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Altpapier vom Donnerstag

10. Jan 2008 10:17, ergänzt 11:14
Der Freiheitskämpfer unter den Intendanten: Jobst Plog
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Überall wird über den Zustand des Fernsehens diskutiert. Ausgerechnet jetzt geht NDR-Chef Jobst Plog in den Ruhestand.

Wie scheiße ist das Privatfernsehen denn nun? Im Überregionalen ebbt die von Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) angestoßene Debatte schon wieder etwas ab.

Mögliche «strafrechtliche Konsequenzen für leitende Mitarbeiter» des Privatfernsehens, von denen die 'FR' unter Berufung auf 'Werben & Verkaufen' berichtet, haben damit nichts zu tun, sondern bloß mit womöglich wettbewerbswidrigen Rabatten für die umrahmende Werbung.
Und Oettinger selbst «rudert zurück»,
meldet der «Tagesspiegel».

Ein Sprecher des Privatsenders RTL 2 konnte den Vorwurf, Scheiß-Privatfernsehen zu machen, nicht bestätigen. Ein Medienexperte der FDP, Christoph Waitz, deduziert: «Private Sender könnten nicht einfach für die Gewalttaten von Jugendlichen in Haftung genommen werden. Dafür trage die Gesellschaft als Ganzes die Verantwortung».

Immerhin in Oettingers baden-württembergischen Heimat werden seine Einlassungen mit höherem Ernst verfolgt. «Nur auf RTL 2 und Super RTL schimpfen, reicht durchaus nicht», argumentiert Birgit Kipfer, eine SPD-Medienexpertin, und regt ergänzend den Ausbau der Ganztagsschule an. Hagen Kluck, noch ein FDP-Medienexperte, «erkennt keine großen Unterschiede zwischen den Sendern, auch nicht zwischen privatem und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk».

All das und noch viel mehr trägt Reiner Ruf in der 'Stuttgarter Zeittung' zusammen, um dann völlig zurecht zu bilanzieren:
«Hier lässt sich oft über guten Geschmack streiten; gerade hat auf RTL 2 beispielsweise die achte 'Big Brother'-Staffel begonnen. Aber was das Maß an Gewalt oder Indiskretionen angeht, sind die Programme von Pro Sieben oder Sat1 sicher genauso angreifbar. Man hat es hier schlicht mit jener Form von Privatfernsehen zu tun, wie es weltweit für den freien TV-Markt produziert wird und über Jahre hinweg gerade von der CDU/CSU in Deutschland medienpolitisch durchgesetzt wurde».

Die kühnsten und frischesten Reformideen fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen kommen gerade aus Frankreich. Über den verblüffenden «Fernsehcoup» des Präsidenten und Medienunternehmer- Freundes Nicolas Sarkozy berichten aktuell die «SZ» («Der Vorsitzende der sozialistischen Partei, François Hollande, sagte, dies sei der Anfang vom Ende des staatlichen Rundfunks», S. 15) und die 'Neue Zürcher Zeitung' ausführlich frei online. Kernpunkt der Pläne ist das Verbot von Werbung in den staatlichen Sendern.

Da fragte das 'Handelsblatt' gleich den ARD-Vorsitzenden, ob er sowas hierzulande gut fände. «Eine eigene Steuer oder die Erhöhung einer bestehenden Steuer zur Kompensation von Werbeeinnahmen halte ich in Deutschland für undenkbar», antwortet Fritz Raff.
Das Gespräch ist frei online nur verkürzt zu haben. Es bietet aber auch keine Überraschungen.

Ausgerechnet jetzt, da eine neue französische Attacke den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu bedrohen droht, geht Jobst Plog in den Ruhestand. Also der Intendant des NDR, der 1999 - 2002 auch Präsident des deutsch-französischen Senders Arte war.

Michael Hanfeld schreibt ihm in der «FAZ» (S. 38, derzeit nicht frei online) eine gewaltige Abschieds-Laudatio, die die Messlatte für den offiziellen Laudator beim morgigen Festakt, den Altkanzler Gerhard Schröder, hoch legt.

Die Laudatio trägt den Titel «Freiheit, die er meint»: «Ein Bravourstück des Freiheitskampfes war der Widerstand, den Plog vor der Jahrtausendwende leistete, als Frankreich den deutsch-französischen Kulturkanal Arte in eine staatliche Holding eingliedern wollte. In Deutschland sah außer ihm niemand die Gefahr».

«Diesen Kampf habe ich vielleicht auch gewonnen, weil die Franzosen dachten, der muss doch den Kanzler hinter sich haben», erzählt Plog selbst, der seinem Laudator beratend zur Seite stand. Dabei habe der Kanzler von gar nichts gewusst.
Aus dem Nähkästchen des freiheitsliebenden Intendanten kommt auch die Geschichte der fortwährenden Streitigkeiten mit Ministerpräsidenten, die laut Plog und «FAZ» erklären, warum Christian Wulff den Aleviten beim «Tatort»-Protest zur Seite steht.

Zu Plogs weiteren Leistungen:
«So hat er zum richtigen Zeitpunkt erkannt, dass Reinhold Beckmann, Jörg Pilawa und Harald Schmidt beim Privatfernsehen auf dem Absprung waren und sie, einen nach dem anderen, zur ARD geholt. ... Günther Jauch wäre Plogs größte Trophäe gewesen, er war schon so gut wie verpflichtet, als sich an den Machtkämpfen im Westdeutschen Rundfunk die Sache zerschlug...»

Das Abwerben führender Privatfernseh-Entertainer und Angleichen des Unterhaltungsprogramm-Niveaus zählt also zu den bleibenden Verdiensten Plogs. Womöglich hat die «FAZ» ihre Informationen (nur online) über die neue «Styling-Show» namens «Bruce», die Bruce Darnell ab 12. Februar im sog. Ersten leitet, vom Gespräch mit dem NDR-Chef mitgebracht.

Wo auch immer also sich das Niveau der Privatsender bewegt – die ARD scheut keine Mühen und Gebührengelder, um auf Augenhöhe zu bleiben.


Mehr im Internet: Die Artikel des Tages


Altpapierkorb

Zu Plogs Abschied protestieren die freien Mitarbeiter des NDR gegen die Beschäftigungspolitik ihres Sender ('Hamburger Abendblatt' via epd). +++ Unwahr ist, dass Frank Plasberg künftig für den NDR Löffel verbiegen wird. Wahr ist lediglich, dass Plasberg für den NDR auch ein Wissensquiz mit Schulkindern moderieren wird. Ob er nicht ausgelastet sei, fragte Hans Hoff nach. Antwort: «Ich kann bei Quiz-Sendungen wunderbar entspannen. Warum dann nicht mal selbst eine versuchen und sich gleichzeitig ein bisschen von Hart aber fair erholen? Es ist was ganz Neues für mich, und ich habe auch mit 50 noch Spaß am Lernen.» Produzent ist Jörg Pilawa, «der offensichtlich nicht mehr alles im Ersten allein wegmoderieren möchte» («SZ»). +++ Wie war Plasberg gestern? «Hart aber fair» «blieb beim Thema Ausländergewalt brutal unter ihren Möglichkeiten» ('sueddeutsche.de'), «Roland Koch durfte sich als Punktsieger fühlen» ('faz.net'). +++ Aufschlussreiche Einblicke in die Medien der Zukunft I: Rainer Meyer, «einer der deutschen Top-Blogger», rief in seinem Internetauftritt 'Blogbar' 2008 zum «Jahr der Exits» der Blogger aus: «zu wenig Aufmerksamkeit und schlechte Verdienstmöglichkeiten». Die 'Berliner Zeitung' hat nachgehakt. «Für Bildblog war 2007 das finanziell mit Abstand erfolgreichste Jahr», erfuhr sie von Stefan Niggemeier. +++ Nicht zu verwechseln mit dem neuen Chefredakteur der «Hamburger Morgenpost»: Frank Niggemeier war schließlich sogar «auch bei der 'Bild'-Zeitung des Axel Springer Verlags tätig» ('Berliner'). +++ Aufschlussreiche Einblicke in die Medien der Zukunft II: Christine Henning, als «Ehrensenf»-Moderatorin Katrin Bauerfeinds Nachfolgerin, zeigt sich im 'Tagesspiegel'-Interview professionell, übt keine «Polylux»-Kritik und würde nicht ausschließen, sich auch mal von der ARD einkaufen zu lassen. +++ Noch mehr Einblicke: «Soziale Netzwerke im Internet kann man ablehnen, aber nicht mehr ignorieren, weil so viele Menschen nun einmlal mit Hilfe der Netzwerke ihre Beziehungen pflegen». Götz Hamann liefert in der «Zeit» (S. 17 f) einen großen Erfahrungsberichte als Facebook-Mitglied. «In fünf Jahren gehört die Online-Zeitung zum Alltag», sagt ebd. (S. 18) der «practical futurist» Michael Rogers von der «New York Times». +++ «Zeit.de» bekommt einen neuen Chefredakteur. Wer das ist und wie er aussieht? Siehe 'innenansichten.tagesspiegel.de' bzw. 'wolfgangblau.de' . +++ Was machen eigentlich die von Verleger Lambert Lensing-Wolff unter abenteuerlichen Umständen entlassenen Redakteure der «Münsterschen Zeitung»? Internet für Münster ('taz'). +++ «Deutschland musikgeschmackliches Prekariat» hat endlich eine Stimme (Christoph Twickel, 'FR'). +++ «Die Engländer sind viel ehrlicher als die Deutschen», zumindest beim Klatsch und Tratsch (Susanne Lang, «Guardian»/ 'taz'). +++ Die Dschungelshow hilft gegen den Autorenstreik in Hollywood. Von «Dr. House» wird RTL «noch zehn Folgen der dritten Staffel übrig haben, wenn der Streik noch sehr lange dauert», erfuhr der 'Tsp.'. +++ «Mir wurde gedroht, in mein Bett zu kotzen» (Hannes Jaenicke im 'FR'-Interview zur RTL-Serie «Post Mortem», deren neue Staffel in einer Woche startet).

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.

 
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