netzeitung.deAltpapier vom Freitag

 Herausgeber: netzeitung.de

Unser Autor (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Unser Autor
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Unsere Medienkolumne «Altpapier» feiert ein Jubiläum. Gastautor ist Hans Leyendecker. Er erweist sich einmal mehr als unbestechlicher Kritiker der Branche - und als Fernsehkrimi-Experte.

Von Hans Leyendecker

Es gibt Leser, die stellen sich Journalisten als eine Art Kommissar vor. Abgebrüht, von hohem Berufsethos erfüllt – wie der Kollege mit der Blechmarke im Tatort. Durch die Beiträge muss ein roter Faden führen, die Handlung darf nicht (wie neuerdings bei den modischen Fernsehkrimis), zu kompliziert sein und schön ist es, wenn am Ende das Gute siegt. Ein bisschen Illusion muss sein.

Aber nicht so:

Trillierend stellt die «Berliner Zeitung» die 100. Folge der freitags gesendeten ZDF-Serie Soko Leipzig vor. Das Geschriebene kommt in Diminutiven daher, hat Händchen und Füßchen: «Das Besondere an Soko Leipzig ist die Machart», darf Andreas Schmidt-Schaller, 61, sagen, der den Kriminalhauptkommissar Hajo Trautzschke spielt. Gutes Fernsehen mische sich wie jede Kunst ins Leben ein, setze sich mit Gesellschaft auseinander, interpretiere die Welt. - Warum ist die Verbreitung plattester Plattitüden immer noch nicht strafbewehrt, obwohl hierzulande einer schon angezeigt wird, wenn er seinen Kanarienvogel auf den Balkon stellt oder nur mal draußen kurz den Käfig öffnet?

Der Tatort aus Leipzig im Ersten leidet darunter, dass er statt Harzer Rollern meist ein paar Verdächtige zu viel hat und seit einer Weile gibt es auch echte Darstellungsprobleme. Manchmal nickt der Zuschauer vor Langeweile ein. Dass der Kommissar Ehrlicher, den der 70 Jahre alte Peter Sodann spielt, bald in Rente geschickt werden soll, hatte die Thüringer Allgemeine weltexklusiv gemeldet (

im Archiv zu finden) und außerhalb des Nahen Ostens wird sich die Trauer über das Dienstende des alten Kauzes, der seit 15 Jahren im Fernsehen ermittelt, vermutlich in Grenzen halten. 'Die Welt' und ein paar andere haben die Nachricht
vermeldet, nur das Erfurter Sturmgeschütz TA schießt zurück: «Es bleibt der Eindruck, dass der MDR eigentlich ohne Zwang erneuert.» Brei für Zahnlose.

Wird der Allesmacher, Fast-Alles-Könner, der Schauspieler, Intendant, Autor, Allein-Juror Martin Wuttke, 44, der neulich auf der Berliner Volksbühne in «L'affaire Martin!» in einem handlungsfreien Stück schon mal über Selbstmord- Attentäter monologisieren durfte, der Nachfolger? Schön wär's jedenfalls.

An seiner Seite könnte, so wird spekuliert, die Schnodderschnauze Simone Thomalla spielen, die mit Auftritten in Commissario Brunetti oder ein Fall für den Fuchs schwach in Erinnerung geblieben ist.

Wer sie nicht kennt: Das ist die, die in Werbespots ihrem Lebensgefährten, dem früheren Manager eines nicht nur in Dortmund als FC Meineid bekannten Fußball-Clubs, das Bier kalt stellt. «Dank Rudi Assauers Auftritt in zwei Werbespots ... ist der Bekanntheitsgrad der Marke Veltins merklich gestiegen», ermittelte mal die «FAZ».

Werbung und Journalismus, das wäre echter Stoff für Medien-Journalisten, aber sie wahren in der Regel eine Diskretion, die zum Himmel schreit. Da ist – Volker Lilienthal von epd und ein paar wenige andere noch ausgenommen - niemand unterwegs und das ist kein Zufall. Heutzutage wird bloß das nicht mehr bezahlt, was zwischen den Zeilen steht. Beklagt wird der PR-Journalismus (siehe auch

'taz'-Gespräch mit Michael Haller vom 29.11.) und es gibt fast nur noch Landschaftsgärtner, die düngen.

Das Furchtbarste am Medienjournalismus allerdings ist das schreckliche Dreigestirn Sanftmut, Milde, Freundlichkeit. Man plaudert und möchte liebenswürdig und grazil sein. Der

'Tagesspiegel' schmeißt sich sogar ran ans Altpapier, lobt dessen Schreiberlinge, bloß weil die früh aufstehen und sich dann Kaffee kochen. (Macht der Arbeiter bei Thyssen/Krupp auch, nur früher). Selbst der Kölner Stadt-Anzeiger bläst die Fanfare. (aber leider nicht frei online, der übermüdete, kaffeeaufgekratzte Sätzer.)

Aber die «Tagesspiegel»-Prognose, dass der Autor dieser Zeilen heute ganz gewiss keine langweilige Kolumne schreiben werde, ist ein bisschen Ranschmeiße zu viel. Schreiben ist nicht dienern und meint auch nicht erdienern.

Altpapierkorb

Nein, großen Schlachten werden an diesem Freitag auf den Medienseiten keine geschlagen. Es herrscht eine merkwürdig betuliche Intimität zu allen Dingen. Vielleicht ist man ständig auf der Hut: Vor Kollegen, die böse auf das Geschriebene reagieren könnten, vorm Verlag, der streng aufs Geschäft achtet, vor den vielen (größeren) Krähen, die einem die Augen aushacken könnten. Denn es sind die Chefs vor allem, die Glashäuser bauen und dann davor warnen, mit Steinen zu werfen. - Es gibt Chefredakteure, die ernsthaft meinen, dass Mediengeschichten die Leser nicht interessierten. Welche Branche schreibt schon über sich? Ach Gottchen, welche Branche genießt schon den Schutz des Grundgesetzes, auf den sich die Blattmacher sonst so gern berufen? Am Schlimmsten geht es mittlerweile bei den Fachblättern zu – nur noch die Älteren unter den Altpapier–Lesern werden wissen, dass es mal anders war. Warum hat Günther Kress keinen Nachfolger gefunden, unser alter moralischer Stellvertreter? Er wusste fast alles und schützte zugleich seine Quellen besser als jeder Polizeibeamte die Identität seines V-Manns schützt. Wenn er rechtlichen Problemen aus dem Wege gehen wollte, schrieb er die Geschichte eben knallhart als Märchen. Was die Fachblätter heute aber liefern, verdunstet sofort. Man ist mit dem Lesen gleich fertig und spürt nichts davon. Es macht dem Leser so wenig Arbeit, wie es dem Schreiber machte. Da werden «Line Extensions» gestartet, da wappnet sich irgendwer «gegen den Launch». «Herr Kundrun: 'Steht G+J eine Kulturrevolution bevor?'» «Nein. Ich sehe es als Präzisierung unseres Auftrages.» - Siehe

'Horizont'. +++ Für die Kraftlosigkeit des Gewerbes ist die praktischste Beschäftigung: das Streicheln. Springers Hörzu wird nimmermüde gestreichelt, weil das Blatt Jubiläum hat (diesmal spaltenlang Ernst Elitz im Springer-Blatt 'Die Welt'). +++ Ist beim Bau des gigantischen Springer-Newsrooms eigentlich die Medienabteilung mit der PR-Abteilung zusammengewachsen? «Die vorderen Teile der Wochenmagazine lesen wir immer seltener», bekennen Maxeiner & Miersch, die unerschrockenen Kämpfer gegen Apokalypsen jeglicher Art im Springer-Blatt
: Wir müssen bekennen, dass uns das mit dem Autorengespann schon eine ganze Weile so geht. Überhaupt sind die beiden, Mitglieder des publizistischen Netzwerks «Die Achse des Guten», meist sehr spät dran. Das mit dem vorderen Teil hat Hans Magnus Enzensberger schon in den 80er Jahren über den Spiegel gesagt. +++ Das ständige Agenda-Setting von Cicero geht nach dem Habermas'schen Schluck-Watergate endlich auch mal Professoren aufs Gemüt. Sie distanzieren sich. (Siehe «FAZ», S. 44). +++ Ein ernstzunehmender Warner ist hingegen Heribert Seifert, der nach dem Besuch einer Tagung in Essen fragt, ob sich Medien, die Integration als Leitbegriff für journalistische Arbeit begreifen, ihre Rolle begreifen: «Vor solchem Rollenwechsel sollte man sich aber hüten, auch wenn es um eine gute Sache geht.» Siehe 'NZZ'.+++ Pressefreiheit ist manchmal auch nur ein Wort. Wie Springer in Russland die Dezember-Nummer des Wirtschaftsmagazins Forbes einstampfen ließ, beschreibt
«Financial Times Deutschland» (S. 5) . Zur Frage des Warum gibt es zwei Versionen. Kuschen vor der Staatsmacht oder Korrektur eines schwerwiegenden Fehlers? Nun soll das Heft mit einem geänderten Titel auf den Markt kommen. +++ Und sonst?
'Stephanie-Prozess Kerner soll als Zeuge vor Gericht! schlagzeilt die «Bild»-Zeitung. Neiiin. Muss er nicht. Ganz bestimmt. Weiß Bild auch. Franz Josef Wagner macht sich Sorgen um Harald Schmidt: «Gott, ich muss schon gähnen, wenn ich an Sie denke. Herzlichst». Alle sind sie zurzeit böse auf Harry. Im Film sagt gewöhnlich der Assistent: «Immerhin, den hätten wir aus dem Verkehr gezogen». «Und seinen Auftraggeber?» fragt dann der Kommissar. +++ «Kurt Beck macht ernst im Streit um die Zulässigkeit der Rundfunkgebühr.» Gääähn. Beim SWR soll heute ein neuer Intendant gewählt werden. Gäääääähn. Ja, Pflichtgeschichte, bestimmt, zugegeben, aber so grau? Nur Michael Hanfeld, der Sherpa der Rundfunkdiplomatie, der vollkommene Diener der wirklich Mächtigen, findet es «spannend». («FAZ», S. 44). +++ Der 'taz' ist dafür zu danken, dass sie aus gegebenem Anlass aus den Werken des Stuttgarter Heimat-Lyrikers und SWR-Hausherrn Peter Voß – der «seinen Platz in der deutschen Rundfunk-Geschichte sicher» hat (Michael Hanfeld) – zitiert. Lyriker Voß: «Was wird aus meinen Worten?» Ja, was wohl? Da fällt einem morgens beim Kaffee um sechs Uhr das Benn-Gedicht ein: «Du übersiehst dich nicht mehr? Der Anfang ist vergessen, die Mitte wie nie besessen und das Ende kommt schwer.» Und wo ist Brender, der Journalist, der alte Zausel? Ach, wieder nichts, es ist schon traurig. +++

Am Montag füllt sich der Altpapierkorb wieder um 10 Uhr.