Altpapier vom Dienstag02. Okt 2007 10:00, ergänzt 11:10  |  Wolfgang Stumph gehört keiner Unternehmerfamilie an, ist am 3. Oktober aber wieder in der ARD zu sehen | Foto: MDR/ Junghans |
|
Ist der neue Film mit Wolfgang Stumph nun gut oder schlecht? Zumindest deutet der spektakulär kuriose Erfolg einer ARD-Doku darauf, dass Zeitungskritiken für den Publikumserfolg keine große Rolle spielen.
«Die Mediengesellschaft derer, die auf der anderen Seite gelebt haben und von dort aus filmen, schreiben, urteilen, fördert seit jeher die Sichtweise: Wie habt ihr das da bloß aushalten können. ... »
Fast etwas erregt klingt der Schauspieler Wolfgang Stumph im Interview mit der «FAZ» (S. 45; weniger erregt allerdings klingt er im
online verfügbaren
«Rundschau»-Interview).
Jedenfalls schien Stumph schon zu ahnen, dass die Kritik auch seinen jüngsten Fernsehfilm
'Heimweh nach drüben',
mit dem die ARD morgen abend die beste Sendezeit des Einheits-Tages bestreiten wird, wieder nicht schätzen wird.Da hatte er recht.
«'Die Frau vom Checkpoint Charlie' war die Tragödie zum Tag der Deutschen Einheit, 'Heimweh nach Drüben', morgen Abend im Ersten, ist die Komödie dazu. Und trotzdem eine Tragödie. Hauptsendezeit. Vor ein paar Wochen hätte man da noch schön grillen können, aber jetzt? Wo verläuft die Mauer? Vielleicht zwischen denen, die Lustspiele wie dieses aushalten, und den anderen. Sag mir, worüber du lachst, und ich sage dir, wer du bist!», ärgert sich Kerstin Decker im
'Tagesspiegel'
über die «Komödienharmlosigkeit».
«Ist der Film zu lieb und harmlos, zu idyllisch? Wer sich nach 17 Jahren deutscher Einheit aus alten Gräben heraus zu mehr Höhensicht begibt, um heiter zurückzuschauen, wer dazu gekonnt auch in den Handwerkskasten der Lustspielklamotte greift, kann solche Einwände gelassen ertragen», hält in der
'Berliner Zeitung'
... nein, nicht Horst Köhler, sondern Volker Müller entgegen.
Dazu ließe sich sagen, dass dieses Blatt halt aus dem alten Osten, jenes aus dem alten Westen Berlins kommt. Oder es ließe sich ergänzen, dass Stumphs Regisseur Hajo Gies, aus dessen Filmschaffen der «Tagesspiegel» exemplarisch die Titel «Heirate meine Frau» und «Liebe versetzt Berge – Alpenglühen II» nennt,
einst
in einer völlig anderen Epoche in einer völlig anderen Stadt auch die Komissarsfigur Horst Schimanski auf den Bildschirm gebracht hatte.
Doch all das lohnte wahrscheinlich gar nicht. Ob Zeitungen Fernsehsendungen empfehlen oder nicht, ist vergleichsweise gleichgültig - diese Erkenntnis greift seit dem überraschend großen Publikumserfolg (siehe
Netzeitung)
der überhaupt nirgends angekündigten ARD-Dokumentation «Das Schweigen der Quandts» um sich. In Reaktion auf die Dokumentation (das meiste darüber stand, nachträglich, in der
'FAZ')
widmet die «Süddeutsche» heute ihre Themenseite 2 der Unternehmerfamilie. U.a.
spürt
Christopher Keil dem audience flow im ARD-Programm mit den GfK-ermittelten Einschaltquoten nach: 8,35 Millionen sahen Veronica Ferres als «Die Frau vom Checkpoint Charly», beinahe sechs Millionen sahen Anne Wills Talkshow. «Und als um 23.31 Uhr noch etwas mehr als eine Millionen Menschen verblieben waren nach dem Kulturmagazin 'Titel, Thesen, Temperamente', begann die Reportage 'Das Schweigen der Quandts'. Das Spezielle an der Sonderprogrammierung von Spielfilm und politischer Talkshow war die Wucht, mit der das Erste ein Thema besetzte, es mit einer Trailer- und Plakat-Kampagne bewarb und zweieinhalb Stunden lang aufführte. Das Besondere an der Doku über die NS-Verstrickung der BMW-Familie Quandt war, dass sie überhaupt nicht beworben wurde - trotzdem blieben 1,29 Millionen während der 60 Minuten dran, was einem 13,5-prozentigem Marktanteil entsprach. Das ist für ein dokumentarisches TV-Stück um die Mitternachtszeit ein herausragender Wert... Um so unverständlicher ist, warum eine so gute Reportage mit so relevantem Inhalt nicht mal in der Programmpresse angekündigt worden ist». Vielleicht ja einfach, weil nun endgültig nachgewiesen ist, dass es Filmen keine besseren Quoten beschert, wenn sie vorab gelobt werden?
Die offizielle Erklärung des NDR, der den Film produziert hat, für die sehr kurzfristige ARD-Ausstrahlung geht dahin, «dass der Film am Sonntagnachmittag auf dem Hamburger Filmfest gezeigt worden sei. Deswegen habe die ARD sich entschlossen, den TV-Zuschauern das Stück möglichst zeitnah zu präsentieren. Ein theoretisch denkbarer Versuch, die Ausstrahlung mit juristischen Mitteln zu verhindern, habe bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt»
('Hamburger Abendblatt').
Das findet die «SZ» «spektakulär kurios».
Wie auch immer, noch kurioser ist, wie das Hamburger Filmfest selbst seinen Zuschauern das Werk
ankündigte:
«Die Autoren durchbrechen mit dieser Dokumentation eine Mauer des Schweigens. Seit mehreren Generationen verbirgt eine Industriellen-Dynastie sorgsam ihre Geschichte und die Herkunft von Teilen ihres Vermögens. ...». Da hieß der Film nur «Die Familie»; weder der Name Quandt, noch die Namen der Regisseure (Eric Friedler und Barbara Siebert) wurden auch nur genannt.
Mehr im Internet: Die Artikel des Tages |
|
Altpapierkorb In den, wie Wolfgang Stumph sagen würde, unverbrauchten Bundesländern hat sie «einen Marktanteil von rund 20 Prozent und damit mehr Leser als 'Spiegel', 'Focus' und 'Stern' zusammen». Jenni Zylka von der
'taz'
hat der «Super Illu» einen Redaktionsbesuch abgestattet und von Chefredakteur Jochen Wolff mit bayerischem Zungenschlag dieses Erfolgsrezept gehört: «Wir nehmen die Leser ernst, wir lieben sie! Wir wollen die Ostdeutschen auf dem Weg in die Einheit abholen!» +++ Vielleicht hilft auf dem weiteren Weg in die Einheit der bundesweite Digitalkanal mit Bundestags-TV, den Bundestagspräsident Norbert Lammert plant. Doch es gibt Gegner: die Medienkonzentrationskommission KEK meint, «staatliches Parlamentsfernsehen könne das Gebot der Staatsferne im Rundfunk verletzen». Und der ARDZDF-Sender Phoenix, der nach eigenen Angaben bislang mehr als 380 Stunden pro Jahr aus dem Bundestag berichtet, würde sich dann als «aus der Chronistenpflicht der Parlamentsberichterstattung entlassen» betrachten. Mehr in der
'SZ'.
+++ Auf der Tagung «Politik auf dem Boulevard?» in der FU Berlin wurde u.a. deutlich, dass «männliche Schreiber ihre Kritik an Sabine Christiansen in erster Linie an Äußerlichkeiten» à la «Kaschmir-Königin» festmachten
('taz').
+++ Unaufhaltsam schreitet die Konvergenz voran: Die «FAZ» «erscheint nun auch in einer werktäglichen Audioausgabe, die über das Telefon abrufbar ist. ... Das Produkt richtet sich an mobile Leser mit knappem Zeitbudget sowie Blinde und Sehbehinderte» («FAZ»-Wirtschaft, S. 21). «Nutzen Sie Ihre täglichen Autofahrten oder Ihre Joggingrunde zum Hören der F.A.Z.-Audioausgabe»
('faz.net').
+++ Die «Washington Times» gibt es nun komplett auf Audio. «Die Artikel werden alle von derselben Sprecherin gelesen, was nach dem fünften Text monoton klingt» («SZ»). +++ «Wenn die FTD für den Spiegel-Verlag Sinn macht, warum übernimmt Gruner + Jahr den Pearson-Anteil nicht selbst?», fragen die «Spiegel»-Mitarbeiter. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen (ebd.). +++ Wenn ab Freitag die Fraktur aus der «FAZ» schwindet, so hält doch immerhin «The German Times» dem Schrifttyp die Treue. Der
'Tagesspiegel'
widmet dem vom alten Verlagsveteranen Theo Sommer gemachten Blatt ein paar Zeilen. +++ Wie Thomas Manns «Doktor Faustus» als «großes Radioepos» neu ersteht, berichtet ausführlich die «FAZ». +++
Aktuelle Radiotipps.
+++ Wie Frankreich seine TV-Programme exportieren möchte
('taz').
+++ Wie Menschenrechtskommissar Thomas Hammarberg den investigativen Journalismus stärken möchte, berichtet die
'FR'
aus Straßburg. +++ Fernsehschauplatz OP-Saal
('Berliner').
+++Nach dem Tag der deutschen Einheit füllt sich der Altpapierkorb wieder am Donnerstag gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels |