Altpapier vom Dienstag30. Okt 2007 10:07, ergänzt 10:31  |  'Na warte, Evelyn!', sagte Loriot am Montagabend bei Reinhold Beckmann | Foto: dpa |
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Gibt's mal wieder eine Schirrmacher-Debatte? Außerdem: Nachrufe auf Evelyn Hamann in der Presse, bei Beckmann und Kerner.
Dr. Frank Schirrmacher der rechtmäßige Nachfolger von Dr. Vicco von Bülow alias Loriot?
Jawohl, zumindest als Träger des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache. Loriot erhielt die Auszeichnung
im Jahre 2004,
«FAZ»-Feuilletonchef Schirrmacher bekam sie dann
am vergangenen Samstag
in Kassel. Zu dem Anlass hatte er eine Dankesrede gehalten, aus der Auszüge gestern in der «Süddeutschen» standen,
auch online.
Ausführlichere Auszüge sind inzwischen
bei 'faz.net'
zu haben. Die dort hinzugefügte
liebevolle Bebilderung
darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Schirrmacher verdammt ernst ist:«Fest steht, dass der ikonographische Extremismus, dem die Jungen und Jüngsten im Internet ausgesetzt sind, wie eine Körperverletzung wirkt» (zitiert nach «sueddeutsche.de»). «Was Kinder und Jugendliche heute unkontrolliert sehen können, ist pornographischer und gewalttätiger Extremismus, wie ihm niemals zuvor eine Generation ausgesetzt war, und gegen den man sich, zumindest als Jugendlicher, nicht immunisieren kann» (zitiert nach «faz.net»; herauszufinden, ob Schirrmacher wirklich von all diesen Extremismen sprach, wird dereinst eine Herausforderung für Herausgeber textkritischer Gesamtausgaben sein). Jedenfalls hat Schirrmachers Ernst, der selbstredend auch ins generelle Lob der «von manchen allzu voreilig totgesagten» gedruckten Tageszeitung mündet, bereits eine Reaktion hervorgerufen.
«Strukturell bedingtes Zu-spät-kommen, so viel ist sicher, ist kein journalistischer Vorteil», verteidigt Christian Stöcker bei
'Spiegel Online'
das (von manchen allzu voreilig attackierte) Internet: «Die Tatsache, dass jemand einen Text schreibt, der über Nacht auf Papier gedruckt und am nächsten Morgen zum Leser nach Hause gefahren wird, steigert dieser Argumentation zufolge die journalistischen Vorzüge des Geschriebenen. Das Transportmedium gerät zum Qualitätsmerkmal. Vielleicht deshalb, weil die Zeitung morgens nüchtern, grau und einsam auf der Türschwelle oder im Briefkasten liegt, während Nachrichten, Analysen und Kommentare im Internet ständig umgeben sind von dem immer mitzudenkenden Moloch, der um sie herum lauert. ...».«Wir brauchen eine Debatte», lautet die Überschrift bei «sueddeutsche.de». Vielleicht kommt sie ja jetzt. Vielleicht freilich wollte «Spon» dem Kooperationspartner «FAZ»/ «FAS» auch nur einen Gefallen tun. Seit gestern Vormittag beweist der Moloch Internet, dass das Fernsehen mehr denn je das Leitmedium ist. Der Tod der überwiegend aus dem Fernsehen bestens bekannten Evelyn Hamann beherrschte die Schlagzeilen. Heute bestimmen zahlreiche Nachrufe die Medienseiten.
Barbara Sichtermann erinnert an eine Zeit, in der «es hieß, Frauen seien nicht komisch». Nämlich bis Hamann zum «unwiderlegbaren Gegenbeweis» wurde. Der
'Tagesspiegel'
bietet den gendertheoretischsten Nachruf («Ganz nebenbei übrigens verweist sie das zählebige Vorurteil, Frauen seien Nonstop-Plaudertaschen und Männer begnadete Schweiger, ins Reich der Legende»).
Im Hause «FAZ» steht, was natürlich Schirrmachers Handschrift ist, die klassische Literaturwissenschaft
im Vordergrund:
«Während viele Schießbudenfiguren heutiger Fernseh-Comedy keinerlei Fallhöhe aufweisen, weil ihnen völlig egal ist, welches Thema sie für ihren immergleichen Klamauk nutzen, baute Hamann mit höchster Kunstfertigkeit an den Fassaden ihrer Rollen, die sie aufs Vergnüglichste zum Einsturz brachte. Heute populäre Komikerinnen vom Schlage einer Gaby Köster oder Mirja Boes hätten aus dem Vortrag der Fernsehansagerin, die trotz aufopfernden Einsatzes an Namen wie 'Lady Hesketh-Fortescue' und 'Gwyneth Molesworth' scheitert, einen schrillen Klamauk gemacht. Bei Evelyn Hamann wurde die Nummer zur urkomischen Tragödie einer Frau, der ihre Haltung über alles geht» (Jörg Thomann)
Klaudia Wick
('Berliner Zeitung')
spricht an, wie durch das Fernsehen das Zeitgefühl verschwimmt: «Die Perfektionisten Bülow und Hamann haben gefühlte Jahrzehnte zusammengearbeitet, faktisch existierte das Dream-Team des deutschen TV-Humors nur drei Jahre und sechs Sendungen lang; während die ARD ihre Filme in den Achtzigern ständig wiederholte und in immer neuen Zusammenstellungen recycelte». «Die ARD erkannte das große Potenzial ihres Stars und ... schrieb ihr schließlich 1992 die Rolle der aufmüpfigen Kriminalsekretärin Adelheid Möbius auf den Leib. 'Adelheid und ihre Mörder' findet seither mit jeder Staffel ein treues Millionenpublikum».
Hamanns «einziges biografisches Manko mag sein, dass sie nie ihr Talent zur mühselig verkapselten Aggression zur Geltung brachte. In verstörenden Rollen eventuell», gibt in der
'taz'
Jan Feddersen zu bedenken.Man könnte auch sagen: In den Rollen, die Hamann in der ZDF-Serie «Die Schwarzwaldklinik» und in der ARD-Serie «Adelheid und ihre Mörder» spielte, ist sie leider weit hinter den Möglichkeiten ihres Potenzials zurückgeblieben, sofern Potenzial nicht allein als Marktanteil verstanden wird. Heutzutage besteht das Potenzial von ARD und ZDF weitgehend in Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner. Beckmann war am Montag regulär auf Sendung und hatte dafür am Freitag, also vor Evelyn Hamanns Tod, Loriot interviewt. Der der Sendung vorangestellte Nachdreh, in dem Loriot «Na warte, Evelyn» sagt, führte Beckmann noch mehr Aufmerksamkeit zu.
Frische Kritiken gibt bei
'Welt Online'
(David Denk bedauert, «dass Loriot nicht Beckmanns einziger Gast war) und, härter, bei
'sueddeutsche.de':
Beckmann stellte mal wieder «die falschen Fragen an den falschen Stellen, fiel den falschen Leuten zum falschen Zeitpunkt ins Wort und brach immer dann ab, wenn es wirklich spannend geworden wäre».
Der ZDF-Beckmann Kerner hat montags eigentlich Ruhetag. Am frühen Abend aber ging er offenbar, wie ebenfalls
'Welt Online'
ansah, doch auf Sondersendung: «Und so tat Kerner das, was er immer tut, wenn er merkt, dass seine Taktik ins Leere läuft: Er flüchtete ins Gefühlige. Tränen lügen nie. Aber wen gehen sie etwas an? Man konnte es kaum mitansehen, wie es in Markus Trebitschs Gesicht arbeitete, als er auf Kerners Nachfrage flüsternd gestand, er sei in den letzten Stunden ihres Lebens bei ihr gewesen. Er sei sehr traurig. Hamann sei sehr tapfer gewesen, sie habe bis zum Ende geglaubt, ihre Krankheit besiegen zu können. Die Kamera hielt frontal auf sein Gesicht.»
Mehr im Internet: Die Artikel des Tages |
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Altpapierkorb Fortgesetzte Bertelsmann-Aufregung. So wie gestern die
'taz'
berichtet heute im Wirtschaftsressort auch die
'SZ'
vom Kongress der Gegner der Bertelsmann-Stiftung. Das Ermittlungsverfahren gegen Stiftungs-Vorstand Werner Weidenfeld (siehe Altpapier) werde unter Auflagen eingestellt. Laut
'Handelsblatt'
«trennt sich» Bertelsmann jedoch von Weidenfeld. +++ «Und dieset neue Fidio-Programm ...is imma no nich fettich. Hömma, mach hinne!». Die
'taz'
in der Sprache des Westens über «Der Westen» (siehe auch
Netzeitung)
+++ Dazu die
'FR':
«Den Abwärtstrend» bei der «WAZ», den «konnte auch der 2005 engagierte Chefredakteur Ulrich Reitz nicht stoppen, ein konservativer Katholik, der von der 'Rheinischen Post' eingekauft wurde und in der eher der SPD nahestehenden Redaktion in Essen aufschlug. Seitdem ist fast in jeder Ausgabe ein großes Foto vom eitlen Reitz zu sehen - an Journalisten vor Ort wurde aber gespart.» +++ Die «taz»
beherrscht auch,
zumindest in Gestalt des Hägler Max, die Sprache der Bayern, welche die Macher der BR-Daily «Dahoam is Dahoam» angeblich schlechter verstehen als ihr Handwerk. +++ «Romy Henke berichtet über die erste Sitzung: So war unser Tag im Bild-Leserbeirat»
('Bild'-Zeitung).
+++ Yvonne Catterfeld - «die neue Romy Schneider?»
('Tagesspiegel')
+++ Viele Berichte gibt's heute über Sarkos neuen Skandalauftritt bei CNN.
Hier bei Youtube zu sehen.
+++ Die
'SZ'
moniert
(siehe auch
«Bildblog»), was die «Bild»-Zeitung mit Hinweis auf «www.tradition-mit-zukunft.de» am jüngsten «Tatort»
monierte.
Insidergag: «SZ»Autor Christian Fuchs zeichnet mit dem Kürzel «fuxx». +++ «Taugen Sie zum Schrotthändler?»
fragt
der «Kölner Stadtanzeiger» WDR-Neuzugang Gerhard Delling. +++ «Ich wünsche mir, dass die Zuschauer da sitzen und fragen: Warum macht der sich eigentlich immer zum Horst? Oder dass sie sagen: So doof war ich auch mal», sagte Bastian Pastewka zu Hans Hoff, der ihn für «Welt Online»
interviewte.
+++Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Mittwoch gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels |