Altpapier vom Dienstag
03. Jan 2006 09:51, ergänzt 11:05
 |  Bezugspunkt des Internet-Gags: Innenminister Wolfgang Schäuble | Foto: dpa |
|
Das Internet in Hochform: Wie ein «Bund Deutscher Juristen» über eine in Arizona registrierte Seite eine Falschmeldung über «leichte Folter» auch in ziemlich renommierte Medien brachte.
Hier ist sie,
die Webseite des inzwischen bekannten «Bundes Deutscher Juristen», dessen Chef, der bis vor kurzem noch ungooglebare «Dr. Claus Grötz», vor kurzem eine juristische Neubewertung der Folter gefordert haben soll.Die Webseite dieses «BDJ» - nicht zu verwechseln mit
bdj.de
, dem Internetauftritt eines traditionsreichen Versicherungshauses - war «erst am 28. Dezember bei der Domainregistrierfirma
Proxy Inc.
im US-Bundesstaat Arizona eingerichtet worden». Sie ist «vermutlich eine Schöpfung von Foltergegnern»
('taz')
, ein «Neujahrsscherz»
('Welt')
, ein «Internet-Streich», aber ein tückischer: «Grafisch und layouterisch einwandfrei» erscheint die Seite dem Fachmann
('FR')
, «textlich noch dazu in Juristendeutsch gehalten».Vermutlich stecken auch keine Laien dahinter. Inzwischen
listen
die Macher der Seite nicht ungenüsslich zahlreiche größere und kleinere, privatwirtschaftliche und öffentlich-rechtliche Medien auf, die so oder so über
diese am 1. Januar 2006 um 10.43 Uhr
von der Agentur AP verbreitete Meldung berichte(te)n.Da sollte natürlich überhaupt keine Schadenfreude aufkommen: Auf renommierte Agenturen verlässt man sich stets gern, zumal an Feiertagen, an deren Vorabend man vielleicht auch ein wenig gefeiert hat. Deswegen wird hier auch nur
ganz kurz
wirres.net zitiert («spon mal wieder in qualitäts-journalistischer hochform»; der Beitrag dort ist auch längst
offline
). Außerdem sind sogar Die Grünen drauf reingefallen.Zurück zum medialen Ernst: Altpapier-Leser wissen, dass der erste Zeitungsbericht über die Hintergründe des Hoaxes
gestern im 'Tagesspiegel'
stand.Das haben wiederum auch die anonymen Juristen oder Juristen-Parodisten dankbar registriert. Sie schickten dem Berliner Blatt eine E-Mail, sodass die BDJ-Story
heute ebd. weitergeht:
Wiewohl der BDJ von sich behauptet, seine Rechercheure hätten «gefeiert und unsauber gearbeitet», ist er eine «tatsächlich nicht existente Organisation». Nichtdestotrotz will das Bundesinnenministerium, dessen Chef Wolfgang Schäuble als Urheber des Bezugspunkts der Falschmeldung sozusagen auch betroffen ist, keine Anzeige erstatten.
Das würde «der Sache dann nur unnötig Raum geben», hat der «Tagesspiegel» aus dem Ministerium gehört.
Echte Juristen will falls möglich AP einschalten («taz»). Aber nicht nur das. Auch «die interne Qualitätskontrolle weiter steigern» möchte die Agentur, hat vom Chefredakteur Peter Gehrigdie «Welt» erfahren.
Der Satz «Man muß schon ein bißchen tiefer graben, wenn man die Wahrheit herausfinden will», der immer und überall gesagt werden kann und heute ebenfalls die «Welt»-Medienseite ziert, steht in keinerlei Kausalzusammenhang mit dem «Folter-Fopp».
Der amerikanische Journalist Robert Scheer spricht ihn aus, weil Gerti Schön ihn zu seinem sogenannten «Anti-Blog»
truthdig.com
befragt.
So wild ist das «Anti-» aber nicht gemeint: «Ich mag das Internet mit seiner unglaublichen Auswahl an Informationen, aber ich mag es nicht, wo es laut ist und simplizistisch und nervig, wo man sich gegenseitig beschimpft und sich um jedes Bröckchen Rechthaben prügelt»,
sagt Scheer auch und ist damit sicher auf der Höhe der Zeit.
Mehr im Internet: Die Artikel des Tages |
|
Altpapierkorb
Nun aber nachprüfbar harte Fakten aus bekannten Medienhäusern: An der Fernseh-Fußball-Front gießen heute die
'FTD'
und überraschendererweise auch die «taz» in
Bericht
und
Kommentar
(«Die Bundesliga schadet dem Wettbewerb») sozusagen Wasser auf Georg Koflers Mühlen. +++ Wenn sich Metaphernarsenale ballen, könnte man in der «FAZ» sein oder bei öffentlich-rechtlichen Investigativjournalisten:
Erstere befasst sich ausführlich
mit letzteren, den «graumäusigen», trotz wortgewaltiger Proteste jetzt kürzeren ARD-Politmagazinen. Der Sendezeitverkürzung enstspricht «eine prozentual deutlich geringere Kürzung der Etats», schreibt Thomas Thiel. Zur neuen Lage wollte er auch mal «mit einem ihrer freien Mitarbeiter»sprechen, aber diese Bitte wurde «höflich abgewiesen. Solche Fragen sind selbst Investigativjournalisten zu investigativ». +++ Wie man drei Prozent Einsparungen ohne Qualitätseinbußen umsetzt? Einfach für 30.000 Euro pro Jahr Zeitungen abbestellen, rät Kai Gniffke, «seit Jahresanfang Chef der 90-köpfigen Nachrichtenredaktion ARD-aktuell». Den Mann, in dessen Arbeitszimmer eine Brechstange liegt, die ihm die lieben Kollegen schenkten, porträtiert Peter Luley für die «SZ» (S. 15). +++ Ins TV: Vox bestattet wieder, fiktional amerikanisch (siehe
'Tsp.'
) und komplementär dokusoapig deutsch («Die Kuckelkorns», ein Satz dazu in der
'taz'
, ansonsten
'FR'
).+++ So ein Zufall:
Auch
das
ZDF bittet
zum lustig gemeinten «Leichenschmaus». +++
Gibt es 'Menschen bei Maischberger' noch?
+++ «
Als Podcast bezeichnet man
die Verbreitung von themenbezogenen Audiodateien, die mittels einer besonderen Software (RSS-feed) abonniert werden können»?
Trotzdem ganz interessant, was die
'Berliner'
über Podcasts als inzwischen «ernst zu nehmendes Medienangebot» zusammenträgt. +++ Was zuletzt an der Springer/ Fernseh-Front geschah?
'Rundschau'
. +++ Auch das ist Springer, inzwischen: der «Musikexpress», mit 600 Ausgaben «Deutschlands dienstältestes Musikmagazin». Daher interviewt Katrin Hildebrand für die
'Rundschau'
den Chefredakteur Christian Stolberg («Du musst dich mitentwickeln, dann hast du auch als Alter eine Chance»).Am Mittwoch füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels