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Maria Furtwängler ist Gräfin Lena: 'Die Flucht' der ARD (Foto: ARD<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Maria Furtwängler ist Gräfin Lena: 'Die Flucht' der ARD
Foto: ARD
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Tabu-Thema Vertreibung: Der ARD-Film «Die Flucht» wird Christiansen- und Knopp-Fans viel Freude machen, meint Christian Bartels .

Am Anfang des ARD-Zweiteilers «Die Flucht» befindet sich Filmheldin Lena Gräfin von Mahlenberg in Berlin. In der Film-Gegenwart verabschiedet sie ihre kleine Tochter in die Kinderlandverschickung, wegen der Bomben. Gleichzeitig erklärt ihre Stimme im Rückblick aus einer unbestimmten späteren Zeit: «Der von uns begonnene Krieg schlug mit voller Wucht auf uns zurück».

Damit das gesagt ist. Wenn die ARD «Flucht und Vertreibung der Deutschen zum Ende des Zweiten Weltkriegs» behandelt, also «ein Thema, das lange tabuisiert wurde» (ARD), sollen keine Missverständnisse beim Schuldzusammenhang aufkommen.

Zugleich erhebt sich in den ersten Minuten die Filmmusik, ein leise anschwellendes Klimpern und Säuseln, das während der folgenden drei Stunden kaum einmal aussetzen wird. Die Stimme der Gräfin erläutert, dass sie gleich darauf ans Bett ihres kranken Vaters gerufen wurde. So trifft sie - immer noch laufen der Vorspann und die ersten fünf Filmminuten - in Ostpreußen ein. Dort erwarten sie ein Hitlerjunge, der sozusagen die Generation der schuldlos Schuldigen repräsentiert, und der charmante, virile französische «Fremdarbeiter» François (Jean-Yves Berteloot).

Was spannend sein soll
Wer den TV-Zweiteiler «Dresden» kennt, weiß, was das bedeutet. Im Film, den ebenfalls die Bertelsmann-Firma Teamworx produziert hat und der ebenfalls mit großer Korrektheit von deutschen Opfern im Weltkrieg erzählte, verliebte die deutsche Protagonistin sich in einen Briten. Die Konstellation für «Die Flucht» steht, sobald der Vorspann abgelaufen ist.

Im Folgenden entfaltet sich ein Szenario des späten Ostpreußen, dem sich kaum vorwerfen lässt, dass irgendetwas fehlt. Es gibt rotwangige Einheimische, die schon etwas von den Nazis verführt wurden, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben, und es gibt den unsympathischen Parteifunktionär, den es immer im neuen deutschen Nazizeit-Film gibt.

Es gibt diese und jene Wehrmachtssoldaten, die bei Tisch gesittet Positionen austauschen. Max von Thun, der kürzlich für die ARD den österreichischen Kronprinz Rudolf verkörperte («Kronprinz Rudolfs letzte Liebe»), spricht aus, dass die Wehrmacht mordet. Er will nicht mehr mitmachen und wird von einem jener Soldaten, die stets von Ehre und Gehorsam reden, zum Selbstmord gedrängt. Es handelt sich um seinen Bruder, der eigentlich gerade die Gräfin heiraten wollte. Später bekommt dieser Heinrich von Gernstorff (Tonio Arango) Gelegenheit zur Läuterung. Bekommt er auch die Gräfin? Das ist das, was sozusagen spannend sein soll.
«Tatort»-Kommissarin aus dem «Star-Quiz»
Und es gibt den alten ostpreußischen Adel. In den wenigen Szenen mit Hanns Zischler als Patriarchen und Angela Winkler als seiner Gattin blitzt nicht nur schauspielerische Klasse auf. Die beiden lassen eine Ahnung von einer untergehenden Gesellschaftsschicht mitschwingen, von hohen Idealen und
Versagen, von ererbter, missbrauchter Macht. Außerdem waren Zischler und Winkler im politisch bewussten Kino der 70er Jahre dabei. Sie wissen, dass damals anders über die Nazivergangenheit diskutiert wurde als heute, auch das lassen sie spüren.

Vor allem aber ist da Gräfin Lena. Maria Furtwängler, die «Tatort»-Kommissarin, die gerade eben in Jörg Pilawas «Star-Quiz» auftrat, die Ehefrau des Verlegers und «Bambi»-Stifters Hubert Burda, die gerade Titelstar der «Bunten» ist, spielt sie in resoluter Heutigkeit.

Die Gräfin setzt sich dafür ein, dass erste Flüchtlinge aus dem Memelland gut behandelt werden, und Zwangsarbeiter, und Pferde. Sie tritt den Nazis so aufrecht tapfer entgegen wie den Zwangsarbeitern, von denen sie «absolute Loyalität verlangt», was seinen Eindruck nicht verfehlt. «Die Gräfin muss ihr Wort 'alten!», ruft François, als die internationalen Zwangsarbeiter ihr Verhalten diskutieren. Als der Franzose die Gräfin einmal auf «Ihre Klasse» anspricht, im soziologischen Sinne, wischt sie das Thema mit der Gegenfrage «Haben Sie Kinder?» beiseite.

Romanzen und Schicksal
Denn die heutige Gräfin ist alleinerziehend, was zu noch einem Subplot führt: der schwierigen Beziehung zu ihrem Vater, der der Tochter deshalb grämt. Wie die ARD davon erzählt, hat mit Preußens Moral allerdings nicht mehr zu tun als mit der Moral der ARD-Filmgesellschaft Degeto. Das Weltbild entspricht verblüffend den heimattümelnden Degeto- Fernsehfilmen, in denen, auch wenn die Handlung in der Gegenwart spielt, Ähnlichkeiten mit der Realität rein zufällig sind. Auch da reiten starke Frauen über grüne Wiesen. Alte, die vom Leben verharzt wurden («Wenn das Leben nicht hält, was es verspricht...») werden durch Kinderlächeln bezaubert, Zusammenhänge werden in Romanzen aufgelöst oder, wenn es keine schönen Zusammenhänge sind, in Schicksal.

So auch in «Die Flucht». Jeder Tote, der in Teil 1 zu beklagen ist, stirbt durch tragisches Schicksal. Im ebenfalls sorgfältig austarierten Teil 2, in dem auch Russen vergewaltigen, morden Wehrmachtssoldaten tatsächlich einmal. Aber Gräfin Lenas französisches love interest nimmt es nicht krumm, François überlebt, so wie er auch später, als beim Weg über die zugefrorene Ostsee der Pferdewagen im Eis einbricht, wieder auftaucht.

Was im Einzelnen passiert, die viele Loyalität, die unter den Figuren des Films immer herrscht - Sinn ergibt das allenfalls im Kontext des herrschenden Gebrauchs- und Gefühlsfernsehens. Die Filmfirma Teamworx ist dafür bekannt, ihre Filme exakt auf Auftraggeber-Ideen und gewünschte Zielgruppen zuzuschneiden. Was sie hier für die ARD-Degeto produziert hat, bleibt weit hinter dem Zweiteiler «Dresden» zurück, den sie für das mutigere ZDF herstellte.

«Die Flucht» der ARD funktioniert als emotional arrangierte Geschichte, in der eine Handvoll wiedererkennbarer sympathischer Filmhelden in kleinen Spannungsbögen halbwegs zusammenhängende Abenteuer erlebt. Der einen oder anderen Nebenfigur widerfährt Schlimmeres; das Ende ist glücklich. Die Massenszenen sind aufwändig genug inszeniert, um wieder eines der «Fernseh-Ereignisse des Jahres» zu bilden, die ungefähr vierteljährlich gesendet werden.

Bei der Generation nicht mehr ganz junger öffentlich-rechtlicher Zuschauer, die sich bei Guido Knopp über die Lage der Geschichte und bei Sabine Christiansen über die Lage der Gegenwart informiert, dürfte der Zweiteiler ein Erfolg sein.

Mit historischer Aufklärung oder mit den Folgen, die der Zweite Weltkrieg immer noch hat, mit Filmkunst (oder Fernsehfilmkunst, die es ja auch gibt) oder auch nur mit guter Unterhaltung für jüngere Zuschauer (die Kriegsfilme durchaus als Unterhaltung konsumieren) aber hat diese «Flucht» leider überhaupt nichts zu tun.

«Die Flucht» (Drehbuch: Gabriela Sperl, Regie: Kai Wessel)
Fr. 2. März ab 20.40 Uhr auf Arte
So., 4. März (Teil 1), Mo., 5. März (Teil 2) um 20.15 Uhr in der ARD