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Altpapier vom Donnerstag

10. Nov 2005 10:10, ergänzt 14:29
Schon wieder ist eine wichtige Entscheidung über die Medien-Verbreitung gefallen: War's das jetzt für das digitale Antennenfernsehen DVB-T?

So viele Medien schwirren, flimmern und krauchen auf so vielen unterschiedlichen Übertragungswegen durch die Luft und diverse Kabel, dass sich dauernd etwas ändert und der Überblick schwer fällt.

Während die gestern (siehe Altpapier )verhandelte Veränderung bei den Radio-Fußballberichten die Menschen draußen an den Empfangsgeräten nicht berührt, ist es anders bei der nun in Brüssel gefallenen Entscheidung , die «Beihilfe für die Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens (DVB-T) in Berlin-Brandenburg als rechtswidrig» zu betrachten.

«Im schlimmsten Fall könnten Zuschauer in 300.000 Berliner DVB-T-Haushalten Serien wie 'CSI Miami' auf RTL) oder 'Desperate Housewives' auf Pro Sieben nicht mehr sehen», informiert die «SZ» (S. 33).

Denn: Als die Privatsender bei der seinerzeit weltweit ersten Umstellung des Antennenfernsehens in und um Berlin auf nur noch digitalen Ausstrahlung (siehe Netzeitung 2002 ) mitmachten, hatten sie sich nicht nur durch die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg MABB (also aus Rundfunkgebühren) fördern, sondern auch «ein Rückzugsrecht» zusichern lassen, «falls diese Förderung ... ausfallen sollte».

Und so kommt es nun.
Zur «FAZ» (S. 40) sagte ProSieben-Sat.1-Sprecherin Katja Pichler: «Unser Engagement ist von der Förderung abhängig», ihr RTL-Kollege Christian Körner ergänzt: «Die wirtschaftlichen Rahmendaten des Projekts DVB-T haben sich durch die Entscheidung in Brüssel verändert». Jetzt müsse grundsätzlich überdacht und geredet werden, was gerade im Bereich der Fernseh-Übertragungswege sehr sehr lange dauern kann.
«Mehr denn je ungewiss» ist sich die «SZ», ob die für 2006 geplante Umstellung auf DVB-T in Kassel, Ludwigshafen usw. überhaupt kommen wird.

Um die ca. 0,3 Mio. hauptstädtischen Laubenpieper, die dem Vernehmen nach gern DVB-T schauen, nicht zu beunruhigen: Jürgen Doetz von der Privatsenderlobby VPRT hat auch auch schon wieder Stellung genommen und zur «SZ» gesagt, dass DVB-T «ein Zwischenschritt zum spannenderen Handy-TV (DVB-H)» sei und die Privatsender da «den Markt nicht an die Mobilfunker abgeben» sollten. Sein Vorschlag: ein Digitalisierungsfonds.

Klicktipps, falls das interessiert: Hier nimmt die Berliner Medienanstalt Stellung, hier die Kabelnetzbetreiber-Lobby, die sich in Brüssel beschwert hatte (und hier gestattet eine weitere Kabel-Lobby aufschlussreiche Einblicke in die bizarre Welt der Übertragung von Fernsehsignalen).

Für uns Zuschauer ist natürlich weniger wichtig, wie etwas ins Fernsehen kommt, als was überhaupt hinein kommt.
In dieser Hinsicht heute interessant: der Mann, der den Wert eines der populärsten Fernseh-Inhalte auf eine halbe Milliarde Euro heraufschrauben will. Das macht Bundesliga-Manager Christian Seifert, indem er 233 Verwertungsangebote an bis zu 35 Bewerber verkauft. Bernd Gäbler stellt ihn im «Tagesspiegel» vor.

Dass Seifert einst (immerhin bei MTV und nicht bei Neun Live) «die rechte Hand» von Christiane zu Salm war, mithin der Lebensgefährtin jenes Bezahlkanal-Chefs, der 'kein Menschenrecht auf Fußball' kennt, macht denen, die Fußball lieber im freien Fernsehen sehen, keinen Mut.


Mehr im Internet: Artikel des Tages


Altpapierkorb

Hier geht es zur liebevoll gestalteten faz.net-Bilderschau zum Tod der mit 95 Jahren verstorbenen Schauspielerin Carola Höhn. Auf der «FAZ»-Medienseite 40 steht auch ein kurzer Text dazu, und ebenfalls ein Bild - das allerdings die Publizistin Carola Stern zeigt, die keine Schauspielerin ist und hoffentlich noch lange wohlauf [mit Dank an aufmerksame Altpapier- und Print-«FAZ»-Leser]. +++ Aus der 'New York Times' : Judith Miller's Farewell (mehr auf deutsch in der Netzeitung und, noch nicht gedruckt, von Jordan Mejias bei faz.net ). «Seine Arbeit als Chefredakteur war im eigenen Haus nicht unumstritten», berichtet Andreas Foerster ( 'Berliner' ) über den freigestellten «Ostsee-Zeittung»-Chefredakteur Gerd Spilker. Die Stasi-Vorwürfe kamen «wie ein Blitz aus heiterem Himmel», sagt der Geschäftsführer? Netzeitung. +++ Als der NDR «am Montagabend in einer kleinen Journalistenrunde» seine Studie über die Berichterstattung der Springer-Medien vorstellte, waren «Vertreter von Zeitungen der Axel Springer AG nicht erwünscht». Und erhielten auch auf Nachfrage «keine Exemplare», berichtet die betroffene 'Welt' . +++ Springer halte sich mit «Gratissimo» weiter bereit, «innerhalb weniger Tage in 15 Städten gleichzeitig zu starten. Es sei aber wohl die Einsicht gewachsen, dass in Ländern mit hohem Wettbewerb im Zeitungsmarkt und vor allem in einem nicht zentralistischen Land wie Deutschland die Chance, gewinnbringend Gratiszeitungen herauszugeben, sehr gering sei» ('Tagesspiegel'). +++ «Der dümmste Zuschauer bringt die höchste Quote»: Hochfeuilletonistisch kommentiert Jens Jessen in der «Zeit» (S. 45) unter der Überschrift «Pisa-Fernsehen» die (hier als PDF verfügbare) Studie zum politischen Fernseh-Journalismus, welche gerade auf dem Mainzer Mediendisput verhandelt wird. Siehe auch 'Tagesspiegel' . +++ Das ist der 'San Francisco Examiner'. Als Philip Anschutz ihn für 20 Mio. Dollar kaufte und in ein Gratisblatt umwandelte, «hagelte es Spott», doch Erfolg stellte sich rasch ein. Nun startet der Milliardär in den USA «eine Gratiszeitung nach der anderen». In Deutschland gehören Anschutz einstweilen bloß Eishockeyklubs und gewaltige Mehrzweckhallen in Hamburg und bald auch Berlin. Die «SZ» stellt ihn vor (S. 33). +++ Ebd.: Matthias Esche von der Polyphon (kein Klingeltonanbieter, eine Fernsehproduktionsfirma aus der Studio Hamburg-Gruppe, also ARD-Besitz) soll einer von zwei neuen Bavaria-Chefs werden (auch 'Welt' ). +++ ORF-Chefredakteur Walter Seledec, war am Sonntag neben «etlichen Skinheads sowie offenbar organisierten Männern mit braunen Hemden und langen Mänteln an» auf einer Nazi-Gedenkfeier auf einem Wiener Friedhof. Das sorgt für Aufregung in Österreich ('Berliner'). +++ In den Nahen bis Mittleren Osten: Wie im iranischen Staatsfernsehen Zeichentrickfilme und höchste Würdenträger Selbstmordattentate verherrlichen, berichtet die 'Welt' unter Berufung auf das Middle East Media Research Institute. +++ Die 3sat-Reportage über Kinder im Iran sollte man verpassen!, meint die 'taz'. +++ Wie die «Jerusalem Post», Israels älteste englischsprachige Zeitung, die «jahrzehntelang als eher links galt», nun mit einer «fundamentalistischen Christenorganisation» zusammenarbeitet, so dass «Post»-Gründer Gershon Agron sich «im Grabe umdrehen» würde, wenn er das wüsste, berichtet die 'taz'. +++ Ferner gibt es nun weitere Berichte darüber, dass es «Die Simpsons» «jetzt auch auf Arabisch» gibt. +++ Und zwei kürzere über das, was Arte demnächst so plant. +++ Eine neue Groteske aus dem italienischen Fernsehen erzählt Dirk Schümer in der 'FAZ' . Es geht um Paolo Bonolis, bislang «teuerster Angestellter» von Mediaset, Silvio Berlusconis Medienhaus.+++ «Nur noch jeder dritte Käufer erwirbt die Zeitung täglich, an den anderen Tagen verzichtet er auf das gedruckte Blatt und begnügt sich wahrscheinlich mit dem Internet». Fühlen Sie sich angesprochen? Dann haben Sie gewiss Verständnis, dass dieser 'FAZ'-Artikel nur unfrei online steht. Es geht um den «Monde» in Frankreich, der in neuem Zuschnitt «flüchtige Leser packen» will.

Am Freitag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.

 
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