15.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Altpapier vom Dienstag
Entwarnung: Keine Zensur im Falle Posener bei der «Welt». Erregung: Wie kann Serbien den Grand Prix gewinnen. Erwartungen: an Oliver Pocher bei Harald Schmidt gering.
Hat die Pressefreiheit in diesem
Land noch eine Chance?
Nein, lieber Leser, es geht nicht um China, Russland oder Usbekistan. Die Rede ist von Deutschland. Und da ist Pressefreiheit eine
differenzierte Angelegenheit.
Christoph Keese, Chefredakteur der «Welt am Sonntag» und zuständig für «Welt-Online», gibt im Gespräch mit
Christopher Keil auf
'Sueddeutsche.de' eine kleine
Einführung ins Thema.
Pressefreiheit ist die Freiheit einer Redaktion gegenüber einem staatlichen Zensor und gegenüber Drittinteressen. Was es dagegen «nicht geben kann», ist «absolute Freiheit eines Redakteurs gegen den Rest und die Spitze der Redaktion». Diese Behauptung bedarf keiner ethischen oder rechtlichen
Unterfütterung, sie kann sich auf «Jahrhunderte Erfahrung» stützen.
Anlass des Gesprächs ist der mittlerweile
gelöschte (aber
hier dokumentierte) Blog-Eintrag des «Welt»-Kolumnisten
Alan Posener, der «Bild»-Chef
Kai Diekmann «scheinheilig» genannt hatte (siehe
Altpapier vom letzten Donnerstag).
In der Blog-Szene war wegen dieses Vorgangs der Begriff «Zensur» aufgetaucht, den Keese für nicht angemessen hält.
Wer sich als professioneller Autor redigieren lässt, unterwirft sich keiner Zensur, sondern der Bearbeitung durch einen Kollegen. Dies ist etwas ganz und gar anderes. Nach dieser Lesart erscheint die «Schere im Kopf» in neuem Licht.
Aber die Aufregung ist sowieso überflüssig, denn wie von Keese zu erfahren ist, war
nicht der Inhalt, sondern die Form der Grund, Poseners Artikel aus dem Netz zu nehmen.
Ich habe den Text von der Seite genommen, weil er stilistisch und argumentativ nicht unseren Anforderungen entsprach. Es war eine Polemik über ein Buch, das der Autor nicht gelesen hatte - und das geht nicht. Überdies enthielt der Text Ausdrücke, die nicht zu uns passen. Was wir jetzt ganz und gar nicht verstehen: Wenn es die absolute «binnenredaktionelle» Freiheit des Redakteurs nicht geben kann, wie kann der «Gegenstand» von Poseners Kritik, die
publizistische Praxis eines Vorgesetzten, «nicht kritikwürdig» sein? Das ist eine interessante Form von Dialektik.
Hat die Integration in
Europa noch eine Chance?
Diese Frage müssen wir stellen, weil die osteuropäischen Neumitglieder beim
Grand Prix aka Eurovision Song Contest offenbar nicht verstanden haben, dass sie ihre Stimmen nicht für sich behalten dürfen.
Nicht nur die «Bild»-Zeitung fragt sich (
hier dokumentiert), ob in Helsinki alles mit rechten Dingen zugegangen ist (worüber
'FAZ',
'Welt' und
'SZ' berichten). Auch
Daniel Haas auf
Spiegel-Online hat naturgemäß
nichts gegen den serbischen Siegertitel.
Aber die Künstlerin kommt aus Serbien, einem Land, das in einen der schlimmsten Bürgerkriege des letzten Jahrhunderts verstrickt war. Da fragt man sich schon: Wie kann das sein? Haben denn diese Serben überhaupt keinen
Anstand, führen da nach Lust und Laune einen der schlimmsten Bürgerkriege des letzten Jahrhunderts, um anschließend, als sei nichts gewesen, unseren schönen Grand Prix zu gewinnen?
Andererseits sollte irgendeine binnenredaktionelle Verantwortung Herrn Haas vielleicht mal unauffällig darauf hinweisen, dass diese Argumentation ein gewisses Potenzial an
Bumeranghaftigkeit birgt. Am Ende kommen diese Rotzlöffel aus Serbien und Rumänien und wie die Länder alle heißen, in denen die Clubregeln nicht bekannt sind, noch auf die Idee, uns anständige Deutsche vom Grand Prix
ausschließen zu wollen, bloß weil wir in zwei der schlimmsten Weltkriege des letzten Jahrhunderts verstrickt waren.
Immerhin informiert uns
Jan Feddersen via
'taz', dass in diesem Serbien offenbar nicht nur Nationalisten leben. Es gibt
noch Hoffnung.
Altpapierkorb
Apropos Hoffnung: Harald Schmidt holt sich ab Ende Oktober Oliver Pocher ins Boot, wenn er dank Frank Plasberg nur noch einmal die Woche für eine Stunde ran muss. Das wird erwartungsgemäß flächendeckend (
'KStA',
'Welt',
'taz',
'FR',
'Berliner',
'Tsp',
'SZ',
'FAZ') vermeldet, und erwartungsgemäß wird von Herrn Pocher eher weniger erwartet. +++ Der
'Tagesspiegel' portraitiert letzteren. +++ Heute soll über den «Bild»-Umzug von Hamburg nach Berlin entschieden werden, die
'FAZ' skizziert die Lage. +++ Zweifel an der
digitalen Verheerung äußert
Daniel Pfeifer im Interview mit der
'Berliner'. +++ Über die digitale Zukunft geht es unter anderem auch im Gespräch von
Dagmar Reim, der alten und neuen RBB-Intendantin mit der «SZ» (Seite 19). +++ Die täglich sich neu stellende Rechte-Frage bei Youtube verhandelt
Wilfried Urbe in der
'FR'. +++ Alte Menschen reüssieren in neuen Medien, der
'Tsp' stellt den 79-jährigen Youtube-Helden
Peter Oakley vor. +++ Alte und neue
Medien beim Gipfeltreffen in den USA (
'Berliner'). +++ Das US-Militär sperrt hingegen den Zugang zu mancher Internetseite für die eigenen Soldaten (
'Welt'). +++ Venezuelas Präsident
Hugo Chavez scheint die Sendelizenz von Radio Caracas Television (RCTV) nicht zu verlängern, die
'FR' informiert über Hintergründe. +++ Über den Ausbruch eines BBC-Reporters im Interview mit einem
Scientologen berichtet die
'taz'. +++ Thomson übernimmt Reuters (
'Welt'). +++ Und
John de Mol kauft sich mit Berlusconis Unterstützung Endemol zurück (
'FTD'). +++
Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.