Altpapier vom Freitag
13.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Am interessantesten vielleicht: Das Themenplacement in der ARD-Sendung «Becel Deutschland Walk» sei «auch der Programmbeobachtung im eigenen Haus aufgefallen»; die «ARD-Clearingstelle Schleichwerbung» «monierte» es bereits «drei Tage nach Start» der elf-teiligen Reihe («SZ», S. 19).
Also
ungefähr am 6. September - eine Woche bevor die ARD-Intendanten in Schwerin zur allgemeinen Verwunderung die Verlängerung von Boßdorfs Sportkoordinatorenvertrag beschlossen.Auf dem Dienstweg der zusammengeschlossenen Anstalten geht es natürlich nicht so flott wie beim Deutschland Walk. WDR-Intendant Fritz Pleitgen «habe am 18. September davon erfahren und als Chef der Clearingstelle Sport in einem Brief an ARD-Programmdirektor Günter Struve und den Bayerischen Rundfunk Aufklärung verlangt» («SZ»). Und die hat sich am Mittwoch vollzogen.
Einige Enthüllungen werden sicher noch folgen.
Welche, wird meist in Kombination mit margarinalen Wortspielen («SZ»: «Werbung ist mitunter ein schmieriges Geschäft») angedeutet.
«Erst Marienhof, jetzt Margarine»
('Berliner': Wie konnte das Konzept, das Struve 2005 ausdrücklich ablehnte, «jetzt wieder in der ARD auftauchen? Und was unternahm Struve, als er erfuhr, dass sein Sportchef das Konzept doch noch in der ARD unterbrachte?»)«Margarine fatal»
('taz': «In jedem Fall wird auch das Verhalten von Günter Struve seinen Beitrag» zu Boßdorfs Verhalten «geleistet haben»)«Heiß und fettig» (Der
'Tagesspiegel' geht am weitesten: «Was die ARD schockt: Bisher konnte bei nachgewiesener Schleichwerbung auf die bösen Produzenten gezeigt werden, die die brave ARD betrogen hätten. Anders bei der Margarine-Nummer, das ist eine Inhouse-Affäre»).Oder brachte doch «eine Bagatelle» Boßdorf zu Fall
('FR'), wurde «eine Lappalie» ihm zum Verhängnis?Letzteres meint die 'Welt', die beim Becel-Hersteller nachgefragt hat (Unilever-Sprecher Rüdiger Ziegler: «Das ist ein Standardvertrag für Sonderwerbeformate, mit Schleichwerbung hat das überhaupt nichts zu tun»), aber wohl nur nach den Trailern und nicht nach dem, was die ARD als «Themeplacement» verbietet.
Mag jedenfalls sein, «dass die Intendanten nur nach einem Vorwand gesucht haben, um Boßdorf den Stuhl vor die Tür setzen zu können».
Ja, «nun wird Boßdorf geopfert, um vom Versagen der obersten Führungsebene des Senderverbunds abzulenken - dieser Eindruck drängt sich auf»
('Kölner': «Bauernopfer Boßdorf»).Dann zitiert die «FAZ» (S. 40) noch SWR-Intendant Peter Voß: «Wir haben unserer Fürsorgepflicht mehr als Genüge getan und nach dem Motto 'Im Zweifel für den Beschuldigten' den Kopf lange genug für Herrn Boßdorf hingehalten. Es ist und bleibt mir unbegreiflich, wie dieser Mensch es schafft, beachtliche Intelligenz mit einer völlig unterentwickelten Lernfähigkeit zu verbinden».
Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Könnte Hagen Boßdorf, sobald er keine sonstigen Verpflichtungen mehr hat, ins Rennen um die diversen zu besetzenden Intendantenposten in den ARD-Anstalten einsteigen?
Am Montag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels

