Altpapier vom Samstag
13. Aug 2005 10:05, ergänzt 12:06
«Wenn die Butter das Brot kauft, geht es immer um die Wurst».Jacques Derrida? Medienphilosoph Norbert Bolz? Didi Hallervorden?
Nein, diese prägnante Allegorie könnte Norbert Schneider selbst ersonnen haben, sofern sie nicht direkt dem Volksmund entstammt. Schließlich ist Schneider einer unserer belesensten, aber auch eloquentesten Medienkongress-Eröffner. Vor allem ist er als
Chef der nordrhein-westfälischen Landesanstalt
unser vermutlich einflussreichster Medienwächter. Insofern besitzt das Interview, das er nun dem «FAZ»-Wirtschaftsressort gab, bei aller Umgangssprachlichkeit hohe Relevanz.Es geht natürlich um die S-Frage: Soll dem Springer-Konzern die Übernahme der ProSiebenSat1 Media AG gestattet werden?
Jein, sagt Norbert Schneider. Den Einwand der «FAZ», dass Bertelsmann doch schon längst Fernsehsender und Verlage besitzt, ohne dass das jemanden beunruhigt, entkräftet Schneider mit «Der Vergleich hinkt».
(Hätte Schneider freilich sich auch gegenüber gesessen, also das Interview selbst geführt, hätte er aus seinem Zitatenschatz darauf gewiss entgegnet: «Auch was hinkt, geht»). «Das tägliche Stakkato eines Massenblattes wie 'Bild'», argumentiert er, könne «Meinungskampagnen» in ganz anderem Ausmaß führen als etwa Wochenmagazine wie «Spiegel» und «Stern».
Was also tun? Deutschlands relativ einflussreichster Medienwächter plädiert dafür, «die Risiken einer zu großen Machtballung (zu) vermindern..., ohne die Springer-Pläne gleich komplett zu verbieten. Es gibt doch nicht immer nur ja oder nein».
Idealerweise sollte der Springer-Verlag selbst Vorschläge machen. Norbert Schneider ist aber gern bereit, ihm auf die Sprünge zu helfen: «Denkbar wäre eine Selbstbindung... Dies könnte in einer neuen Unternehmenssatzung, welche die konzerninterne Meinungsvielfalt gewährleistet, niedergelegt werden - Stichwort: corporate governance».
Dass im Hause Axel Springer, was man sonst auch von ihm halten mag, an
schönen Unternehmensgrundsätzen
schon jetzt überhaupt kein Mangel herrscht, hat Schneider dabei sicher ebenso im Hinterkopf wie die Meinung kritischer Beobachter, dass es Springers rote Zeitungsgruppe mit diesen Grundsätzen nicht immer ganz genau nimmt. Wie also ließe sich die Einhaltung der denkbaren Selbstbindung sicherstellen?«Die Einhaltung könnte durch eine externe Persönlichkeit mit großer Reputation überwacht werden». Könnten gar einfach die renommierten 15 deutschen Landesmedienanstalten eine Kommission für die Überwachung der corporate governance ins Leben rufen?
Als die «FAZ» lieber anregt, dass Springer ja auch «einen Teil seiner deutschen Zeitungen verkaufen» müssen könnte, will Schneider aber auch das nicht ausschließen.
[Anm. des Altpapiers: Falls es tatsächlich zur Prüfung, «ob Springer durch die Kombination von Zeitungen und Sendern nicht in bestimmten Regionen eine zu starke Meinungsmacht gewinnt», kommen sollte: Liebe Medienwächter, bitte schauen Sie auf Hamburg!]
Wer nun befürchtet, vor lauter Sachlichkeit gehe im Interviewverlauf das Sprachspielerische flöten - keineswegs. Schneider bleibt nicht nur im kulinarischen Bild («Der Appetit kommt mit dem Essen»), sondern bringt per Doppelpass mit Interviewer Markus Theurer auch noch schöne Tiger-Metaphern.
«Mit ganz wenigen Ausnahmen sind das für mich promovierte Kissenpuper. Es ist wirklich grauenhaft, mit Fernsehredakteuren zusammenzuarbeiten».
Dieses Zitat stammt nun wirklich von
Didi Hallervorden
. Bei allem Reifen ist der Komiker, der
in diesen Wochen 70 Jahre alt
wird, sich eben treu geblieben.
Ein ebenfalls lesenswertes Interview mit ihm hat die «SZ» (S. 32, nicht frei online). Hallervordens Einlassungen werden unterbrochen durch Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Z. B. daran, dass er «in den Achtzigern vor Gericht von einer Baufirma 75.000 Mark für verabredete Schleichwerbung» erstritten hat. Da sei es um «Didi baut ein Haus» (
'Nonstop Nonsens'
, Folge 20) gegangen, als Produzent für die ARD fungierte die Bavaria.
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Noch'n lesenwertes Interview: «Ich finde, die kritischen Erkenntnisse, die wir gerade hier in Deutschland gewonnen haben und die sich mit dem Seriennamen 'Marienhof' ja nur beispielhaft verbinden, sollten von der deutschen Medienpolitik jetzt gegen das EU-Projekt in Stellung gebracht werden. Denn die Schleichwerber von heute wollen mehr», fordert der Schleichwerbungs-Investigator Volker Lilienthal in der
'Frankfurter Rundschau'
. +++ Welche Medienpolitik? Z.B. die, die Peter Harry Carstensen aus Kiel macht. Er ist der «designierte Beauftragte des Bundesrates für die Verhandlungen über die Angelegenheiten der audiovisuellen Medien bei der EU-Kommission». In dieser Funktion sieht er die EU-Pläne tatsächlich kritisch, weiß die «FAZ» (S. 39). +++ Springer sorgt für genau die «Vielfalt der Meinungen», die seine Kritiker zu wahren für sich beanspruchten? Denn diese Kritiker bevorzugen «nach dem Geschmack der deutschen Linken» Bertelsmann? Meinungen aus dem «Wall Street Journal» vom Donnerstag, welche die «FAZ» (S. 39) heute gern zitiert. Frei online stehen diese kräftigen Stimmen beide nicht. +++ Zur großen Politik: Wie war der Auftritt der Kanzlerkandidatin bei Maybrit Illner? «Es dauert 22 Minuten, bis Angela Merkel ihre Prüferin erstmals direkt anspricht»: Die wissenschaftlichste Analyse stellt Bernd Gäbler im
'Tagespiegel'
an. Öfters fielen «die einbestellten Claqueure» im Publikum, die sich so aufdringlich freuten, auf. Die
'Berliner'
(die Merkels TV-Auftritt im
Seite 3-Bericht
behandelt) hat beim ZDF nachgefragt. Wieso das öffentlich-rechtliche Fernsehen «viel Erfolg im Wahlkampf» wünscht, fragt die
'taz'
. «Das kleine Einmaleins des Interviewgeschäfts, das viele heute nicht mehr beherrschen» draufzuhaben, bescheinigt Michael Hanfeld («FAZ», S. 39) der Moderatorin. «Diesmal scheiterte sie», meint Hans-Jürgen Jakobs («SZ»). +++ Ferner freut sich die «SZ»-Medienseite 31 darauf, dass «Friedman & Strunz» künftig auf N 24 Politiker kreuzverhören. Und sie war beim «Premiere Media Day», als Georg Kofler vor 150 Werbeleuten «kreative Vermarktungskonzepte» des Bezahlsenders anpries. +++ Was Kofler seit geraumer Zeit auch gern anpreist, stellt die
'taz'
in ihrer verdienstvollen Reihe «Unnütze Technik» vor: das hochauflösende Fernsehen HDTV. +++ Im Vorfeld der WM gedeihen auf dem Markt der Fußball- und Sport-Zeitschriften derzeit
immer neue
Blüten. Eine davon:
'Sportsfrau'
aus dem Wiebelsheimer Limpert-Verlag. Das Heft versteht sich als «erste Zeitschrift nur für den Frauensport», also sowohl «Frauenhochleistungssport» als auch Gesundheits- und Freizeitsport. «Gut so», meint die
'taz'
. Älter als Didi Hallervorden bereits: die «Schiedsrichter-Zeitung», die der DFB auch zum unentgeltlichen Download
anbietet
. Weiteres dazu in der
'Berliner'
. +++ Das Problem, das Zeitungsjournalisten vor der Interviewzone am Spielfeldrand erwartet (siehe z.B.
Altpapier vom Dienstag
), nun auch im
'Tagesspiegel'
. +++ Was sich beim Berliner Radio Eins ändern
wird
? +++ Noch ein wichtiges TV-Thema: das Wetter. Die «Berliner»
glossiert
, die «FAZ» porträtiert Uwe Wesp, den «Mann mit der Fliege», der «seit dreißig Jahren im ZDF» die Wetter voraussagt. +++ Das Spektrum von «Hardcore-Science bis Boulevard-Wissen» im Fernsehen durchmisst die
'Welt'
. Dem sexy betitelten RTL 2-Format «Schau dich schlau» gesteht sie, anders als kürzlich die «SZ», durchaus Zukunfts-Chancen zu. +++ «Unvorstellbar aggressive» Journalisten? Die
'Rundschau'
berichtet aus Erfurt von einem Handgemenge von Linkspartei-Prominenz womöglich mit «Focus TV» oder «Spiegel TV» und empfiehlt sozusagen, (
neben
anderen
, natürlich) auch diese Sendungen anzuschauen.Am Montag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 9.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels