netzeitung.deAltpapier vom Dienstag

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Gerhard Schröder (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Gerhard Schröder
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der womöglich bald ehemalige Medienkanzler und seine Medienschelte bestimmen wieder die Agenda. Wer sind die wahren Gewinner und Verlierer im Medienwahlkampf?

Nun aber: volle Dröhnung Analysen zum Wahl-TV. In Anbetracht des Umfangs schlagen wir uns horizontal durch den Blätterwald. Wobei die umfänglichste Analyse eine Sonderausgabe zum Selbstausdrucken ist. Ganze 40 Seiten hat die Redaktion des Journalistenmagazins «V.i.S.d.P.» erstellt.

Für den schnellen Klick: Hier gibt's

Gewinner (darunter Frank A. Meyer, der später noch vorkommen wird) und Verlierer (Hans-Ulrich Jörges, ebenfalls nicht zum letzten Mal). Und hier die Transkription der «Elefanten-» bzw. «Berliner Runde». Die werden Sie noch brauchen.

Nicht zu den Gewinnern gerechnet wird WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, obwohl er doch zum Start des Wahlabends feinsinnig ein Ergebnis angekündigt hatte, «mit dem Sie nicht gerechnet haben», und überdies

«das Wort des Abends» ins Gespräch brachte (also «Jamaika-Koalition»). Damit steigt die «Frankfurter Rundschau» in ihre TV-Chronologie von 17.59 Uhr bis 22.50 Uhr ein.

Anderswo im selben Blatt geht's en detail um die «Berliner Runde»: Wie «die ganze Veranstaltung vom Regen unter Umgehung der Traufe direkt in die Jauche» rutschte,

beschreibt im heiteren Stil der späten Frankfurter Satire-Schule Markus Brauck.
Lag der Kanzler mit seiner sog. Medienschelte denn völlig falsch? Nein, meint natürlich die im SPD-Besitz befindliche «FR»: Ein Kommentar sieht «Anlass zur Sorge um die Seriosität der meinungsmachenden Klasse» und nennt exemplarisch «Großjournalisten von Jauch bis Jörges».

Hätte Frank Schirrmacher an der «Berliner Runde» teilgenommen, der Kanzler hätte sich warm anziehen müssen. Ersatzweise gibt's

diesen Feuilleton-Aufmacher in der «FAZ», in dem von «kaltem Grusel» und «Gespenstern» die Rede ist, um die Ohren.

Weiter hinten auf der Medienseite 48 nennt Michael Hanfeld den Gerhard Schröder/ Nikolaus Brender-Wortwechsel («Herr Bundeskanzler, ...» - «Wie Sie mich schon ansprechen» - «Sind Sie jetzt schon zurückgetreten?») eine «Sternstunde des öffentlich-rechtlichen Fernsehens». Und führt ein nettes Interview mit Brender, dem «durchsetzungsfähigen», «schweren Workaholic» und ZDF-Chefredakteur. Das steht nicht frei online, es ist aber auch nicht das einzige heute.

Dieses etwa führte die 'Welt', und Brender äußert sich hier so diplomatisch wie dort. Interessanter vielleicht gar die Fragen, die Christian Seel stellt: «Ist nicht doch etwas dran an der Kanzlerkritik? Der Tenor der Berichterstattung sah in der Tat Merkel längst als unangefochtene Kanzlerin...»

Springt ausgerechnet Springers «Welt» dem ehemaligen Medienkanzler bei? «Richtig ist, daß zuletzt ... kaum noch eine der bedeutenderen Zeitungen offen mit dem rot-grünen Projekt sympathisierte», schreibt André Mielke in einer

Medienwahlkampf-Betrachtung, und führt als Beispiel schon wieder Jörges, den «ehedem unverrückbar wirkenden 'Stern'-Vize», an. Auch «nicht auszuschließen», dass nach dem TV-Duell, diesem «eher überflüssigen Redewettbewerb», «der Eine oder Andere sich hier auch sein Wunschergebnis herbeideuteln wollte».

Zeit, externen Sachverstand hinzuziehen. Die

'Berliner Zeitung' befragte den 'Höhenrausch'-Experten Jürgen Leinemann. Der «Spiegel»-Autor sieht sich bestätigt («Das war eine gelungene Illustration dessen, was ich im Buch beschrieben habe») und gelangt nicht ohne das Schirrmacher'sche «gespenstisch» über routinierte Selbstkritik («Journalisten sind oft zu schnell bereit, sich an den erstbesten, scheinbar spektakulären Trend zu hängen und den noch ein bisschen aufzujazzen») zu einer wirklich steilen These:
«Die Kriterien, nach denen Politiker gewählt und eingeschätzt werden, sind bei den Leuten offenbar völlig andere als bei den politischen Profis, einschließlich den Medien».

Dass die Medien «Anlass zur Selbstkritik» haben, meint

auch der Chefredakteur. Und damit zur nächsten Berliner Zeitung. Der «Tagesspiegel» hat ebenfalls den mutigen Interviewer Brender interviewt und ihm ein wenig stärkere Worte («Schröder hat sich in manchen Phasen der Sendung nicht wie ein Bundeskanzler benommen») entlockt.

Folgerichtig schütteln

ebd. Experten «den Kopf über Schröder». Namentlich sind es Jo Groebel vom (bzw. das) Europäische(n) Medieninstitut, Horst Röper («Sicher gibt es eine Meinungspresse in Deutschland, aber die gab es immer schon»), Claus Leggewie und Paul Nolte.
Nicht den Kopf schüttelt Siegfried Weischenberg, was insofern interessant ist, als dass der vormals vom Journalistik-Professor geführte DJV bereits getan hat, was er immer tut, der Empörung Ausdruck verliehen.

Schließlich die «taz». Neben

Zapping-Impressionen (u.a.: wie Peter Hahne «die erste deutsche Bundeskanzlerin» begrüßte) setzt sie in den heute härtesten Worten zur Selbst- und Grundsatzkritik an.
Den bekennenden Neoliberalen Christoph Keese nimmt Hannah Pilarczyk zum Kronzeugen, um eine «breite Medienachse von 'Bild' über 'Zeit' und 'Spiegel' bis auch zur 'taz'», also die «so genannten Leitmedien» mit dem «Wir haben Macht»-Gestus, des «zweifachen Versagens» zu bezichtigen.

Altpapierkorb
Die Auflösung des «Wie Sie mich schon ansprechen»-Rätsels? «Schön, dass Sie mich so ansprechen», hat die «SZ» Schröder am Anfang der Sendung verstanden. Und notiert: «Später wird Schröder im privaten Kreis sagen, sie hätten ihn nicht richtig begrüßt im TV-Studio. So sei das mit den Medienhäusern und ihrer Aversion gegen ihn und Rot-Grün. Später wird ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender im privaten Kreis sagen, seine Hand zur Begrüßung sei ignoriert worden». Das steht auf der «SZ»-Medienseite 23, die prallvoll ist mit Wahlabend-Beobachtungen, doch nichts davon ins freie Internet lässt. +++ Ebd. stimmt Hans Leyendecker ausführlich Frank A. Meyer (s.o.) zu, der den Ausgang der Wahl eine «Niederlage der geschlossenen Journaille» nannte, die versucht haben, den «Kanzler wegzuschreiben». +++ Einen Nachruf auf Jegor Jakowlew, das «journalistische Gewissen der Perestrojka», hat die «FAZ» (S. 48). +++ Judith Hart, Chefredakteurin der «Jüdischen Allgemeinen», geht zu «Cicero». +++ Die Emmy-Verleihung. +++ «Bush ist eine Katastrophe», sagt Thomas Heinze. Mehr über ihn und die nette Sat.1-Komödie «Ich bin ein Berliner» in der der 'Berliner'. Sowie der 'FR'. +++ Ist wenigstens die «Volks-Rente» (Achtung,
diese ein bissel redaktionell ausschauende Webseite ist eine Anzeige) sicher, für deren Bewerben Springer den eben zitierten Schauspieler Thomas Heinze trotz seiner Bush-kritischen Worte anheuerte? Zumindest ist sie eine Bereicherung des «Bild»-Labels «Volks-», das die 'taz' vorstellt.

Der Altpapierkorb füllt sich am Mittwoch wieder um 10.00 Uhr.


Für das Web ediert von Christian Bartels