Altpapier vom Dienstag
11.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Christian Sonntag legt völlig überzeugend dar, dass die Wurzeln von «Weblogs und Bürgerjournalismus» in der kommunistischen Presse und ihrer Vorstellung von den Volkskorrespondenten liegen.
«'20 Millionen Redakteure' will die Netzeitung für ihre Readers Edition akquirieren. (...) Die Idee, aus Lesern Schreiber zu machen, ist keineswegs neu. Über 20 000 Volkskorrespondenten verfügte die DDR in den achtziger Jahren, und sie taten zumindest in der Theorie das, was die Bürgerjournalisten von heute auch tun: Sie artikulierten sich öffentlich, verbreiteten eine Nachricht, mischten sich in den gesellschaftlichen Diskurs ein - und waren stolz, wenn ein Bericht von ihnen gedruckt wurde.»(Hervorh. NZ)
Es gab in der DDR auch ein Mitteilungsblatt für diesen Typus: «Der Volkskorrespondent» hieß es. In einem Gedicht wird den Bürgerjournalisten von damals Mut zugesprochen:
«Du schreibst und deine Hand ist schwer, sie ist der Feder ungewohnt. Du schreibst und müde bist Du manchmal, sehr, doch weißt Du, dass das Schreiben lohnt. Du schreibst und jede Zeile wird zum Schwert im Kampf um Einheit und für Frieden. Und manchmal schreibst Du ,kam' mit h, doch immer war der Inhalt wahr von dem, was Du geschrieben.» (Hervorh. NZ)
Dass die Hand «der Feder ungewohnt» sei, kann man von den wenigsten Autoren der «Readers Edition» sagen. Im Gegenteil, vieles klingt nur allzu routiniert - als käme es direkt aus dem Modul einer Journalistenschule.
Und weiter, wenn wir schon am Dampfablassen sind: Elend viele Artikel vermittelt den Eindruck von Empfehlungsschreiben an die nächste Lokalredaktion. Schrecklich. Und elend viele Schreiber bewerben sich offenkundig um einen Posten als Leitartikler. Furchtbar.
Geht es etwas leidenschaftlicher, etwas anarchischer? Das Wort Popjournalismus wollen wir gar nicht erst in den Mund nehmen, aber wenn schon Bewerbungsschreiben, dann bitte an die Süddeutsche Zeitung richten, liebe Autoren der «Readers Edition», und zu Händen von Herrn Kurt Kister adressieren. - Warum? Die Antwort gibt der stellvertretende Chefredakteur Kister in einem Interview im «Medium Magazin» (aktuelle Ausgabe, Beilage Nannen-Preis):
«Eines der herausragenden Merkmale der 'Süddeutschen' ist, dass Witz und Ironie hier schon seit Jahrzehnten sehr geschätzt werden.»
Den Vorzug der Selbstironie kannte der vergangenen Freitag verstorbene Rudi Carrell. Und einen schönen Nachruf schreibt Harald Keller in der
'FR'. «1985 hatte Rudi Carrell schon einmal einen bemerkenswerten Abgang hingelegt», fängt er an.
Altpapierkorb
«So witzig wie die sind wir nicht», meint Gustav Mechlenburg, wenn er sein Magazin
'Kultur und Gespenster' mit «Der Freund» vergleicht. Fürwahr, urteilt Olaf Sundermeyer in der «FAZ» (S. 46). «Die erste Ausgabe von 'Kultur und Gespenster' schafft es nicht ins Badezimmer. Sie bleibt am Schreibtisch als akademisches Werkstück mit Literaturhinweisen, Korrekturrand und künstlerischen Einsprengseln. Ausgezeichnet sind die Rezensionen, die Literatur soll ein Schwerpunkt sein» (Hervorh. NZ). +++ Im 'Tagesspiegel' schilt Matthias Kalle den «Spiegel-Online-Kolumnist mit doofem Pseudonym», sowie den gerne gehassten Reinhold Beckmann und Paul Breitner, der bei «Waldi immer schon wusste, was für ein Typ dieser Zidane ist, aber diese Information behielt er über acht Jahre für sich». Wer Breitners widerwärtiges Wadenbeißen gesehen hat, der weiß: Es trifft den richtigen. +++ Es wird natürlich auch sehr viel in Jürgen Klinsmann reingedeutet. In manchen Kreisen gilt er als großer Antipode der «Bild-Zeitung». Nun hat «Grinsi Klinsi» («Bild») dem Revolverblatt ein großes «Exklusiv-Interview» gegeben (S. 20) Die Rolle der Medien ist allerdings nicht Gegenstand des Gesprächs. +++ Aha, die ARD hat eine «Generalsekretärin». Verena Wiedemann heißt sie. Über Ihre Herkulesaufgabe kann man sich in der 'Welt' sachkundig machen. +++ Zum Start der Bundesligasaison plant Arena einen Überraschungscoup. Mehr im 'Tagesspiegel'. +++ «Il manifesto» geht es bekanntlich nicht gut. Aber es tut sich etwas: «Und solidarisch griff dann am Samstag auch Adriano Celentano zur Feder, ärgerte sich in einem langen Beitrag über die kurzsichtigen Werbe-Fuzzis, die kaum Anzeigen schalten: 'Was juckt es dich, wenn unter dem Titel Manifesto noch das Wörtchen comunista steht?'» Mehr in der 'taz'. +++ Das Interview, das die «SZ» mit Edgar Berger, dem Chef von Sony-BMG, geführt hat, gibt es freundlicherweise als extendent version in Netz. Das drucken wir uns nun aus und nehmen es mit ins Freibad.
Am Mittwoch füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10 Uhr.
Für das Web ediert von Michael Angele

