31.08.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Traumberuf Journalist: auch für NPD-Anhänger. Einnahmequelle PR: auch für den Journalismus. Außerdem: die kunterbunte Grauzone der Digitalisierung.
Regelmäßige Leser dieser Rubrik wissen: Im Journalismus gibt es viele
nervöse graue Zonen, in denen es kompliziert zugeht. Es gibt aber auch
Zonen, in denen wenig grau ist.
Wie sich «die NPD ganz im Kleinen allmählich in die Köpfe vieler Menschen vorarbeitet - mit geringen Mitteln und mit den Methoden einer Bürgerbewegung», beschreibt Olaf Sundermeyer ausführlich auf der «FAZ»-Medienseite.
So traf er in einem Café am Bahnhof von Eisenach Patrick Wieschke: Der «26 Jahre alte gelernte Schreiner ... schreibt Texte für das ideologische Gratisblatt 'Wartburgkreisbote', er verantwortet die Zeitung als Chefredakteur und verteilt 22.000 Exemplare eigenhändig in seinem Landkreis in Südthüringen, wo er zur nächsten Kommunalwahl für die NPD in den Kreistag strebt».
Bei dem Treffen sprach Wieschke von «Gegenöffentlichkeit» und nannte den Journalismus seinen «Traumberuf». Wenn er schreibt, schreibt er z.B. (in einem Artikel über das Schächten in Deutschland) von «verseuchten Richterhirnen, mit einem Korpus ohne Rückgrat und Herz, dem Multi-Kulti-Wahn verfallen». Und «wenn Wieschke zu einem Thema 'recherchiert', wie er es nennt, und nachfragt, bei einem Ministerium etwa, 'dann melde ich mich niemals mit meinem Klarnamen - da würde ich ja keine Antwort kriegen'».
Der sehr lesenswerte «FAZ»-Artikel, der auch noch andere Beispiele für
offen NPD-gesteuerte Lokalmedien nennt, steht derzeit nicht frei online. Lesenswert zum Thema ist natürlich der
'NPD-Blog' von
Patrick Gensing, mit dem Sundermeyer ebenfalls sprach.
«Die graue Zone» im «komplizierten Verhältnis von Presse, PR und Politik» wurde gerade öfters durchleuchtet. Heute durchleuchtet die «SZ» sie einmal andersherum als üblich.
«Pressesprecher tun sich mittlerweile schwer, den Journalismus im Lande
zu verstehen», schreibt
Hans Leyendecker und beruft sich dabei auf
Klaus Vater, den Pressesprecher der Bundesgesundheitsministerin, und
Michael Schroeren, Umweltminister
Sigmar Gabriels Pressesprecher. Passend zur jüngsten Aufregung um PR-Agenturen, die im Auftrag von Ministerien arbeiten (siehe
Altpapier), präsentierte Schroeren «ein Schreiben eines Berliner Verlages 'Mediaplanet', der für eine Oktoberausgabe der 'Berliner Zeitung' einen 16-seitigen 'Energieratgeber' erstellt»:
«'Mitten in der Zeitung' erscheine ein Expertenpanel: 'Wir könnten einen Sprecher vom BMU zum Thema Klimagesetz befragen' - macht 3900 Euro. Das Ministerium erhalte auf Wunsch eine Rohversion des Interviews 'für Verbesserungsvorschläge'. Auch sei die Rückseite des Energieratgebers noch frei. Bei Buchung der Seite sei eine 'kostenlose Teilnahme am Expertenanteil' drin und ein 'Weblink zu Ihren Webseiten': Macht 10.870 Euro».
Ein Weblink zu dem interessanten «SZ»-Artikel lässt sich derzeit nicht setzen, er steht nur unfrei online.
«Die Verlagshäuser werden zusehends von Managern geführt, die drei Jahre vorher bei Unilever waren und übermorgen bei Dunlop. Die machen ungestraft eine Zeitung kaputt, zucken bedauernd die Schultern und wechseln die Branche. Das Verständnis für Publizistik schwindet langsam... Man schaut auch in Redaktionen vermehrt nach Rentabilität und Wirtschaftlichkeit. Das hat in einer kapitalistischen Marktwirtschaft - wie immer man zu ihr steht - seine Berechtigung, aber man darf die Grundfunktionen, die der Journalismus in dieser Gesellschaft hat, deswegen nicht aufgeben oder korrumpieren».
Das sagt der Leipziger Journalismus-Professor
Michael Haller in einem
langen Interview mit dem «Freitag». Dabei geht es um das
«Ende der Verlegerdynastien» und viel anderes.
Die Kritik, die die linke Wochenzeitung gern an der Berichterstattung zum
G 8-Gipfel und zu den Protesten hören würde, äußert Haller kaum. Es seien bloß viele
«Fakten- oder Zuordnungsfehler passiert. Das kommt im deutschen Journalismus häufiger vor, hierzulande neigt man zu schlechter Recherche».
Und was Ministerien betrifft, die ihre Themen in der Öffentlichkeit platzieren wollen, weiß Haller ein zumindest medienethisch unbedenkliches Beispiel:
«Im Vorfeld des G 8-Gipfels ist es dem Innenministerium gelungen, durch eine Reihe von Hausdurchsuchungen das Thema 'Terror und Gewalt' zu platzieren. Obschon der Terrorverdacht schnell dementiert wurde, hat man damit die Protestgruppen in eine militante Ecke gestellt. Gute, erfolgreiche PR weiß, wie man dem Affen Zucker geben muss. Und man weiß, wenn man der Journaille bildstarken Konfliktstoff gibt - Krawall, Krach, Gewalt - dann liefert man ihnen etwas Interessantes».
Und kann sich zumindest die Einschaltung von Agenturen, die solche PR in diesem oder jenem Auftrag entgeltlich treiben oder akquirieren, sparen.
Internetnutzer wissen längst: Auch in den Bewegtbildmedien verschwimmen die Grenzen. Fernsehen und Internet bilden inzwischen eine grenzenlose und kunterbunte Grauzone. Mit aktuellen Berichten darüber geht es aus Platzgründen im Altpapierkorb weiter.
AltpapierkorbD2-MAC, DAB, interaktives Fernsehen: lauter tolle Trends, aus denen dann doch nichts wurde. Sie scheiterten am «ärgsten Feind des Fortschritts». Damit meint
Steffen Grimberg uns, «die VerbraucherInnen». In der
'taz' gibt er zur heute startenden IFA einen Überblick (und glaubt, dass wir VerbraucherInnen die «Mediatheken» von ARD und ZDF
«lieben» werden. +++ Auch daraus
wird wohl nichts: die endgültige Digitalisierung des Fernsehens bis ins überübernächste Jahr. «2010 ist nicht mehr zu halten», sagt Berlins Medienwächter
Hans Hege (ebd.). +++ Mehr als
588 IPTV-Kanäle wurden bereits in Deutschland kreiert, und das ist längst nicht alles, was man im Internet an Bewegtbildern anschauen kann. Die
'Berliner Zeitung' gibt einen Überblick und zitiert
Norbert Schneider, den Düsseldorfer Medienwächter: «Die Mischformen zwischen linearem und nichtlinearem Fernsehen werden wir so
prüfen, wie ein Finanzbeamter die private Nutzung von etwas prüft: 'Das ist überwiegend Fernsehen, das ist überwiegend nicht Fernsehen'». +++ Mit der «durchkomponierten Mischung aus nachrichtlichem, analytischem und unterhaltendem Journalismus», die «Spiegel Online» zur
«Reichweiten-Großmacht» machte, befasst sich
Robin Meyer-Lucht im
'SZ'-Magazin.+++ Wie die GEZ
Freiberufler prüft, schildert die
'FAZ'. +++ Ab 1. September gelten
neue Regeln der Bundesnetzagentur für die Anbieter von «Telekommunikations-Mehrwertdiensten», die auch viele Fernsehsender betreffen. Kölns
'Stadtanzeiger' informiert. +++ Bertelsmann will seine Tochter «Sonopress», die 1.000 Mitarbeiter in Gütersloh beschäftigt, «komplett umbauen»
('Handelsblatt'). +++ Der WDR will sein aufwändig produziertes Magazin
'Echtzeit' aus seinem Dritten
ins ARD-Programm heben, am liebsten auf den späten Sonntagabend («SZ»). +++ Was ging auf der Berliner Medienwoche ab? Ein paar Zeilen in
'Tsp.', 'taz' (mittendrin). +++
Harald Keller nimmt die Pro Sieben-Sendung «Superstorm - Hurrikan außer Kontrolle» zum Anlass, zu diskutieren, welche Sendeformen es eigentlich braucht, «damit ein Sender seinem Informationsauftrag gerecht wird»
('FR'). +++ Andererseits, die Reality-TV-Show «Kid Nation» brachte dem Sender CBS Kritik ein, weil sie «ein bisschen
zu realistisch geraten» ist
(ebd.). +++ «Mit Handy und Internet emanzipiert sich nun auch Afrikas Journalismus - aber nicht so schnell, wie erhofft»: der Aufmacher der «SZ»-Medienseite 17. +++ «Ist es besser, Morde an Journalisten durch Militärs ungesühnt zu lassen oder dafür
die Falschen hinzurichten?» Auch da wird aus Afrika berichtet
('taz'). +++ «Journalisten als anonyme Enzyklopädisten»: Die
'Neue Zürcher' setzte die Wikiscanner-Software in Hinblick auf Schweizer ein. +++ Unter der Überschrift «Mehr Frauen, weniger Gerechtigkeit» fasst der
'Tsp.' aktuelle RTL-Programmänderungen zusammen. +++ Ein in Zeiten der Digitalisierung im Verschwinden begriffener Fernseh-Schauplatz: die Telefonzelle
('Berliner'). +++ «Ich wollte immer als Journalist gesehen werden. Nicht als Kleiderständer», doch irgendwann im Verlauf seiner 17 Jahre als Moderator der RBB-«Abendschau» erkannte
Friedrich Moll:
«Fernsehen ist, wenn die Krawatte korrekt sitzt. Das habe ich viel zu spät begriffen»
('Tagesspiegel'-Interview). +++ «Texten» tun fraglos alle, die etwas schreiben; aber nicht alles Geschriebene ist Journalismus.
('Neue Zürcher Zeitung' in einer Buchrezension).
Am Montag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.