzuverlegen und den dort gesendeten Spielfilm auf den Montagabend zu verschieben, wenn traditionell ein ZDF-Fernsehfilm läuft, was für Ärger sorgen könnte. Weiß der 'KStA'. +++ Dass der gestern eröffnete Prozess gegen den Werbemanager Aleksander Ruzicka auch die Arbeitsweise eines «CDU-Netzwerks» berühren könnte, legt Klaus Ott in der «SZ» (Seite 15) dar. +++ Die 'taz' hinterfragt unter der Überschrift «Neues vom Irrmacher» kurz Frank Schirrmachers Ansichten zur Jugendkriminalität mit Migrationshintergrund. +++ «SZ» (Seite 15) und 'FR' empfehlen eine ARD-Dokumentation (heute 23.30 Uhr) über nicht ungesetzliche, aber skandalöse Kreditgeschäfte. +++

Der Altpapierkorb füllt sich Donnerstag wieder gegen 10 Uhr.



Für das Web ediert von Matthias Dell