netzeitung.deAltpapier vom Freitag

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Mensch und Kritiker: Marcel Reich-Ranicki (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Mensch und Kritiker: Marcel Reich-Ranicki
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Eine «heiße und fettige» Affäre? Eine Bagatelle? Ist Hagen Boßdorf ein «Bauernopfer»? Aktuelle Meinungen zur jüngsten ARD-Affäre. Auch nicht unumstritten: der Reich-Ranicki-Film des ZDF.

In der Sache Hagen Boßdorf ist zum Stand von gestern nicht sehr viel Neues hinzugekommen.

Am interessantesten vielleicht: Das Themenplacement in der ARD-Sendung «Becel Deutschland Walk» sei «auch der Programmbeobachtung im eigenen Haus aufgefallen»; die «ARD-Clearingstelle Schleichwerbung» «monierte» es bereits «drei Tage nach Start» der elf-teiligen Reihe («SZ», S. 19).

Also

ungefähr am 6. September - eine Woche bevor die ARD-Intendanten in Schwerin zur allgemeinen Verwunderung die Verlängerung von Boßdorfs Sportkoordinatorenvertrag beschlossen.

Auf dem Dienstweg der zusammengeschlossenen Anstalten geht es natürlich nicht so flott wie beim Deutschland Walk. WDR-Intendant Fritz Pleitgen «habe am 18. September davon erfahren und als Chef der Clearingstelle Sport in einem Brief an ARD-Programmdirektor Günter Struve und den Bayerischen Rundfunk Aufklärung verlangt» («SZ»). Und die hat sich am Mittwoch vollzogen.

Einige Enthüllungen werden sicher noch folgen.
Welche, wird meist in Kombination mit margarinalen Wortspielen («SZ»: «Werbung ist mitunter ein schmieriges Geschäft») angedeutet.

«Erst Marienhof, jetzt Margarine»

('Berliner': Wie konnte das Konzept, das Struve 2005 ausdrücklich ablehnte, «jetzt wieder in der ARD auftauchen? Und was unternahm Struve, als er erfuhr, dass sein Sportchef das Konzept doch noch in der ARD unterbrachte?»)

«Margarine fatal»

('taz': «In jedem Fall wird auch das Verhalten von Günter Struve seinen Beitrag» zu Boßdorfs Verhalten «geleistet haben»)

«Heiß und fettig» (Der

'Tagesspiegel' geht am weitesten: «Was die ARD schockt: Bisher konnte bei nachgewiesener Schleichwerbung auf die bösen Produzenten gezeigt werden, die die brave ARD betrogen hätten. Anders bei der Margarine-Nummer, das ist eine Inhouse-Affäre»).

Oder brachte doch «eine Bagatelle» Boßdorf zu Fall

('FR'), wurde «eine Lappalie» ihm zum Verhängnis?
Letzteres meint die 'Welt', die beim Becel-Hersteller nachgefragt hat (Unilever-Sprecher Rüdiger Ziegler: «Das ist ein Standardvertrag für Sonderwerbeformate, mit Schleichwerbung hat das überhaupt nichts zu tun»), aber wohl nur nach den Trailern und nicht nach dem, was die ARD als «Themeplacement» verbietet.
Mag jedenfalls sein, «dass die Intendanten nur nach einem Vorwand gesucht haben, um Boßdorf den Stuhl vor die Tür setzen zu können».

Ja, «nun wird Boßdorf geopfert, um vom Versagen der obersten Führungsebene des Senderverbunds abzulenken - dieser Eindruck drängt sich auf»

('Kölner': «Bauernopfer Boßdorf»).

Dann zitiert die «FAZ» (S. 40) noch SWR-Intendant Peter Voß: «Wir haben unserer Fürsorgepflicht mehr als Genüge getan und nach dem Motto 'Im Zweifel für den Beschuldigten' den Kopf lange genug für Herrn Boßdorf hingehalten. Es ist und bleibt mir unbegreiflich, wie dieser Mensch es schafft, beachtliche Intelligenz mit einer völlig unterentwickelten Lernfähigkeit zu verbinden».

Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Könnte Hagen Boßdorf, sobald er keine sonstigen Verpflichtungen mehr hat, ins Rennen um die diversen zu besetzenden Intendantenposten in den ARD-Anstalten einsteigen?


Altpapierkorb
Heute um 22.35 Uhr im ZDF: «Ich, Reich-Ranicki». «Wie um seine eigenen Klischees zu erfüllen, hat Marcel Reich-Ranicki bereits gegen diesen Film angenörgelt: Der zeige nicht, was von ihm bleiben werde» ('taz'; um was es geht, siehe Altpapier). Doch «es kann gut sein, dass von ihm nicht so sehr seine Werke bleiben werden, sondern gerade das Performative: seine verbale Aufdrehkunst, sein Wille zur Wortschlacht. Gerade das Flüchtige also». +++ «Was soll dieser Blödsinn? Aber ganz abgesehen von der dummen Bebilderung...», schimpft Arno Widmann, als wäre er selber Reich-Ranicki: «Ein ziemlich dummes Porträt» ('Berliner'), und Frank Schirrmacher und Hellmuth Karasek redeten «mit so viel Kreide im Mund über den quicklebendigen Reich-Ranicki, als stünden sie an dessen Grabe». +++ «Die spontan geäußerten Beanstandungen des Hauptdarstellers haben ihre Richtigkeit», die Filmautoren Lutz Hachmeister und Gert Scobel haben auch recht, das kann «gar nicht anders sein in einem Filmporträt», lobt Gerrit Bartels ('Tsp'). +++ Salomonisch die 'Rundschau': «Es ist ein Phänomen: Wann immer man sich mit MRR befasst, wird einem der Mensch Reich-Ranicki sympathischer, als es einem der Kritiker MRR je hätte sein dürfen» (Christoph Schröder). +++ Arte setzt Hannah Arendt gegen MRR: «einfühlsames Porträt» («FAZ») heute um 22.25 Uhr anlässlich des 100. Geburtstages morgen. +++ Heute 100 wird Karl Holzamer, durchaus auch Philosoph («Bedeutung heißt, dass das Ganze kein Quatsch sein soll, sondern etwas, das den Menschen hilft, sie innerlich bildet, aber auch gefällig, also unterhaltend sein soll»), vor allem Gründungs-Intendant des ZDF. Siehe hier, da, dort sowie Rhein-Main-'FAZ'. +++ Kaum eingeweiht, müssen «drei drei neue Namen auf den Steinen eingetragen werden»; Die 'Neue Zürcher' berichtet aus der Normandie von der Eröffnung des Mahnmals für getötete Journalisten. +++ «Eine Sequenz aus 'Harald Schmidt' gibt es bereits. Bundesligatore sind auch schon zu sehen. Das Interesse an Inhalten aus dem deutschen Fernsehen wird aber steigen»: Die «FAZ» räsoniert über die «die Zukunft des Fernsehens nach dem Google-Coup» mit Youtube (siehe Altpapier). +++ Kickeri... Pardon: «Kickerikone Franz Beckenbauer als Chefkommentator» zählt zu den Zugpferden des Internetfernsehens der Deutschen Telekom. Und das soll im Oktober starten, wie die 'FTD' unter Berufung auf «mit dem Vorgang vertraute Personen» berichtet. Schon zu haben ab «etwa 110 Euro im Monat» bzw. ab 140 Euro, «wenn der Kunde zusätzliche Kanäle und Bundesliga-Übertragungen abonniert».

Am Montag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.


Für das Web ediert von Christian Bartels