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Reporter, die das Bloggen lernten - Broder, Bunz und co

12. Mrz 2007 10:04
Der sanfte Blick täuscht: Alan Posener
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Online first heißt es für immer mehr Journalisten. Sabine Pamperrien porträtiert vier Meinungsmacher, die sich im Internet neu erfunden haben. Teil eins: Alan Posener.

Wenn sich der Kommentarchef der «Welt am Sonntag» in seinem Blatt zu Wort meldet, geht es um die großen Themen und die großen Zusammenhänge. Merkels Europa-Politik, Putins Machtpolitik, das Verhältnis der deutschen Politik zu den USA oder den Klimawandel: je nach Gegenstand argumentiert Alan Posener mit fein austarierter Ironie oder beißender Polemik gegen den jeweiligen Mainstream. Gelegentlich gerät er auch ins Schwafeln.

Radikal subjektiv

Posener ist ein zarter Mann, der trotz seiner fast 60 Jahre viel frischer wirkt, als mancher seiner jüngeren Kollegen bei der «Welt am Sonntag». Der Ausdruck der Sanftmut täuscht jedoch. Der Blogger Posener lässt sich mit Lesern auf Wortscharmützel ein, die von beleidigend über poetisch bis brillant sind. Ist er in seinen Kommentaren für die Zeitung noch einer gewissen Abwägung der Argumente verpflichtet, ist das Aushängeschild seines Weblogs «Apocalypso» seine radikale Subjektivität:

Warum ich mich nicht endlich zur Klimakatastrophe äußere, fragten einige eifrige Co-Blogger, die offensichtlich ihres Lebens nicht froh werden können, wenn sie nicht zu allen, aber auch allen Lebensfragen eine Apo-Antwort haben. Obwohl: Zum Trainer-Karussell fällt mir auch nichts Gescheites ein, zum Kohle-Kompromiss habe ich nichts geschrieben, zur Frage der Tornados nach Südafghanistan nichts, seit ewigen Zeiten nichts zur Gesundheitsreform und auch nichts zur Erbschaftssteuer... Nun ja, zu all dem lasse ich aber als Kommentarchef diese Woche schreiben, und wer Sonntag in die Zeitung schaut, kann auch dort was lernen. Muss ja nicht immer Apo sein

Mehr im Internet:
Nein muss nicht, aber wenn Apo eine Meinung hat, dann kämpft er für seine Ideale. Das war schon immer so. In seiner Jugend schwang er zunächst als Führungskader einer maoistischen K-Gruppe die verbale Keule. Inzwischen ist er bei den Konservativen angekommen, nennt sich selbst jugendlich «Liberaler». Ein echter Renegat eben. Allerdings einer, der wirklich unabhängig geworden ist.

Mit Wonne haut er der eigenen Zunft und ganz besonders gern Kollegen aus dem eigenen Haus eins vor den Latz. Mit den Kompromissen der großen Koalition erlebt er nun seine große Zeit. Nicht selten agiert - fast möchte man schreiben: agitiert - er dabei mit der Attitüde eines Lehrers, der leicht ermüdet von den vielen Wiederholungen tumben Schülern klare Wahrheiten einbläuen muss.

Klug und aufbrausend

In der Tat arbeitete Posener als Studienrat, bevor er erst mit über 40 seine publizistische Karriere begann. Die altmodische Radikalität ist es, die viele der Wortmeldungen höchst bedenkenswert macht. Was sich unter dieser Versuchsanordung in vielen Postings offenbart, sind gelegentlich ans strafbare grenzende Vorurteile.

Sein Judentum hat er erst spät als etwas Besonderes realisiert. Schlechtestenfalls setzt er diese Herkunft als schlichte Waffe ein, bestenfalls erschließt er genau die Leerstellen in der deutschen Gegenwart, die der Zivilisationsbruch unwiderruflich hinterlassen hat. Er kann dabei so klug und sensibel sein, dass man sich wünscht, er wäre bei anderer Gelegenheit weniger aufbrausend. Allzu gern reagiert er auf Unsachlichkeit unsachlich:

Ob Sie's glauben oder nicht, der ständige Vorwurf, ich sei ein Anti-Deutscher, zumal aufgezogen daran, dass ich einen Nazi kritisiere, geht mir, dessen Vater mit dem Argument, alle Juden seien Feinde der Deutschen, aus diesem Land vertrieben wurde, der aber aus Liebe zu Deutschland einen Ruf an die Universität Haifa ausschlug und stattdessen 1961 (!) nach Berlin zurückkehrte, tatsächlich ... an die Nieren. Aber der Hinweis ist Ihnen vermutlich gleichgültig, da Sie, wie es scheint, verletzen, nicht argumentieren wollen. Also, das ist Ihnen gelungen.

Die Grantwanderung

Wieso beweist ein pro-deutscher Vater, dass man selber gar nicht anti-deutsch sein kann? Müsste die Argumentation nicht eher lauten: 'was für eine dämliche Behauptung, jeden, der Deutsche kritisiert, als Anti-Deutschen abzustempeln?' - Ob Posener diese Logik wirklich nicht versteht? Das würde die Schubladen erklären, in denen bei ihm seriöse Kritiker z.B. von George Bush verschwinden. Hinsichtlich dieser Logik unterscheidet er sich dann nicht vom Kleingeist seiner Kritiker.

Es ist eine Gratwanderung, die quälend sein muss, sofern seine Gekränktheit keine kalkulierte Pose ist – Zur Entlarvung gängiger Vorurteile taugt sie allemal. Da melden sich dann schon einmal pensionierte Schuldirektoren und präsentieren unter Nennung von Klarnamen und Adresse ihre radikale subjektive -Nazi-Einstellung.

So anregend unter dem Strich sein Weblog ist, so leidet es doch ein wenig darunter, dass die Akteure fast immer die gleichen sind. Posener hat sich eine Gemeinschaft eifriger Internetafficionados erschrieben, deren zahlreiche Meinungsbeiträge auch andere Foren zieren. Jan, Herr Sutter, Egon und Samantha finden parallel die Springer-Satiren des «Glasauges» blöd und regen sich gelegentlich tagelang über einen Apo-Text auf. Neulich kam Herr Sutter aber nicht umhin, an die Adresse von Apo zu schreiben: «Da muß ich Sie wirklich loben». Dafür allen Respekt!

Hier gehts zum zweiten Teil der Serie


 
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