Altpapier vom Dienstag
Die Webseite dieses «BDJ» - nicht zu verwechseln mit
bdj.de, dem Internetauftritt eines traditionsreichen Versicherungshauses - war «erst am 28. Dezember bei der Domainregistrierfirma Proxy Inc. im US-Bundesstaat Arizona eingerichtet worden».Sie ist «vermutlich eine Schöpfung von Foltergegnern»
('taz'), ein «Neujahrsscherz» ('Welt'), ein «Internet-Streich», aber ein tückischer: «Grafisch und layouterisch einwandfrei» erscheint die Seite dem Fachmann ('FR'), «textlich noch dazu in Juristendeutsch gehalten».Vermutlich stecken auch keine Laien dahinter. Inzwischen
listen die Macher der Seite nicht ungenüsslich zahlreiche größere und kleinere, privatwirtschaftliche und öffentlich-rechtliche Medien auf, die so oder so über diese am 1. Januar 2006 um 10.43 Uhr von der Agentur AP verbreitete Meldung berichte(te)n.Da sollte natürlich überhaupt keine Schadenfreude aufkommen: Auf renommierte Agenturen verlässt man sich stets gern, zumal an Feiertagen, an deren Vorabend man vielleicht auch ein wenig gefeiert hat. Deswegen wird hier auch nur
ganz kurz wirres.net zitiert («spon mal wieder in qualitäts-journalistischer hochform»; der Beitrag dort ist auch längst offline). Außerdem sind sogar Die Grünen drauf reingefallen.Zurück zum medialen Ernst: Altpapier-Leser wissen, dass der erste Zeitungsbericht über die Hintergründe des Hoaxes
gestern im 'Tagesspiegel' stand.Das haben wiederum auch die anonymen Juristen oder Juristen-Parodisten dankbar registriert. Sie schickten dem Berliner Blatt eine E-Mail, sodass die BDJ-Story
heute ebd. weitergeht: Wiewohl der BDJ von sich behauptet, seine Rechercheure hätten «gefeiert und unsauber gearbeitet», ist er eine «tatsächlich nicht existente Organisation».Nichtdestotrotz will das Bundesinnenministerium, dessen Chef Wolfgang Schäuble als Urheber des Bezugspunkts der Falschmeldung sozusagen auch betroffen ist, keine Anzeige erstatten.
Das würde «der Sache dann nur unnötig Raum geben», hat der «Tagesspiegel» aus dem Ministerium gehört.
Echte Juristen will falls möglich AP einschalten («taz»). Aber nicht nur das. Auch «die interne Qualitätskontrolle weiter steigern» möchte die Agentur, hat vom Chefredakteur Peter Gehrigdie «Welt» erfahren.
Der Satz «Man muß schon ein bißchen tiefer graben, wenn man die Wahrheit herausfinden will», der immer und überall gesagt werden kann und heute ebenfalls die «Welt»-Medienseite ziert, steht in keinerlei Kausalzusammenhang mit dem «Folter-Fopp».
Der amerikanische Journalist Robert Scheer spricht ihn aus, weil Gerti Schön ihn zu seinem sogenannten «Anti-Blog»
truthdig.com befragt.So wild ist das «Anti-» aber nicht gemeint:
«Ich mag das Internet mit seiner unglaublichen Auswahl an Informationen, aber ich mag es nicht, wo es laut ist und simplizistisch und nervig, wo man sich gegenseitig beschimpft und sich um jedes Bröckchen Rechthaben prügelt»,
sagt Scheer auch und ist damit sicher auf der Höhe der Zeit.
Am Mittwoch füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels
