netzeitung.deAltpapier vom Freitag

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'Zeit'-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Zeit'-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Giovanni di Lorenzo fordert die Presse zu mehr Selbstkritik auf. Wir zeigen, warum das gar nicht so einfach ist.

Der Ruf wird lauter, die Presse möge in sich gehen.

So beklagt Giovanni di Lorenzo in einem Kommentar für die aktuellen Ausgabe der

'Zeit':

«Einige der wichtigsten Medienhäuser haben aufgehört, sich gegenseitig zu kritisieren – auch dann nicht, wenn Einzelne Kampagnen veranstalten oder Vendetta-Journalismus an Kritikern üben.» (Alle Hervorh. NZ)

Di Lorenzo hat Recht.

Über die Gründe ist an dieser Stelle schon oft räsoniert worden. Neben einer verschärften ökonomischen Situation («eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus») sind daran, sehr frei nach Franz Josef Strauß oder Ludwig Stiegler, die totale Verklungelung, Vernetzung und Verstrickung unserer so genannten Info-Elite Schuld.

Viel Spaß also beim Kritisieren.

Aber auch wer nicht zur publizistischen Elite gehört, ist oft mannigfach verstrickt, nehmen wir nur den

«Produkte- und Lifestyle-Journalismus. Es ist branchenüblich, dass sich Journalisten von Interessenverbänden und Firmen in teure Hotels, zu exquisiten Essen und und mehrtägigen Reisen einladen lassen», weiß Rainer Stadler in der aktuellen

'NZZ' zu berichten.

«Diese indirekten Geldströme sind ins Geschäftsmodell der Pressetitel geradezu integriert. Nach Jahren der Budgetkürzungen gibt es nur noch wenige Redaktionen, die sich die Spesen für Informationsreisen leisten können».

Gut, gut, der Journalist kann ja immer noch selbst entscheiden, wie er dann informiert, kann also alles in allem unabhängig bleiben.

Doch «glaubt ihm das die Leserschaft, wenn ihr die vielen Einladungen bekannt wären? Man darf das bezweifeln. Und das wissen die Medien. Darum erstaunt es nicht, dass die indirekten Geldflüsse, welche der Herstellung von Artikeln dienten, kaum deklariert werden».

Dennoch: wäre es nicht ehrlicher, diese Geldflüsse zu deklarieren? Fangen wir doch gleich damit an! Machen wir es besser!

1 Euro haben wir aus eigener Tasche bezahlt (via Firstgate), um den Lesern diesen kleinen Ausschnitt aus dem neuesten Zwischenruf von Hans-Ulrich Jörges präsentieren zu können:

«Da befindet Manfred Bissinger, 'dass in einer großen Koalition von 'Bild' bis 'Spiegel', auch unter Einfluss der übrigen Springer-Presse und des stern, Frau Merkel nach oben geschrieben worden ist'. Bissinger ist einer der engsten Freunde und Berater Schröders. Da erregt sich Hans Leyendecker in der 'Süddeutschen Zeitung', die beiden Magazine seien 'früher mal im Zweifel linksliberal' gewesen - und zeigt sich fassungslos ob der unklaren Fronten: 'Wo leben wir eigentlich?' Er selbst offenbarte im Juli im 'Tagesspiegel': 'Ja, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas anderes als die SPD gewählt, völlig egal, wer gerade kandidierte.'»

Und gleich noch ein wenig von dieser Suada aus dem «Stern», der Euro soll sich schließlich rechnen:

«Der Autor Michael Jürgs geißelt im NDR 'Oberlehrer der Nation' und angebliche Wahlkampfhelfer für Merkel. Jürgs ist Aufrufunterzeichner für Schröder. Niemanden erregt indes, dass 'Zeit'-Herausgeber Michael Naumann am Wahlabend von der FAZ beobachtet wird, wie er im VIP-Bereich der SPD-Zentrale strahlende Neuankömmlinge ebenso strahlend begrüßt: 'Nicht so fröhlich. Wir haben verloren.' Wir!»

Netzwerk Espede heißt der Artikel.

Und wer selbst den einen oder anderen Euro zur Verfügung hat, der sollte sich einige Zwischenrufe von vor der Wahl vergegenwärtigen.

Dort kann man nachlesen, wie einer schreibt, der lieber mit dem Volk kungelt («das Volk hat verstanden») als mit den Genossen.

In 35/2005 zum Beispiel:

«Gerhard Schröder kann den Machtkampf gegen Angela Merkel nicht mehr wenden - das Gerede von vielen unentschlossenen Wählern ist ohne Substanz


Altpapierkorb

Nach allem, was man weiß, ist dem Volk die Schleichwerbung im TV recht gleichgültig. Aber, ach, Journalisten sind ja auch nur Teil des selbigen, und so kommt es, dass die neuesten Enthüllungen der «SZ» (siehe

Altpapier) eher pflichtgetreu als leidenschaftlich vermeldet werden. Bei der 'Welt' (Druckausgabe) dementiert allein die bescheidene Größe der Überschrift deren vermeintlich spektakulären Inhalt: «Sat.1 soll im großen Stil Schleichwerbung betrieben haben». +++ Auch die 'Berliner Zeitung' und der 'Tagesspiegel' informieren ihre Leser. +++ Die 'FAZ' stellt erleichtert fest, dass Sat.1 die Angelegenheit ernst nehmen will. +++ «Die Schweiz ist ebenfalls betroffen»: Mehr in der 'NZZ'. +++ Schleichst Du noch, oder stehst du für deine Werbung schon gerade? Auch beim Sat.1-Magazin «Blitz» gab es Product Placement, mit Möbeln. Siehe «SZ» (S. 35). +++ Die Randgruppe der kulturinteressierten TV-Zuschauer finden seit zehn Jahren in der «Kulturzeit» ein Stück Heimat. Eine kleine Hommage an das 3sat-Magazin von Jennifer Wilton in der «FAZ» (S. 42). +++ Interna um Park Avenue verplaudert der 'Tagesspiegel'. +++ Seit 33 Jahren beantwortet Armin Maiwald in der «Sendung mit der Maus» Kinderfragen. Ein Porträt in der 'Welt' und ein Interview in der 'FR'. +++ «Rosenkrieg» ist ein Magazin für Scheidungswillige und Geschiedene und erscheint im Lutz von Grantowski Verlag, der schon die Zwillinge unter uns mit einem gleichnamigen Blatt beglückt. Die 'Welt' stellt Rosenkrieg vor. +++ Woher er die Werbung für sein «Viertes» nehmen will, wird Senderchef Wolfram Winter von der «SZ» gefragt (S. 35). +++ «Große Freiräume bewahrt sich das Internet, das heute den Samisdat ersetzt»: Kerstin Holm berichtet für die 'FAZ', wie Fernsehen, Radio und Zeitungen in Russland bedenklich konform gemacht wurden. +++ Ein Hinweis auf die Verfilmung des Romans «Die Nachrichten» aus der Feder des Ausnahmereporters Alexander Osang (mit Jan Josef Liefers, ZDF, 3.10., 20:15 Uhr, Vorbericht «SZ», S. 35). +++ Anerkennung für die souveräne Art und Weise, wie Cicero im neuen Heft über die Razzia berichtet, gibt es von der 'FR' - Und mit einem schönen Schlusssatz aus eben diesem Heft, er stammt von Rainald Goetz, der den neuen Houllebecq würdigt, enden wir: «So radelte er hin».

Der Altpapierkorb füllt sich am Dienstag wieder.


Für das Web ediert von Michael Angele