netzeitung.deAltpapier vom Dienstag

 Herausgeber: netzeitung.de

Hans-Ulrich Jörges (r.) mit CDU-Genelsekretär Kauder (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hans-Ulrich Jörges (r.) mit CDU-Genelsekretär Kauder
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In der weiterwogenden Debatte um Medienmacht und Politik bringt nicht einmal Otto Schily alle gegen sich auf. Versöhnlich fragt die «taz», ob wir nicht alle ein bisschen Jörges sind.

Eigentlich schade, dass dieser große Medien/ Politik-Kongress nächste Woche nun doch nicht stattfindet.

«Sicher wäre für Otto Schily womöglich ein eigener Kongress nötig. Für den Christiansen- und Hahne-Journalismus sowieso», und ganz sicher zählt zu den wenigen Vorwürfen, die man hierzulande ganz bestimmt nicht erheben kann, dass es an Medienkongressen mangelte. «Man muss dringend debattieren», fordert dennoch

heute in der 'taz' Peter Unfried. Und zwar im Rahmen einer gut informierten Journalisten-Schau ganz auf der Höhe bzw. gewaltigen Breite der Medienmacht-Debatte, nicht ohne auch auf Catilina sowie eine eigene Entschuldigung zzgl. daran geübter Kritik zu verweisen.

Zu den aktuellen Steinen des Debatten-Anstoßes zählt die jüngste

'Hausmitteilung' des «Spiegel». Denn «für einen Chefredakteur schreibt Stefan Aust ganz schön wenig. Genau genommen so gut wie nie», informiert Oliver Gehrs in der 'Rundschau' und bestätigt dann ausdrücklich die Leyendecker-Kritik an Aust neulich (siehe Altpapier), wonach der «Spiegel»-Chef ein «geübter Rechthaber» sei. Aktuell verwandte er «statt eigener Argumente ganz viele Zitate» Rudolf Augsteins, dessen Schuhe bekanntlich größer waren. Wenngleich nicht alle Augstein-Zitate («Im Zweifelsfall steht der Spiegel links»).

Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner: Gegen Otto Schily sind doch alle Journalisten, oder?
Also gegen den Schily, der kürzlich durch «eine bizarre Rede» «mehrere hundert Journalisten, Medienunternehmer und Chefredakteure verfolgten im Berliner Maritim-Hotel überwiegend fassungslos» machte. Das steht als Nachbetrachtung zum

bislang letzten Medienkongress, dem der Zeitungsverleger, ebenfalls im 'Spiegel'. Auffallender als die starke Sprache der Schily-Kritik, die es ja schon reichlich gab, ist die historische Selbstreferenz: «Der Fall ist klar, erinnert tatsächlich ein wenig an die 'Spiegel'-Äffare. Franz Josef Strauß hatte noch versucht, sich herauszulügen. Schily erklärt seinen Rechtsbruch zur Staatsräson», schreibt der «Spiegel» und zitiert zur Bekräftigung , was Guido Westerwelle gleich per Brief an den Minister schrieb.

Was sagt eigentlich Rudolf Augstein dazu? «Das erste und prominente Opfer eines solchen Verständnisses der Pressefreiheit, hat den furchtbaren Auftritt des Ministers nicht mehr erlebt», informiert

am Ende der «Spiegel»: «Er starb im November 2002. Doch Augstein hat seine Kollegen schon im Februar 1998 vor dem Mann gewarnt, der damals der sozialdemokratischen Opposition als Innenexperte diente», worauf ein weiteres Exempel aus Augsteins Zitatenschatz folgt.

Was den Konsens in puncto «Cicero»-Durchsuchung betrifft - da wiederum wirft «taz»-Anwalt Jony Eisenberg in seiner

Kolumne («Heute: Was ist Pressefreiheit?») Sprengstoff in die Runde. «Dazu gilt: Das Dienstgeheimnis, das Beamte bindet, dient auch dem Schutze von Betroffenen und damit all jenen, denen der Staat zumutet, dass er über sie Daten sammelt. Diese Daten dann an die Presse weiterzugeben, dazu ist weder der Staat ermächtigt, noch ist das den Betroffenen zuzumuten». «Die Empfindlichkeiten der Medien» seien aus diesen u.a. Gründen «gänzlich unangebracht».

Zum Glück reicht Peter Unfried am Ende des eingangs erwähnten Artikels den Gegnern doch noch die Hand:
«Am meisten gibt mir zu denken, wie wir (fast) alle hintenrum auf den Kollegen Hans-Ulrich Jörges losgehen. Angeblich wegen inhaltlich variablen und effekthascherischen Klugscheißertums. Ist das richtig und/oder Neid und/oder die unterbewusste Verdrängung eigener oder kollektiver Fehler durch Projizierung auf ein personifiziertes Übel? Look at yourself. Du bist vermutlich nicht Deutschland. Aber vielleicht bist auch du ein bisschen Jörges


Altpapierkorb
Kampagnen- und mehrheits-fähig, zumindest unter Feuilleton-eingebetteten Medienjournalisten bzw. im «Kulturvolk»: «Warum die 'Kulturzeit' bei 3sat reüssiert – und warum 'aspekte' im ZDF bleiben muss». Barbara Sichtermann begründet es im 'Tagesspiegel'. +++ Dazu passt ex negativo, was der 'Spiegel' im Rahmen einer großen Telenovela-Abrechnung über «die öffentlichrechtlichen Gebühren-Milliardäre» schreibt: dass sie «inzwischen durchaus willens und in der Lage sind, dümmeres Fernsehen zu liefern als die meisten Privatsender». +++ Welche Zeitung beliefert »mit täglich 650 Exemplaren ...die meisten Gefangenen in Deutschland«? Die 'taz' ist's nach eigenen Angaben, und sie berichtet auch vom 20-jährigen Bestehen des Vereins 'Freiabonnements für Gefangene'. +++ «Neue Zeitschriften am Kiosk» (Folge 1499/ 2): Die 'taz' nennt 'Rosenkrieg' «die logische Folgerung der Demokratie des Bloggens». Siehe auch 'Welt'. +++ Vom Fortgang der Judith-Miller-Story berichtete die 'FAZ', die heute ihre prallvolle Medienseite fast komplett mit (frei online nicht verfügbaren) Fernsehtipps bestückt - abgesehen von einer Info darüber, dass der Themenkomplex Politik/ Medien/ Kanzler-Medienschelte doch schon Tagungs-weise behandelt wurde: von der Naumann-Stiftung auf dem Hambacher Schloss. Ergebnisse? «FDP gegen Schröders Medienschelte». +++ Gruner + Jahr geht nach Griechenland ('Welt'). +++ Wie sich chinesische Zensur und Global Player des Internet arrangieren, berichtet die 'Rundschau'. +++ Ins Fernsehen: Pro Sieben streckt sein werktägliches Wissensmagazin «Galileo» auf die doppelte Dauer: Das «klingt nach Füllwerk und einer Verwässerung des Konzepts» ('Berliner'). +++ Deutsche TV-Redakteure «glauben, dass Untertitel die Zuschauer zum sofortigen Wegschalten veranlassen» und übertragen damit eigentlich nur eine amerikanische Überzeugung ins Deutsche? (ebd.) +++ Programmtipps: Dogma-Filme, die Telenovela von Arte, der Sat.1-Katastrophenfilm zum Tunnelunglück, Lisa Fitz als RTL-Gerichtsmedizinerin, also «wieder bei den Maden» ('Berliner'). Ursprünglich aber war die Dschungelkönigin Kabarettistin, erinnert die 'Welt'. +++ Wie die Bauern-Show auf RTL war? Frei online hier. +++ Falls interessiert, was Michael Jürgs zur Osang-Verfilung «Die Nachrichten» schrieb. Und wer da klickte, sollte auch hier klicken (Konrad Weiß in der Netzeitung). +++ Vom Samstag, noch
verfügbar: das große Götz George-Porträt der 'SZ', die sich auf der heutigen Medienseite viel ums Fernsehen kümmert, aus den USA von der Krise bei der «Bibel der Neocons», dem «Weekly Standard», berichtet und als «wahre Geschichte» erzählt, wie Rainer Werner Fassbinders selten gezeigter Film «Die dritte Generation» nachts bei Vox lief - aber nach einer letzten 0190-Nummern-Werbepause nicht mehr bis zum Ende.

Am Mittwoch füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 10.00 Uhr.


Für das Web ediert von Christian Bartels