17.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Altpapier vom Dienstag
Neue Eigentümer streichen Stellen - bei Sat.1 und wohl auch der Netzeitung. Können die Medienwächter dem TV-Sender die Lizenz entziehen?
Kleine Ironie am Rande: Die beiden Medien-Unternehmen, auf die sich wegen angedrohter
Stellenstreichungen gerade die Aufmerksamkeit richtet, hängen auf unscheinbare Weise auch in der Inhalte-Produktion zusammen. ProSiebenSat1 lässt sich
Videotextseiten von der Netzeitungs-Gruppe zuliefern.
Bei der Sendergruppe ist vor allem Sat.1 in den Schlagzeilen, weil dort im Zuge der «Heuschreckenlogik»
('FAZ' gestern) «50 bis 60 Stellen» liquidiert werden sollen. Das sind «mehr als
ein Viertel der Gesamtbelegschaft»
('taz' heute). Sat.1 ist ein kleines Unternehmen.
Die Netzeitung ist noch kleiner. Dafür sollen hier Redakteure
überhaupt «nicht mehr gebraucht» werden, wenn erst im Herbst der «integrierte und ganzheitliche Auftritt» abgeschafft sei, heißt es in der
'FAZ'. Dann würden nur noch die freien Mitarbeiter benötigt, die derzeit die erwähnten ProSiebenSat1-Videotextseiten «pflegten und aktuell hielten». In diese Richtung ziele eine
«Ideenwolke» des neuen Geschäftsführers
Robert Daubner.
Aus Teilen der Netzeitungs-Redaktion werden die Betriebsversammlungen am Redaktionssitz (an dem das Altpapier nicht produziert wird) allerdings gegenläufig interpretiert: die Rede ist von «Halbwahrheiten, Faktenverdrehungen und Lügen». Wie sehr der Artikel mit heißer Nadel gestrickt worden sein muss, zeige allein die Schreibweise des Geschäftsführer-Namens. «FAZ»-Redakteur Jochen Hieber kommt gleich auf drei Varianten: «Robert Daubner» (korrekt), «Grauber» (falsch) und «Robert Graubner» (auch falsch).
Übrigens hat
Peter Skulimma, Vorsitzender der Geschäftsführung der «BV Deutsche Zeitungsholding», der die Netzeitung nun gehört, in seinem Laptop eine Präsentation, mit der er die Frage
'Sind Finanzinvestoren die besseren Verleger?' wenn nicht ausdrücklich bejaht, so doch keinesfalls verneint. Als er den Vortrag hielt, fügte er hinzu, dass es sich bei der Zeitungsholding seit dem
Ausstieg von VSS um
keinen Finanzinvestor handelt, da sie nun allein zu
David Montgomerys Firma «Mecom» gehört und diese ja
börsennotiert ist.
«Wir kennen zwar die Namen von Private-Equity-Gesellschaften wie Permira und KKR, aber letztlich sind das nur
Etiketten, weil wir nicht wissen, welche Investoren hinter diesen Fonds stehen», zitiert die
'FAZ'-Wirtschaft aus dem aktuellen
Sat.1-Anlass den Vorsitzenden der Landesmedienwächter-Konferenz,
Reinhold Albert. Denkbar sei z.B., dass ProSiebenSat1 von denselben Investoren wie große deutsche Kabelnetz-Betreiber kontrolliert würde.
«Wenn Sat.1 die Anforderungen an ein Vollprogramm nicht mehr erfüllt, müssen wir über die Konsequenzen nachdenken», droht sein rheinland-pfälzischer Kollege
Manfred Helmes. Der
Verlust des Vollprogramm-Status könnte Nachteile bei der Kabeleinspeisung nach sich ziehen.
Angesichts der Tatsache, dass etwa auch RTL 2 und Kabel 1 als Vollprogramme gelten, scheinen solche Konsequenzen für Sat.1 allerdings ziemlich unwahrscheinlich, wendet mit Recht
'dwdl.de' ein.
Die «taz» nennt heute das von den Investoren KKR und Permira vorgegeben Ziel von 30 Prozent Rendite einen «im gebeutelten deutschen Privat-TV absurden Wert» und berichtet über «unglaubliche Wut» beim Berliner Sender.
Vielleicht aber ist Sat.1 bald gar kein Berliner mehr. Die
'Süddeutsche' kann sich vorstellen, «dass auch um die Frage des Standortes Berlin diskutiert wird. Sat 1 residiert in
bester, teurer Lage am Gendarmenmarkt, möglicherweise laufen noch von
Leo Kirch vereinbarte Förderprogramme in Berlin aus».
AltpapierkorbWie war die
Augenbraue? Erste Besprechungen des
Caren Miosga-Debüts bei den «Tagesthemen» liegen noch nicht gedruckt vor, aber im Internet.
'Welt Online' ist ziemlich begeistert,
'sueddeutsche.de' weniger («Miosga verkündete die 'Tagesthemen', als würde sie eine langweilige Geschichte vorlesen», allerdings rein akustisch gesehen).
Jochen Hieber ('faz.net') fand Miosga u.a. dank der rechten Braue, dieser «minimalen anatomischen Anomalie», «auf eine sehr erwachsene Art
mädchenhaft» und auch sonst lobenswert. +++ «Die ARD scheint eine gute Wahl getroffen zu haben» (
Ralf Mielke,
'berlinonline.de'). +++ Als WDR-Intendantin
Monika Piel der
'Rheinischen Post' auf die Frage «Das ARD-Flaggschiff 'Tagesthemen' ist ins Gerede gekommen. Was macht das ZDF mit dem 'heute journal' zurzeit besser?» entgegnete: «Das einzige, was sie dort besser machen, ist, dass sie ... eine frühe Anfangszeit haben. Daran muss man meiner Meinung nach dringend etwas ändern», so dachte sie doch «nicht im Traum daran, die 'Tagesthemen' weiter vorzuziehen». Vielmehr sei «ein Fehler gemacht worden bei der Autorisierung des Interviews, hieß es» («SZ»). Also, «man habe nur beim Gegenlesen des Interviews
nicht genau genug hingesehen» ('Rundschau'). +++ Die «FAZ» hat ferner
Martin Hoffmann besucht, der «nicht nur Harald Schmidts Kumpel» ist, sondern auch Geschäftsführer der Fernseh-Produktionsfirma MME Moviement, die ebenfalls o.g. Permira gehört. «Spekulationen, dass MME Moviement damit näher an ProSiebenSat.1 rücken werde, wehrt Hoffmann ab», schon weil er «wesentliche Umsätze ...vor allem mit RTL» macht. +++ Eine der MME-Produktion »Gülcans Traumhochzeit«. «Warum das
so viele sehen wollen», erklärt
Klaudia Wick in der
'Berliner Zeitung'. +++ «Nun ist es ja nicht so, dass Doping in der ARD bis jetzt kein Thema war. Die Lawine der jüngsten Doping-Beichten wurde immerhin in der ARD-Sendung 'Beckmann' losgetreten. Die neue Qualität ist aber, dass wir eine Kontinuität in die Berichterstattung zu diesem Thema bringen und auch, so oft es geht, mit eigenen Rechercheergebnissen aufwarten wollen. Dabei haben wir
immer ein gutes Gewissen gehabt» (
Ulrich Loke aus der
Doping-Fachredaktion des WDR im
'Tagesspiegel'-Interview).
Am Mittwoch füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.