netzeitung.deAltpapier vom Mittwoch

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Er hat der Branche eine Dienst erwiesen, meint die Branche fast einhellig: 'Cicero'-Chef Wolfram Weimer (Foto: Cicero<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Er hat der Branche eine Dienst erwiesen, meint die Branche fast einhellig: 'Cicero'-Chef Wolfram Weimer
Foto: Cicero
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nichts schweißt die Presse so zusammen wie Angriffe auf die Pressefreiheit. Außerdem: Wird die «Süddeutsche» nun tatsächlich an Finanzinvestoren verkauft?

Dutzende Kommentare, aber keine zwei Meinungen gibt es zum «generell... guten Tag für den Pressefreiheit» (u.a. Hans Leyendecker, der sich u.a. im 'taz'-Interview äußert), der der gestrige Dienstag war.

Die Presse soll die Konflikte sportlich nehmen und nicht übertrieben jammeren: «Nichts verunsichert Informanten mehr als Journalisten, die den falschen Eindruck erwecken, dass in Deutschland ständig Redaktionen durchsucht werden, um Quellen in den Behörden zu enttarnen» (Christian Rath

vorn auf der 'taz')Mehr Selbstkritik ist heute nicht zu finden.

Die Seite 2 der «Süddeutschen» widmet sich erwartungsgemäß vollständig dem «Cicero»-Urteil. Wer genau in Karlsruhe gewonnen hat, analysiert Robert Roßmann anhand der «Geschwindigkeit, mit der Pressemitteilungen versandt» wurden: Gestern «um 10.45 Uhr hatten die Verfassungsrichter ihr Urteil gesprochen», vgl.

Netzeitung 10.10/ 10.54 Uhr, «keine acht Minuten später verschickten die Grünen eine Triumph-Mail. FDP, Linke, Verleger- und Journalistenverbände brauchten kaum länger».
Und um 12.30 Uhr war auch Heribert Prantl online, mit dem Kommentar («Zu viel Weihrauch, so sagt das Sprichwort, rußt den Heiligen»), der heute die «SZ»-Meinungsseite ziert.

«Von den Koalitionsparteien war dagegen auch am Nachmittag noch nichts zu vernehmen», schreibt Roßmann weiter. Sie also sind die Verlierer. Die oben geforderte Sportlichkeit gewährt die «SZ» und interviewt (ebenfalls S. 2) Siegfried Kauder.
Kämpferisch, findet es der CDU-Politiker und Vorsitzende des BND-Untersuchungsausschusses weiterhin «unerträglich, dass im Ausschuss die Mitglieder teilweise nicht mehr aus geheimen Unterlagen zitieren, sondern sich stattdessen auf Presseartikel berufen».

Weitere Berichte und Leitartikel im Schnelldurchlauf:
Christian Rath

berichtet auch in der «taz». In der «Berliner Zeitung» berichtet Christian Bommarius und kommentiert auch («Das investigative Recherchieren steht unter doppeltem Verdacht: Die Verlage bezichtigen es der Kostentreiberei, die Justiz wittert in ihm eine permanente Gefährdung der inneren Sicherheit. Die Bedeutung der Medien, soviel sollten nicht nur die Sicherheitsbehörden und die Justiz, sondern auch die Verlage und die Chefredakteure begriffen haben, besteht nicht in der Unterhaltung des Publikums, nicht im Aufzeichnen und Wiedergeben von 'O-Tönen' und Zitaten, nicht einmal im Abhalten von Talkshows, sondern ...»

Dass Karlsruhe mit 7:1 abgestimmt hat, weiß

'Welt'-Kommentator Thorsten Jungholt.

Der Frage, was genau die Verfassungsrichter mit der Forderung nach «spezifischen tatsächlichen Anhaltspunkten» dafür meinten, dass ein Informant «die Veröffentlichung der Dienstgeheimnisse bezweckt» habe, richtete der

'Tagesspiegel' wiederum an Hans Leyendecker: Künftig sei es für Staatsanwälte «fast unmöglich, in Redaktionsräume einzudringen», antwortete der Investigativreporter. «Wenn es nur darum gehe, ein Informationsleck ausfindig zu machen, werde es dafür keinen Durchsuchungsbeschluss mehr geben».

Das sieht Jürgen Gehb, ein weiterer CDU-Politiker, den der «Tagesspiegel» überdies aus dem

Schwester-'Handelsblatt' zitiert, auch so: Nur noch «in akademisch zu konstruierenden Fällen» seien Durchsuchungen möglich.

Gesondert sehr zufrieden

kommentieren («Die Staatsgewalt muss..., bevor sie zur Strafverfolgung schreitet, das tun, was Journalisten tun müssen, bevor sie schreiben: recherchieren») tut der «Tagesspiegel» natürlich auch.

Hier und da wird auch Kritik an «Cicero» und seinem Autoren Bruno Schirra geübt. «Einzelne Telefonnummer von al-Sarkawi anzuführen, war zum Beispiel völlig unnötig», sagt Leyendecker zur «taz»; in der «FAZ» (S. 40) meint Michael Hanfeld: Das «war journalistisch unklug, eine Provokation um der Provokation willen, ein Schaulaufen für die Galerie und nichts fürs eigentliche Publikum», und vielleicht bekam Schirra seine Infos ja von gar keiner sog. undichten Stelle, sondern von Jean-Charles Brisard.
Und dennoch habe «Cicero», so Hanfeld weiter, «der gesamten Branche einen Dienst» erwiesen.

Da sollte sich die Branche nicht lumpen lassen und rasch noch zu «cicero.de» klicken.
Mit schönem Understatement bringt das Magazin

seinen Bericht zur 'Cicero-Affäre' in einer Rubrik namens «Randnotiz» - freilich unterhalb einer korrekt als «Anzeige» gekennzeichneten Anzeige mit dem bewegten Text «Schon mal Cicero im Original gelesen? Jetzt gratis testen!»

Altpapierkorb
Heribert Prantl, Hans Leyendecker aufgepasst: «SZ»-Verlag lockt Finanzinvestoren, alarmiert die «Financial Times Deutschland». Von solchen Investoren, denen das Blatt naturgemäß nahe steht, hat es gehört, dass diese «aus Kreisen der Verlagseigner angesprochen wurden», um Gebote zu hören bzw. um den Ebitda der «SZ» zu vervierzehnfachen, wie es bei der «Braunschweiger Zeitung» geglückt war (vgl. den Leyendecker-Artikel neulich). Die «FTD» scheint die Sache recht ernst zu nehmen, schließlich hat zum Abfassen des Artikels sogar Chefredakteur Steffen Klusmann zur Tastatur gegriffen. +++ Karfreitag auf Pro Sieben, jetzt schon in den USA auf dem «Discovery Channel» sowie in Buchform in Rupert Murdochs Verlag HarperCollins: James Camerons Dokumentation über die angebliche Entdeckung des Grabes von Jesus und seine Familie in Jerusalem. In der 'Rundschau' informiert Eva Schweitzer auch über den «als investigativ geltenden Journalisten» Simcha Jacobovici, der die «treibende Kraft» hinter dem Projekt ist. +++ «Poschardt könnte es reißen», doch der Weg wird kein leichter sein: die durch ein Journalisten-Austauschprogramm zur «taz» gelangte Amerikanerin Julie Siple über Unterschiede zwischen der deutschen «Vanity Fair» und dem US-Original. +++ Die Bedeutung der Medien besteht nicht im Abhalten von Talkshows, doch die Bedeutung der Talkshows auf Medienseite nimmt in erschreckendem Ausmaß zu. Jan Ullrich am Montag bei «Beckmann», dazu werden am Mittwoch u.a. diese Besprechungen gedruckt. +++ Die neue WDR-Sendung «Streitfall» ist keine Talkshow, es werden bloß «Fernsehleute als Stellvertreter der üblichen Streithansel und Selbstdarsteller» eingesetzt. Dann wiederholen sie «gewissenhaft die Talkshow-Rituale», berichtet Marcus Bäcker ('Berliner'). +++ Das Phänomen der Kinder, die sozusagen in Talkshows aufwuchsen, beschäftigt die 'taz'. +++ Gab es Kindersoldaten in Eritrea? Einer Diskussion über Senait Meharis Buch wohnte die 'taz' auch bei. +++ Einen Beitrag, «dessen Niedertracht das Maß des leider Üblichen übersteigt», sah die «FAZ» am Montag im RTL-Magazin «Extra» mit Birgit Schrowange , heute geißelt sie ihn in der «in medias res»-Spalte. +++ Eine Handvoll Kritiken zur neuen Sat1-Serie mit Christoph M. Ohrt. +++ Und die wöchentlichen Radiotipps.

Am Donnerstag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.


Für das Web ediert von Christian Bartels