Altpapier vom Mittwoch
28.02.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Die Presse soll die Konflikte sportlich nehmen und nicht übertrieben jammeren: «Nichts verunsichert Informanten mehr als Journalisten, die den falschen Eindruck erwecken, dass in Deutschland ständig Redaktionen durchsucht werden, um Quellen in den Behörden zu enttarnen» (Christian Rath
vorn auf der 'taz')Mehr Selbstkritik ist heute nicht zu finden.Die Seite 2 der «Süddeutschen» widmet sich erwartungsgemäß vollständig dem «Cicero»-Urteil. Wer genau in Karlsruhe gewonnen hat, analysiert Robert Roßmann anhand der «Geschwindigkeit, mit der Pressemitteilungen versandt» wurden: Gestern «um 10.45 Uhr hatten die Verfassungsrichter ihr Urteil gesprochen», vgl.
Netzeitung 10.10/ 10.54 Uhr, «keine acht Minuten später verschickten die Grünen eine Triumph-Mail. FDP, Linke, Verleger- und Journalistenverbände brauchten kaum länger».Und um 12.30 Uhr war auch Heribert Prantl online, mit dem Kommentar («Zu viel Weihrauch, so sagt das Sprichwort, rußt den Heiligen»), der heute die «SZ»-Meinungsseite ziert.
«Von den Koalitionsparteien war dagegen auch am Nachmittag noch nichts zu vernehmen», schreibt Roßmann weiter. Sie also sind die Verlierer. Die oben geforderte Sportlichkeit gewährt die «SZ» und interviewt (ebenfalls S. 2) Siegfried Kauder.
Kämpferisch, findet es der CDU-Politiker und Vorsitzende des BND-Untersuchungsausschusses weiterhin «unerträglich, dass im Ausschuss die Mitglieder teilweise nicht mehr aus geheimen Unterlagen zitieren, sondern sich stattdessen auf Presseartikel berufen».
Weitere Berichte und Leitartikel im Schnelldurchlauf:
Christian Rath
Dass Karlsruhe mit 7:1 abgestimmt hat, weiß
'Welt'-Kommentator Thorsten Jungholt.Der Frage, was genau die Verfassungsrichter mit der Forderung nach «spezifischen tatsächlichen Anhaltspunkten» dafür meinten, dass ein Informant «die Veröffentlichung der Dienstgeheimnisse bezweckt» habe, richtete der
'Tagesspiegel' wiederum an Hans Leyendecker: Künftig sei es für Staatsanwälte «fast unmöglich, in Redaktionsräume einzudringen», antwortete der Investigativreporter. «Wenn es nur darum gehe, ein Informationsleck ausfindig zu machen, werde es dafür keinen Durchsuchungsbeschluss mehr geben».Das sieht Jürgen Gehb, ein weiterer CDU-Politiker, den der «Tagesspiegel» überdies aus dem
Schwester-'Handelsblatt' zitiert, auch so: Nur noch «in akademisch zu konstruierenden Fällen» seien Durchsuchungen möglich.Gesondert sehr zufrieden
kommentieren («Die Staatsgewalt muss..., bevor sie zur Strafverfolgung schreitet, das tun, was Journalisten tun müssen, bevor sie schreiben: recherchieren») tut der «Tagesspiegel» natürlich auch.Hier und da wird auch Kritik an «Cicero» und seinem Autoren Bruno Schirra geübt. «Einzelne Telefonnummer von al-Sarkawi anzuführen, war zum Beispiel völlig unnötig», sagt Leyendecker zur «taz»; in der «FAZ» (S. 40) meint Michael Hanfeld: Das «war journalistisch unklug, eine Provokation um der Provokation willen, ein Schaulaufen für die Galerie und nichts fürs eigentliche Publikum», und vielleicht bekam Schirra seine Infos ja von gar keiner sog. undichten Stelle, sondern von Jean-Charles Brisard.
Und dennoch habe «Cicero», so Hanfeld weiter, «der gesamten Branche einen Dienst» erwiesen.
Da sollte sich die Branche nicht lumpen lassen und rasch noch zu «cicero.de» klicken.
Mit schönem Understatement bringt das Magazin
Am Donnerstag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels

