Altpapier vom Mittwoch
15. Nov 2006 10:05, ergänzt 11:12
 |  Müssen TV-Zuschauer Angst um James Bonds Aston Martin haben? | Foto: AP |
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Verboten? Erlaubt? Ein Erfolg für die deutsche Politik? Ein Nachteil für die deutsche Wirtschaft? Die EU-Richtlinie fürs Fernsehen gibt ein großes Rätsel auf.
Medienjournalistisches Topthema bleibt das Bemühen um Interpretation des aktuellen europäischen Orakels zur Produktplatzierung im Fernsehen, also des im Kulturausschuss erzielten
'Durchbruchs bei der EU-Fernsehrichtlinie'
(
Ruth Hieronymi
, MdEP).Die Auskünfte der beteiligten Politiker erleichtern diese Bemühungen nicht. «Schleichwerbung im Fernsehen bleibt im Prinzip verboten», schreibt Daniela Weingärtner
('taz')
und zitiert Bundeskulturstaatsminister Bernd Neumann mit: «Das ist schon - wenn ich 'Marienhof' vor Augen habe - eine medienpolitische Aussage». Noch so eine medienpolitische Aussage machte offenbar Eberhard Sinner: Auch Deutschland werde «Product Placement zulassen..., um auf dem TV-Markt nicht ins Hintertreffen zu geraten».
Sinner
fungiert als «Staatsminister für Europaangelegenheiten und regionale Beziehungen» in Bayern, also dem Bundesland, in dem die Bavaria «Marienhof» herstellt und von dem aus die ARD-Programmdirektion «Marienhof» dann ausstrahlt.«Wer von uns guckt schon den Vor- und Abspann?», fragte CDU-Politikerin Ruth Hieronymi rhetorisch
('Berliner Zeitung')
und erscheint so eher als Kämpferin gegen Produktplatzierung. Noch ein strittiger Punkt: die zulässige Häufigkeit von Werbe-Unterbrechungen. «Der Kulturausschuss will 45 Minuten durchgängig ohne Werbung, die EU-Regierungen und die Brüsseler Kommission plädieren für eine halbe Stunde als Untergrenze» («Berl.»).
Das hieße ja: «Ein spannender Sonntagskrimi wird dann zur ärgerlichen Verkaufsshow» (Lissy Gröner, SPD, die offenbar schon länger keine Zeit mehr fand, selbst aktiv ins Privatfernsehen zu schauen).
Mit der kraftvollen Aussage «Das Verbot von Produktplatzierung ist endgültig vom Tisch», erscheint Hieronymi im
'Tagesspiegel'
als Kämpferin für die Produktplatzierung, dafür gegen «Nachteile für die deutsche Film- und Fernsehwirtschaft».Was ist von all dem zu halten?
«Das liest sich auf den ersten Blick wie ein Erfolg für die deutsche Regierung», doch «in Wahrheit fängt die Arbeit ... erst an» für die deutsche Medienpolitik, die bekanntlich auch eher nebenbei betrieben wird
('taz'/
Kommentar). «Schleichwerbung im Fernsehen soll legalisiert werden, indem sie verboten wird», interpretiert im ausführlichsten und instruktivsten Beitrag die «Rundschau»: «Wo die materiellen Unterschiede beider Regelungsansätze liegen, konnte Neumann in Brüssel nicht verdeutlichen».
Der Kulturstaatsminister kündigte außerdem an, dass für die deutsche Auslegung der Ausnahmeregeln von der EU-Richtlinie «möglicherweise ein Staatsvertrag» geschlossen werden müsse.
«Angst, James Bond nicht mehr als BWM- oder Aston-Martin-Fahrer im Fernsehen sehen zu dürfen», müsse aber niemand haben.
Mehr im Internet: Die Artikel des Tages |
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Heute startet das englischsprachige Al Dschasira-Programm. Manche vermuten, dass «dem verspäteten Beginn Richtungskämpfe zugrunde lagen zwischen dem arabischen Sender und der englischen Mannschaft», berichtet Gina Thomas («FAZ») aus London: Der Kanal mache «keinen Hehl daraus, daß seine Zielgruppe jenes vornehmlich muslimische Publikum ist, das sich eine Berichterstattung aus nahöstlicher Perspektive als Korrektur für die vorherrschende westliche Sicht der Dinge wünscht».
'taz' aus Dubai:
«Viele westliche Zuschauer wird der Sender damit nicht bekommen, so viel ist klar». «Nachdenklich stimmt auch ein Blick auf die
Webseite
des neuen Senders. Der Ton der Berichterstattung ist ein gutes Stück antiamerikanischer als im arabischen Original». +++
Wo lässt sich
der Sender in Deutschland sehen? +++ Heute im ZDF: ein Angela-Merkel-Porträt von Claudia Bissinger und der «Süddeutschen»-Redakteurin Evelyn Roll. Siehe
hier,
da
und
dort.
Dazu ein großes
Roll-Interview
(«So gut wie alles, was im letzten Jahr passiert ist, wäre auch einem Mann so passiert»). +++ Manche Journalisten beklagen, dass die Große Koalition es ihnen schwer macht, weil so viel Konsens herrscht. In den USA «ist die Nation nach sechs Jahren unter George W. Bush scharf gespalten. Das macht es für Chefredaktionen extrem schwer, einen Kurs zu steuern, der Leser in der Breite mehr anspricht als verärgert»: aus dem jüngsten «Stick with ink and sink»-
Überblick zur US-Zeitungskrise.
+++ Auch
'in der Klemme':
die «Libération». +++ Große
Übersicht
über die kleinen deutschen Nachrichtenkanäle. +++
Radiotipps.
+++ Die Bavaria will gegen das Urteil des Arbeitsgerichts zur Weiterbeschäftigung des «Marienhof»-Produzenten Stephan Bechtle Berufung einlegen («FAZ», «SZ»). +++ «Viel Justiz um einen Film»: die «SZ» informiert über den Zwischenstand beim Contergan-Spielfilm «Eine einzige Tablette», der eigentlich jetzt im November hätte laufen sollen. Vielleicht wird er «die Anwälte noch lange beschäftigen und einmal vor das Bundesverfassungsgericht kommen. Bis auf weiteres lagert er im Giftschrank des WDR.» +++ Außerdem erinnert Oliver Storz an den
'Monaco Franze'.
+++ Als der «Focus» Nikolaus Brender
gerade
aus Sport-Gründen interviewte, fragte er den Noch-ZDF-Mann auch gleich nach dem WDR. Dem
'Tagesspiegel'
aber geht es nur um die Zukunft des «Helmut Schmidt des deutschen Fußballs». +++ «Blöd, peinlich und ärgerlich»: Die Berliner 'taz'-Ausgabe druckte am Dienstag «exakt die gleiche erste Seite wie am Montag». Da handelte es sich «schlicht und einfach um ein bedauerliches Versehen», erfuhr die
'Berliner Zeitung'.
«Grund ... war ein falscher Mausklick bei der Übertragung der Seite in die Druckerei... In Zukunft bemühen wir uns, unseren LeserInnen wieder nur geplante Überraschungen zu präsentieren»
('taz' Berlin,
heute). +++
'Berliner'
über die Lage der «B.Z.»: «Beim Springer-Verlag ist es ist ein bisschen wie bei der Reise nach Jerusalem» (wobei die Reise nach Jerusalem in führenden deutschen Medienkonzernen
bekanntlich
gute Tradition ist).Am Donnerstag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels