Altpapier vom Mittwoch
22. Nov 2006 10:08, ergänzt 11:15
 |  Kleiner werden, heißt es bei der 'Rundschau' | Foto: dpa |
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Ist der «Perlentaucher» das deutsche Youtube? Jedenfalls drängen die deutschen Tageszeitungen kräftiger denn je ins Internet. Und ein Blatt will kleiner werden.
Die Chausseestraße ist eine ganz besonders kultige Straße in Berlin-Mitte. Nicht nur führt hier ein Hamburger Verlag gerade einen
Outlet für frischen Zeitschriften-Zeitgeist
, gleich neben dem Brecht-Haus, nicht nur soll
der
Bundesnachrichtendienst einziehen;
auch der Sitz der
'Perlentaucher Medien GmbH'
befindet sich in der Chausseestraße 8.Vielleicht nicht mehr lange, malt der «Tagesspiegel» einen Teufel an die Wand.
Unter der Überschrift «Kampf der Kulturen» geht es en detail um die Klage, die die «SZ» und «FAZ» gegen das Online-Feuilletonmagazin eingereicht haben.
Der Vorwurf laute «Rezensionsklau» bzw. Verletzung von Urheber- und Wettbewerbsrechten. Am Donnerstag wird am Landgericht in Frankfurt am Main ein Urteil erwartet, das «wegweisend für alle, die im Internet mit Inhalten anderer arbeiten», sein könnte.
Für die Perlentaucher könnte es im schlimmsten Fall «existenzbedrohend sein».
Der «Tagesspiegel» schlägt einen sehr großen Bogen um «das weitverbreitete Internet-Problem, dass Dritte mit Inhalten und Namen anderer Profit machen».
So wie US-Journalist Robert Tur wegen Urheberrechtsverletzung gegen das Videoportal Youtube klagte, so «ähnlich der Vorwurf an 'Perlentaucher'. Das Magazin stehle den Ursprungsgedanken und mache damit Geschäfte», zitiert das Blatt Kläger-Anwalt Reinhard Gaertner .
Auch weitere Zitate von Druckzeitungs-Verantwortungsträgern deuten auf angespannte Nerven. So sagt Roland Gerschermann, einer der «FAZ»-Geschäftsführer: «Die 'FAZ'-Rezension selbst liest keiner mehr, weil die Kernsätze von 'Perlentaucher' neben dem Buchangebot stehen».
Und: «'Perlentaucher' beutet mit dem Verkauf an Buecher.de die Arbeit unserer Autoren aus».
Dabei obliegt gemäß traditionellen, aus der analogen Ära übernommenen Geschäftsmodellen die Ausbeutung der Autorenarbeit doch den unmittelbaren Arbeit- und Auftraggebern.
Hier
geht es zum ganzen Artikel des «Tagesspiegels»; wenn Sie dorthin klicken, schenken Sie bitte auch den dortigen Anzeigen Beachtung. Die ermöglichen es, dass solche Texte im freien Internet stehen. Überhaupt entdecken die Druckzeitungen das Internet jetzt so richtig, berichtet die
'Berliner Zeitung'.
Anlass ist sozusagen
die Torte
mit der Aufschrift «Vorsicht! Abstand halten!», die «Spiegel Online» den Kollegen von «Welt.de» zur Newsroom-Eröffnung verehrte.Auch in anderen Newsrooms wird emsig ausgebaut. «Bis zum Jahresende wollen wir die Anzahl unserer Redakteure verdoppeln», wird ein «Sueddeutsche.de»-Sprecher zitiert. «Stern.de»-Chefredakteur Frank Thomsen verspricht, 2007 mit einem «Feuerwerk neuer Ideen» zu überraschen.
All diese Dynamik kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass deutsche Tageszeitungen auf dem Online-Markt im weltweiten Vergleich eher hinterherhinken, dass weiterhin ein Auflagenrückgang zu verzeichnen ist
('ftd.de'
berichtet über dadurch getriebene «neue und heiße» Duelle um Sonntagszeitungsleser), dass es einigen traditionellen Titeln schlecht geht.Ebenfalls die «Berliner Zeitung» berichtet unter Berufung auf den Branchendienst
'Medien aktuell'
von der fortgesetzten «finanziellen Talfahrt» der «Frankfurter Rundschau» (der sich die «Berliner» durch ihren ehemaligen Chefredakteur Uwe Vorkötter verbunden fühlt). Weiterhin erhoffter Ausweg: konsequente Verkleinerung von Redaktion und Zeitung. Eine Probeausgabe der geplanten Tabloid-Ausgabe sei frisch «fertig geworden« und soll «Lesern und Anzeigenkunden testweise vorgelegt werden».
Mehr im Internet: Die Artikel des Tages |
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Altpapierkorb
Neues von der ProSiebenSat1-Versteigerung: «Permira plant TV-Konzern mit Sitz in München». Die gleichnamigen Finanzinvestoren wollen die Sendergruppe, falls sie den Zuschlag bekommen, mit «SBS Broadcasting», ihrer sehr internationalen Sendergruppe (siehe
Altpapier aus dem Januar)
«zusammenlegen und die Börsennotierung beibehalten», meldet die «SZ»-Wirtschaft (S. 19). +++ Welcher andere Finanzinvestor «im Bieterwettstreit ... ausgeschieden» ist:
'Handelsblatt'.
+++ Oder wird er es: Aydin Dogan, der schon «Time Warner, die Universal Music Group und Burda in die Türkei» als Partner holte
('FAZ'-Wirtschaft).
+++ Rupert Murdochs Problem mit dem multimedialen O. J. Simpson-Scoop:
'FR',
'SZ'
(Andrian Kreye: «Tiefpunkt der Kulturgeschichte»). +++ «Aber es gibt doch schon mehr als einhundert Nachrichtensender weltweit. Und die waren auch nie eine Gefahr für uns» (CNN International-Chef Chris Cramer im
'Welt'-Interview
zu Al Dschasira, France 24 u.a.). +++ Die Lage der «Libération», in der
'Rundschau'
. Dabei: ein eindrucksvolles Foto Baron Edouard de Rothschilds. +++ RTL-Regional wird Pay-TV? Kai-Hinrich Renner schildert den Plan des Senders, seine ab 18 Uhr gesendeten regionalen Fensterprogramme, die weder RTL noch sein Publikum schätzen, die aber medienbehördlich vorgeschrieben sind, in einen jener
bald kostenpflichtigen
digitalen Kanäle abzuschieben («SZ», S. 17). +++ Bekannter Gastautor auf der «SZ»-Medienseite: Horst Köhler. Seine Sätze
zum Presserats-Festakt
werden auszugsweise zitiert. Sozusagen der Lohn für den Bundespräsidenten: Heribert Prantl lobt die «feine Rede», in der er «die Pressefreiheit auf hintergründige Weise (hat) hochleben lassen» («SZ»-Meinungsseite; «Die Herstellung von Zeitungen ist etwas anderes als die Herstellung von Tapeten oder Plastikfolien; und die Produktion von Rundfunk- und Fernsehsendungen ist etwas anders als die Produktion von Joghurt oder Stanzmaschinen», dichtet dann Prantl selbst). +++
Radiotipps.
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Konfliktfeld bayrisches Radio.
+++ Paul Smacznys Dokumentarfilm «Wir können nur den Hass verringern»/ «Knowledge is the Beginning»:
der deutsche Emmy-Gewinner.
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'Bild'-Zeitung
(in puncto Günther Jauch): «Wäre Werbung nicht ein Tabubruch für einen politischen Talk-Moderator?» Monika Piel, demnächst WDR-Intendantin: «Ich bin dafür, dass wir bei diesem Thema ganz strikt sind. Ich sage Ihnen Folgendes: Bei uns darf kein Festangestellter Werbung machen». +++ «Strenger Geruch» auch bei Pro Sieben:
Geht es
bei «Popstars» «mit rechten Dingen zu?» +++ Die «FAZ»-Medienseite verbrachte einen Tag mit 3sat, betrachtet aber vor allem ein Gespräch zwischen den Ringier-Kollegen Frank A. Meyer und Gerhard Schröder als exemplarisch. +++
'Rundschau':
ein Rückblick auf den 22. November 1981, als der längst alltägliche TV-Eskapismus noch jung und unverbraucht war. Das ZDF-«Traumschiff», wird 25 Jahre alt. +++
«Ich bin mir sicher, dass der Killer, der Anna getötet hat, auch schon beseitigt wurde.
...
Nur wir Journalisten selbst können etwas ändern. Und dafür müssen wir ehrlich arbeiten. Wenn nur einer die Wahrheit schreibt, kann er getötet werden. Wenn aber Tausende das tun, dann nicht. Man kann nicht alle Journalisten vernichten».Starkes
'taz'-Interview
mit der Journalistin Olga Kitowa über die Ermittlungen im Mordfall Anna Politkowskaja.Am Donnerstag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels