Altpapier vom Montag05. Nov 2007 10:15, ergänzt 11:01  |  Verlierer nach Punkten, urteilt "Spiegel-Online" zur Horst-Mahler-"Demontage" durch Michel Friedman (Bild) in "Vanity Fair". | Foto: dpa |
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Soll man mit Nazis reden? Mit Nazis ja, aber nicht mit Autisten.
Noch einmal der Skandal, der irgendwie keiner werden will: Henryk M. Broder widmet sich auf
'Spiegel-Online'
dem Michel-Friedman-Horst-Mahler-Gespräch in
'Vanity Fair'
.
Ein potentieller Täter und ein potentielles Opfer treffen sich, eine makabere Situation, deren Reiz in einer perversen Phantasie liegt: Was wäre, wenn der Nazi könnte, wie er möchte?
Seit seiner Einführung trachtet die deutsche «Vanity Fair» nach einem «Scoop», der schillerndsten Währung im Kampf um die Aufmerksamkeit. Nun kann man eine gute Geschichte durch ausführliche Recherche, ein gutes Gespräch durch intensive Vorbereitung erreichen. Oder man nimmt die Aldi-Variante und setzt auf den Exotik-Bonus, indem man die Zuständigkeit für die Aufregung an das wieauchimmer «Andere» delegiert. Das entgeht Friedman, Broder indes nicht:
Michel Friedman ist nur eitel und merkt nicht einmal, wie er benutzt wird. Hätte die Redaktion von «Vanity Fair» vorgehabt, den «Chef-Nazi» von einem prominenten «Arier» interviewen zu lassen, gäbe es weder ein Interview noch einen Skandal.
Das Problem am vermeintlichen Skandal Horst Mahler ist nun, dass der sich lange aus den Zonen verabschiedet hat, in denen Denken großgeschrieben wird, dass Mahler, in den Worten Broders, «ein noch größerer Autist als sein Interviewer ist.»
Anstatt mit Mahler reden zu wollen, hätte «Vanity Fair» auch gleich zehn Seiten aus den «Protokollen der Weisen von Zion» oder einem beliebigen anderen verschwörungstheoretischen Pamphlet abdrucken können.
Diesem pathologischen Unsinn hat Friedman nichts entgegenzusetzen als ein gestammeltes «Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten...» Denn alles, was Mahler sagt, gehört in die Kategorie der Behauptungen, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist.
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Dass man Nazis sehr wohl entzaubern, also die Schwachbrüstigkeit vorführen kann, die sich hinter der martialischen Fassade verbirgt, zeigt der Film «Roots Germania», den die Moderatorin Mo Asumang gedreht hat. Zumindest, wenn man den Vorberichten glaubt. In der
'Berliner'
wird die Autorin zitiert: «Vor einer Neonazi-Demo wurde mir fast schlecht. Aber bei den Gesprächen löste sich die Anspannung, weil ich merkte, diese Leute sind im direkten Kontakt gar nicht mehr so stark.» +++ Über den Film, der heute abend zu der ungemein gewagten Sendezeit um 0.30 Uhr im ZDF zu sehen ist, informieren auch «FAZ» (Seite 44) und «SZ» (Seite 15). +++ Er läuft im Rahmen einer Themenwoche Integration, über die in
'taz'
,
'FR'
,
'Tagesspiegel'
und
'Berliner'
berichtet wird. +++ Der einstige HR-Sportchef Jürgen Emig, der systematisch Gelder von Sportveranstaltern akquirierte, um über deren Sportveranstaltungen zu berichten, könnte «ohne harte Strafe davonkommen», schreibt der «Spiegel» (Seite 136): Manches spricht dafür, dass das öffentlich-rechtliche System dem promovierten Sportjournalisten Emig derart Tür und Tor geöffnet hat, dass zumindest von Untreue gegenüber seinem Arbeitgeber keine Rede mehr sein kann.. +++ Das öffentlich-rechtliche System ist auch Zielscheibe der Kritik von RTL-Chefin Anke Schäferkordt, die im «Focus» (Seite 190) gegen die digitale Expansion von ARD und ZDF wendet. Eine Agenturmeldung druckt der
'KStA'
. +++ Die
'taz'
mokiert sich über Verleger, die nicht müde werden, über die Bedeutung der «vierten Gewalt» zu predigen, die sie selbst nachhaltig schwächen, indem etwa Lokalredaktionen outgesourcet werden. Aktuelles Beispiel: Bremen. +++ Das «Institut für den wissenschaftlichen Film» wird abgewickelt, was einigermaßen überraschend kommt, wie die
'FR'
berichtet, da es über den Lehrfilm-Produzenten noch 2005 bei einer Evaluierung im Auftrag der Leibniz-Gemeinschaft hieß, die IWF werde sich «mittelfristig zu der führenden Mediathek für wissenschaftliche AV-Medien im deutschsprachigen Raum entwickeln». +++ Zu den Fernsehkritiken des Wochenendes: Dieter Moors «ttt»-Debüt wird auf
'FAZ.net'
gelobt. +++ Anne Will bei
'Welt-Online'
besprochen. +++ Und Christian Kortmann zeigte sich auf
'Sueddeutsche.de'
von «Schlag den Raab» derart inspiriert, dass er die Kritik zur Sendung in die Konkurrenz verschiedener Textsorten verpackte. +++ Zwei Nachträge: Ein unterhaltsames Gespräch mit Jürgen und Sarah Kuttner vor dem Start ihrer gemeinsamen Radio-Eins-Sendung hat der
'Tagesspiegel'
geführt. +++ Die
'FTD'
berichtet, dass Mecom-Chef David Montgomery (zu dessen Deutscher Zeitungsholding Netzeitung.de gehört) hart bleiben will gegenüber von der Redaktion der «Berliner Zeitung» geforderten Trennung von Geschäftsführung und Chefredaktion. +++ In der
'taz'
reist Tobias Rapp an den Horizont des Denkens von «Welt»-Literaturkritiker Tilman Krause und stößt an die Mauern eines Deutschlands von 1907. +++ Dagmar Brandenstein darf jetzt doch früher als vertraglich vorgesehen von den Öffentlich-Rechtlichen zu Kirch wechseln («Spiegel», Seite 133). +++ Und zum Schluss noch das: In Hollywood streiken die Autoren (
'Berliner'
,
'FAZ'
). +++Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.
Für das Web ediert von Matthias Dell |