Das Herz am rechten Fleck
02.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Damit das gesagt ist. Wenn die ARD «Flucht und Vertreibung der Deutschen zum Ende des Zweiten Weltkriegs» behandelt, also «ein Thema, das lange tabuisiert wurde» (ARD), sollen keine Missverständnisse beim Schuldzusammenhang aufkommen.
Zugleich erhebt sich in den ersten Minuten die Filmmusik, ein leise anschwellendes Klimpern und Säuseln, das während der folgenden drei Stunden kaum einmal aussetzen wird. Die Stimme der Gräfin erläutert, dass sie gleich darauf ans Bett ihres kranken Vaters gerufen wurde. So trifft sie - immer noch laufen der Vorspann und die ersten fünf Filmminuten - in Ostpreußen ein. Dort erwarten sie ein Hitlerjunge, der sozusagen die Generation der schuldlos Schuldigen repräsentiert, und der charmante, virile französische «Fremdarbeiter» François (Jean-Yves Berteloot).
Es gibt diese und jene Wehrmachtssoldaten, die bei Tisch gesittet Positionen austauschen. Max von Thun, der kürzlich für die ARD den österreichischen Kronprinz Rudolf verkörperte («Kronprinz Rudolfs letzte Liebe»), spricht aus, dass die Wehrmacht mordet. Er will nicht mehr mitmachen und wird von einem jener Soldaten, die stets von Ehre und Gehorsam reden, zum Selbstmord gedrängt. Es handelt sich um seinen Bruder, der eigentlich gerade die Gräfin heiraten wollte. Später bekommt dieser Heinrich von Gernstorff (Tonio Arango) Gelegenheit zur Läuterung. Bekommt er auch die Gräfin? Das ist das, was sozusagen spannend sein soll.
Vor allem aber ist da Gräfin Lena. Maria Furtwängler, die «Tatort»-Kommissarin, die gerade eben in Jörg Pilawas «Star-Quiz» auftrat, die Ehefrau des Verlegers und «Bambi»-Stifters Hubert Burda, die gerade Titelstar der «Bunten» ist, spielt sie in resoluter Heutigkeit.
Die Gräfin setzt sich dafür ein, dass erste Flüchtlinge aus dem Memelland gut behandelt werden, und Zwangsarbeiter, und Pferde. Sie tritt den Nazis so aufrecht tapfer entgegen wie den Zwangsarbeitern, von denen sie «absolute Loyalität verlangt», was seinen Eindruck nicht verfehlt. «Die Gräfin muss ihr Wort 'alten!», ruft François, als die internationalen Zwangsarbeiter ihr Verhalten diskutieren. Als der Franzose die Gräfin einmal auf «Ihre Klasse» anspricht, im soziologischen Sinne, wischt sie das Thema mit der Gegenfrage «Haben Sie Kinder?» beiseite.
So auch in «Die Flucht». Jeder Tote, der in Teil 1 zu beklagen ist, stirbt durch tragisches Schicksal. Im ebenfalls sorgfältig austarierten Teil 2, in dem auch Russen vergewaltigen, morden Wehrmachtssoldaten tatsächlich einmal. Aber Gräfin Lenas französisches love interest nimmt es nicht krumm, François überlebt, so wie er auch später, als beim Weg über die zugefrorene Ostsee der Pferdewagen im Eis einbricht, wieder auftaucht.
«Die Flucht» der ARD funktioniert als emotional arrangierte Geschichte, in der eine Handvoll wiedererkennbarer sympathischer Filmhelden in kleinen Spannungsbögen halbwegs zusammenhängende Abenteuer erlebt. Der einen oder anderen Nebenfigur widerfährt Schlimmeres; das Ende ist glücklich. Die Massenszenen sind aufwändig genug inszeniert, um wieder eines der «Fernseh-Ereignisse des Jahres» zu bilden, die ungefähr vierteljährlich gesendet werden.
Bei der Generation nicht mehr ganz junger öffentlich-rechtlicher Zuschauer, die sich bei Guido Knopp über die Lage der Geschichte und bei Sabine Christiansen über die Lage der Gegenwart informiert, dürfte der Zweiteiler ein Erfolg sein.
Mit historischer Aufklärung oder mit den Folgen, die der Zweite Weltkrieg immer noch hat, mit Filmkunst (oder Fernsehfilmkunst, die es ja auch gibt) oder auch nur mit guter Unterhaltung für jüngere Zuschauer (die Kriegsfilme durchaus als Unterhaltung konsumieren) aber hat diese «Flucht» leider überhaupt nichts zu tun.
«Die Flucht» (Drehbuch: Gabriela Sperl, Regie: Kai Wessel)
Fr. 2. März ab 20.40 Uhr auf Arte
So., 4. März (Teil 1), Mo., 5. März (Teil 2) um 20.15 Uhr in der ARD

