Altpapier vom Freitag
Es gibt Leser, die stellen sich Journalisten als eine Art Kommissar vor. Abgebrüht, von hohem Berufsethos erfüllt wie der Kollege mit der Blechmarke im Tatort. Durch die Beiträge muss ein roter Faden führen, die Handlung darf nicht (wie neuerdings bei den modischen Fernsehkrimis), zu kompliziert sein und schön ist es, wenn am Ende das Gute siegt. Ein bisschen Illusion muss sein.
Aber nicht so:
Der Tatort aus Leipzig im Ersten leidet darunter, dass er statt Harzer Rollern meist ein paar Verdächtige zu viel hat und seit einer Weile gibt es auch echte Darstellungsprobleme. Manchmal nickt der Zuschauer vor Langeweile ein. Dass der Kommissar Ehrlicher, den der 70 Jahre alte Peter Sodann spielt, bald in Rente geschickt werden soll, hatte die Thüringer Allgemeine weltexklusiv gemeldet (
im Archiv zu finden) und außerhalb des Nahen Ostens wird sich die Trauer über das Dienstende des alten Kauzes, der seit 15 Jahren im Fernsehen ermittelt, vermutlich in Grenzen halten. 'Die Welt' und ein paar andere haben die NachrichtWird der Allesmacher, Fast-Alles-Könner, der Schauspieler, Intendant, Autor, Allein-Juror Martin Wuttke, 44, der neulich auf der Berliner Volksbühne in «L'affaire Martin!» in einem handlungsfreien Stück schon mal über Selbstmord- Attentäter monologisieren durfte, der Nachfolger? Schön wär's jedenfalls.
An seiner Seite könnte, so wird spekuliert, die Schnodderschnauze Simone Thomalla spielen, die mit Auftritten in Commissario Brunetti oder ein Fall für den Fuchs schwach in Erinnerung geblieben ist.
Wer sie nicht kennt: Das ist die, die in Werbespots ihrem Lebensgefährten, dem früheren Manager eines nicht nur in Dortmund als FC Meineid bekannten Fußball-Clubs, das Bier kalt stellt. «Dank Rudi Assauers Auftritt in zwei Werbespots ... ist der Bekanntheitsgrad der Marke Veltins merklich gestiegen», ermittelte mal die «FAZ».
Werbung und Journalismus, das wäre echter Stoff für Medien-Journalisten, aber sie wahren in der Regel eine Diskretion, die zum Himmel schreit. Da ist Volker Lilienthal von epd und ein paar wenige andere noch ausgenommen - niemand unterwegs und das ist kein Zufall. Heutzutage wird bloß das nicht mehr bezahlt, was zwischen den Zeilen steht. Beklagt wird der PR-Journalismus (siehe auch
'taz'-Gespräch mit Michael Haller vom 29.11.) und es gibt fast nur noch Landschaftsgärtner, die düngen.Das Furchtbarste am Medienjournalismus allerdings ist das schreckliche Dreigestirn Sanftmut, Milde, Freundlichkeit. Man plaudert und möchte liebenswürdig und grazil sein. Der
'Tagesspiegel' schmeißt sich sogar ran ans Altpapier, lobt dessen Schreiberlinge, bloß weil die früh aufstehen und sich dann Kaffee kochen. (Macht der Arbeiter bei Thyssen/Krupp auch, nur früher). Selbst der Kölner Stadt-Anzeiger bläst die Fanfare. (aber leider nicht frei online, der übermüdete, kaffeeaufgekratzte Sätzer.)Aber die «Tagesspiegel»-Prognose, dass der Autor dieser Zeilen heute ganz gewiss keine langweilige Kolumne schreiben werde, ist ein bisschen Ranschmeiße zu viel. Schreiben ist nicht dienern und meint auch nicht erdienern.
Nein, großen Schlachten werden an diesem Freitag auf den Medienseiten keine geschlagen. Es herrscht eine merkwürdig betuliche Intimität zu allen Dingen. Vielleicht ist man ständig auf der Hut: Vor Kollegen, die böse auf das Geschriebene reagieren könnten, vorm Verlag, der streng aufs Geschäft achtet, vor den vielen (größeren) Krähen, die einem die Augen aushacken könnten. Denn es sind die Chefs vor allem, die Glashäuser bauen und dann davor warnen, mit Steinen zu werfen. - Es gibt Chefredakteure, die ernsthaft meinen, dass Mediengeschichten die Leser nicht interessierten. Welche Branche schreibt schon über sich? Ach Gottchen, welche Branche genießt schon den Schutz des Grundgesetzes, auf den sich die Blattmacher sonst so gern berufen? Am Schlimmsten geht es mittlerweile bei den Fachblättern zu nur noch die Älteren unter den AltpapierLesern werden wissen, dass es mal anders war. Warum hat Günther Kress keinen Nachfolger gefunden, unser alter moralischer Stellvertreter? Er wusste fast alles und schützte zugleich seine Quellen besser als jeder Polizeibeamte die Identität seines V-Manns schützt. Wenn er rechtlichen Problemen aus dem Wege gehen wollte, schrieb er die Geschichte eben knallhart als Märchen. Was die Fachblätter heute aber liefern, verdunstet sofort. Man ist mit dem Lesen gleich fertig und spürt nichts davon. Es macht dem Leser so wenig Arbeit, wie es dem Schreiber machte. Da werden «Line Extensions» gestartet, da wappnet sich irgendwer «gegen den Launch». «Herr Kundrun: 'Steht G+J eine Kulturrevolution bevor?'» «Nein. Ich sehe es als Präzisierung unseres Auftrages.» - Siehe
'Horizont'. +++ Für die Kraftlosigkeit des Gewerbes ist die praktischste Beschäftigung: das Streicheln. Springers Hörzu wird nimmermüde gestreichelt, weil das Blatt Jubiläum hat (diesmal spaltenlang Ernst Elitz im Springer-Blatt 'Die Welt'). +++ Ist beim Bau des gigantischen Springer-Newsrooms eigentlich die Medienabteilung mit der PR-Abteilung zusammengewachsen? «Die vorderen Teile der Wochenmagazine lesen wir immer seltener», bekennen Maxeiner & Miersch, die unerschrockenen Kämpfer gegen Apokalypsen jeglicher Art im Springer-BlattAm Montag füllt sich der Altpapierkorb wieder um 10 Uhr.

