Altpapier vom Donnerstag
15. Mrz 2007 10:07, ergänzt 11:09
 |  Jürgen von der Lippe bezeichnet sich selbst gern als 'alten Sack'. Nun bekommt er einen Grimme-Preis. | Foto: dpa |
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«Großer Murks» bei den Grimme-Preisen? Jürgen von der Lippe wird für «Extreme Activity» prämiert.
Ach herrje.Ein Grimme-Preis nicht nur für Sönke Wortmanns Fußball-Märchen, das man leicht für sehr langweilig halten kann (völlig subjektive Meinung), nein auch noch für Jürgen von der Lippe.
Für
eine Show,
die, wenn sie diesen renommiertesten deutschen TV-Preis nicht bekommen würde,
womöglich
schon abgesetzt worden wäre! Für «das Urgesteinchen der gepflegten TV-Unterhaltung» («taz»), für einen Mann, der sich selbst gern und oft als «alten Sack» vorstellt und, wenn er gerade keine eigene Zoten parat hat, auch mal Zoten zum Besten gibt, die vor Jahren Michael Schanze erzählt haben soll. Wie konnte es zu dieser «sehr eigenartigen»
('taz'),
«überraschenden»
('Tagesspiegel')
Entscheidung kommen? «Darüber wird wohl zu reden sein», meinen
Jana Hensel in der 'SZ',
aber auch
Stefan Niggemeier in seinem Blog.
Und weil außer ihnen (und u.a. Joachim von Gottberg von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen; vgl. das
'taz'-Interview
neulich zum Thema «DSDS») auch der Autor dieser Kolumne
in der Jury
saß, die die von der Lippe-Entscheidung verusachte, muss das an dieser Stelle vertieft werden.Zumindest ist es dem Grimme-Institut gelungen, eine kräftige Debatte zu erzeugen. «Der oft totgesagte Grimme-Preis ist auf keinem schlechten Weg»: Solche Sätze, zumal an so prominenter Stelle wie am Ende eines Artikels auf der «FAZ»-Medienseite, möchte man in Marl natürlich lesen.
Michael Hanfelds Artikel trägt die fein feuilletonistische Überschrift «Die Grimme-Jury amüsiert sich wie ein Schneekönigshof» und lobt auch explizit den Preis für die Pro Sieben-Show: «Bei 'Extreme Activity' amüsierte sich die Jury genauso prächtig unter Niveau wie das Publikum, und es ist ihr - im Gegensatz zu früheren Jahren - nicht peinlich».
Das allerdings stimmt nur bedingt. Einer Mehrheit in der Jury war es nicht peinlich, die überstimmte Minderheit war und ist damit nicht so glücklich. Sie hatte sich eigentlich bei Bastian Pastewka besser amüsiert, und sowohl über Guildo Horns
Talkshow mit geistig Behinderten
(gewann gerade den
Preis 'Bobby')
als auch über Stefan Raabs Samstagabendshow länger diskutiert.Das macht Jana Hensel in der «Süddeutschen» auf kontroverse Art sehr deutlich. Sie schreibt von «großem Murks». Stefan Niggemeier schreibt in seinem Blog, bereits begleitet von zahlreichen kräftigen Kommentaren, zurück.
Im Sinne der Unterhaltung ist es vermutlich verkehrt, diese Debatte zu versachlichen. Aber möglich ist es.
Schuld ist der «etwas undurchsichtige Kategoriensalat» («SZ»), aus dem sich die Jury eben nur zwei Preisträger ziehen konnte, obwohl er viel mehr Zutaten enthielt. So fielen in der Diskussion tatsächlich Sätze wie der, dass man es leid sei, «Preise immer nur an Sachen mit Aidsinfizierten und Behinderten zu vergeben» (vgl. «SZ»).
Einerseits freuten sich einige ältere Hasen, die zuvor stets «stiefmütterliche Behandlung» der «Unterhaltung» bei Grimme beklagt hatten, dass diese 2007 erstmals ein «eigenständiges Wettbewerbskontingent» bildete. «In früheren Jahren wäre die Sendung höchstwahrscheinlich kaum berücksichtigt worden, doch in der neu geschaffenen Kategorie 'Unterhaltung' ist das von Jürgen von der Lippe moderierte heitere Begriffe-Raten ein würdiger Preisträger», argumentiert im
'Kölner Stadtanzeiger'
Jurymitglied Tilmann P. Gangloff.Andererseits: Dass die ARD-Serie «Türkisch für Anfänger», die zwar völlig fiktional ist, aber aufgrund älterer Regelungen für sog. Sitcoms auch im Unterhaltungressort gelandet ist, einen Grimme-Preis bekommen muss (vgl.
Netzeitung.de),
war allen klar.
So waren nach der einfachen Mehrheitsentscheidung für von der Lippe keine weiteren Preise zu vergeben, und Guildo Horn bekam keinen.Vielleicht ein Trostpflaster: Ein Jurypreis für den immer noch unbegreiflich angesehenen Volkswagen der Fernsehunterhaltung,
Horst Schlämmer-Kerkeling
, ist auf diese Weise verhindert worden.Die letzten Worte zum Thema gehören nun ruediger, 54, aus Bochum. Wir zitieren aus dem vorbildlich offen gestalteten
Forum
auf der gut gemachten Seite juergenvonderlippe.de (Wie wär's mit einem Grimme Online Award?
Bis 31. März können Preiskandidaten vorgeschlagen
werden):«Sehr geehrter Herr von der Lippe
am 12.03.2007 war ich mit meiner Frau Gast im Ruhr Congress zu Ihrer Vearanstaltung 'ALLES WAS ICH LIEBE'. Wir haben fast alle Veranstaltungen von Ihnen gesehen und waren bis zum 12.03.2007 sehr große Fans von Ihnen. Zu unserem bedauern mußten wie feststellen, daß 90% des neuen Programmes eine Zusammenstellung aus Ihren alten Programmen war.So hatten wir den komischen Beigeschmack, daß hier eventuell nur noch Geld verdient werden soll. Ein Programm mit neuer Verpackung und altem Inhalt - schade! Bisher waren wir der Meinung, daß sie so etwas nicht nötig hatten.»
Mehr im Internet: Die Artikel des Tages |
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«Der Schwerpunkt liegt bei den Königsdokumentationen,
einem Genre
des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Wir wollen unsere weltweite Spitzenposition...» ?? Pardon, vertippt: «Der Schwerpunkt liegt bei den Dokumentationen, einem Königsgenre des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Wir wollen unsere weltweite Spitzenposition ausbauen», sagt ZDF-Intendant Markus Schächter natürlich im großen «SZ»-Interview (Medienseite 15), in dem er auch anlässlich des Zweiteilers «Die Flucht» die «Kampagnenfähigkeit» der ARD lobt. +++ Die neue Fernseh- und Internet-Kampagne von Sony hat jedoch ProSiebenSat1 ergattert
('Handelsblatt').
+++ Die zur «Gesellschafter»-Kampagne gehörende Zeitschrift durchweht der «warme Hauch einer Hoffnung»: Christoph Twickel war wieder
am Kiosk.
+++ «Eine Kriegsmaschine, die allen Angst macht»: neues zur «Kill Bild»-Kampagne in Frankreich
('Berliner').
+++ Heribert Prantl: «Angesichts millionenfacher Rechtsverletzungen ist fraglich, ob das Urheberrecht noch eine Zukunft hat». Die «SZ» widmet
ihre
Seite 2
dem aktuellen Youtube-Problem. Siehe auch
'taz'.
+++ «Knast für Paparazzi»? Das berichtet Dirk Schümer im Feuilleton der 'FAZ', die sich ja auch vom jüngsten deutschen Caroline-Urteil sehr betroffen fühlte. +++ Die «FAZ»-Medienseite berichtet vom «Fußballfernsehkrieg in England» (ein Pub in Portsmouth zeigt englischen Ligafußball nicht via BSkyB, sondern über einen «wesentlich billigeren griechischen Anbieter», nun müssen Gerichte entschieden), von bulgarischen Attacken auf die «WAZ»-Gruppe und von der Einspeisung von Al-Dschasira ins Schweizer Kabelnetz: «Der eidgenössische Medienminister will keine präventive Zensur. Und beruft sich auf europäische Regelungen: Weil Al Dschasira bereits in Großbritannien erlaubt sei, könne man die Sendebewilligung in der Schweiz gar nicht verweigern» (S. 40). +++ Zwar lobenswert, doch auch «veraltet»
('taz'):
die Irakkriegs-Serie «Over There», die nun bei Premiere läuft. +++ Falls Sie sich bisher über die Fernsehpolitik der EU (siehe
Altpapier)
nicht zu unklar gewesen sind: Ruth Hieronymi tut was. Die CDU-Poiltikerin aus dem EU-Parlament verfasste für die «Zeit» den Artikel «Die Schleichwerbung wird legalisiert» (S. 27). +++
Ebd., ausführlich
im «Leben»: Wie das Internet quasi «nebenbei das traditionelle TV-Geschäft durcheinander» wirbelt. +++ Im Tagesgeschäft der TV-Unterhaltung ist nach der Talkshow immer vor der Talkshow. Maybrit Illner moderiert jetzt «Maybrit Illner», und der
'Tagesspiegel'
interviewte den gleichnamigen Talkstar. Hingegen war es «der große Nowottny», der gerade «Sandra Maischberger» moderierte (Kritik
ebd.,
'Berliner').
+++Am Freitag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels