netzeitung.deAltpapier vom Mittwoch

 Herausgeber: netzeitung.de

Die meisten Deutschen interessieren sich für ihren sprichwörtlichen Bauchnabel im Zentrum des sprichwörtlichen Tellerrands, und das gewiss zu Recht. Daher, bzw. um auch auf der Medienseite zu betonen, dass sie die Neuwahlen-Idee für Gerhard Schröders «schwersten Fehler» hält, lobt die 'taz' «Tagesthemen»-Moderatorin Anne Will für das trutzige Interview, das sie am Montag mit dem taumelnden Kanzler führte. Der wollte über Außenpolitik sprechen, bloß weil er während des Interviews gerade in den USA weilte und soeben mit George W. Bush gesprochen hatte.

[Verpasst?

Hier lässt's sich dank der umfänglichen Onlinepräsenz der ARD nachholen - auch wenn wohl genau aufpassen muss, wer den Kanzler wirklich «zornig und beinahe stotternd» («taz») sehen will].

Manchmal aber lohnt der Blick in die Staaten, immer noch die Leit-Nation der Medienwelt.
Womöglich heute wird der District Court zu Washington, weil der Bundesgerichtshof nicht eingreifen mochte, in der «erbittersten Auseinandersetzung zwischen Medien und US-Regierung seit Jahrzehnten» entscheiden. Darüber, «wo und wie lange» «die US-ReporterInnen

Judith Miller und Matt Cooper», «in den Knast müssen, weil sie auf dem Zeugnisverweigerungsrecht beharren» (auch «taz», unter Berufung auf die NGO RCFP).

Drei Zeitungen blättern an diesem Mittwoch die verdammt komplizierte Story auf, die einerseits nach Niger und in den Irak führt, andererseits damit aber gar nichts zu tun hat. Hier ein FAQ zum Thema.

  • Was genau Miller («New York Times») und Cooper («Time») zu Last gelegt wird?
    «Civil Contempt», also «Missachtung einer offiziellen Untersuchung» («taz»). Sie wollen einer Grand Jury nicht den Namen eines Informanten nennen.
  • Wer ihnen das zu Last legt?
    Patrick Fitzgerald, ein vom Justizministerium eingesetzter Sonderstaatsanwalt. Ohne die Aussagen der beiden könne er «einen möglichen Gesetzesverstoß nicht aufklären», argumentiert er («FR»).
  • Welchen Gesetzesverstoß nun wieder?
    «Wissentliche Enttarnung von Geheimagenten» - dem Intelligence Identities Protection Act zufolge ein schlimmerer Straftatbestand, der mit bis zu zehn Jahren Haft belegt werden kann (während Miller/ Cooper schlimmstenfalls «nur» 18 Monate drohen).
  • Wer die mutmaßliche Straftat der wissentlichen Agenten-Enttarnung beging?
    Das weiß man ja nicht. Jedenfalls «eine undichte Quelle im Weißen Haus» («FR»), vermutlich «Spitzenbeamte» («taz»). Er oder sie hatte(n)
  • anno 2003 «eine Gruppe von Reportern» angerufen, um «den Regierungskritiker Joseph Wilson zu diskreditieren». Denn der hatte zuvor der Bush-Regierung vorgeworfen, dass deren Behauptungen über irakische Plutoniumkäufe in Afrika falsch sind (und hatte damit ja völlig Recht). Wohl aus Rache enttarnten Spitzenbeamte Wilsons Ehefrau Valerie Plame als CIA-Mitarbeiterin.

  • Was Miller/ Cooper mit der Plame-Enttarnung zu tun haben?
    «Direkt gar nichts» («taz»), Miller hatte nicht einmal irgendwas zum Thema veröffentlicht, sondern bloß recherchiert. Den Namen Plame hatte als erster der Kolumnist Robert Novak publik gemacht, der aber den Vorzug hat, als«konservativ» («FR») zu gelten. Ob er «ebenfalls belangt wird oder mit den Ermittlern zusammengearbeitet hat, ist unklar» («taz»). Er «blieb unbehelligt» («FR»), bzw. «sagte genauso wie andere Reporter vor dem Untersuchungsausschuß aus», vor dem Miller/ Cooper nicht aussagen wollen, «und scheint damit nach Ansicht des Gerichts den Formalitäten genüge getan zu haben» («Welt»).
  • Geht es noch komplizierter?
    Klar. «Warum es im Interesse der Öffentlichkeit liegen sollte, wenn» Miller/ Cooper «den anonymen Rachefeldzug des Weißen Hauses decken», also diejenigen, die sich für die Aufdeckung der Afrika-Uran-Connection-Lüge persönlich rächen wollten, «ist zumindest unklar» («FR»).

  • Kurz: Diese brisante und spannende Story schreit geradezu nach einer leicht vereinfachenden Verfilmung in liberaler Hollywood-Tradition. Für eine Hauptrolle böte sich Dustin Hoffman an. Der verdiente Schauspieler ist zumindest für viele gute Zwecke

    zu haben.

    Altpapierkorb
    Aber auch das hiesige Bundesverfassungsgericht löst medienjournalistischen Kommentarbedarf aus. Die 'taz' z.B. verblüfft durch Begrüßen des Urteils zur 'Jungen Freiheit'. «Niederlage für die Freiheit» nennt die «SZ» (S. 4) den «seltsam windungsreichen Beschluss». Die «FAZ» (S. 10) wiederum kommentiert: «Vor gut zehn Jahren, als die jetzt beanstandeten Berichte erschienen, wurde ein Brandanschlag auf die Druckerei der 'Jungen Freiheit' verübt - und weitgehend beschwiegen. Das sagt auch etwas über die Pressefreiheit...» +++ Wenn es Unternehmen gut geht, ist das keineswegs immer für die Mitarbeiter gut. Das sieht die 'Rundschau' beim Schleswig-holsteinischen Zeitungsverlag bestätigt und berichtet vom Outsourcing der ganzen Sportredaktion. +++ Noch eine brisante medienrechtliche Frage betrifft die Radiorechte am Fußball. Doch erst im November wird der Bundesgerichtshof entscheiden. Ausführlich informiert der 'Tagesspiegel', knapp die 'taz'. +++ «Der Krieg der Bush-Männer» heißt der Aufmacher der «SZ»-Medienseite 17. Darin geht's nicht um Miller/ Cooper, sondern um Attacken der Regierung auf den liberalen, dabei bloß zu 15 Prozent Steuer-finanzierten US-Fernsehsender PBS. +++ Spaniens Staatsfernsehen RTVE ist mit sieben Milliarden Euro verschuldet, weiß die «FAZ» (S. 42). +++ Nicht so groß, aber existenzbedrohlicher: die Finanzierungslücke bei «German TV». Nun auch in der «Berliner Zeitung» beschrieben. +++ Ausführlich, leider nicht frei online, berichtet die «FAZ» von einem Medienskandal in der Schweiz. Es geht um Leben und Tod der Herzpatientin Rosmarie Voser, an denen Fernsehen und Presse intensiv teil hatten. Inzwischen geht es auch um «Quellenschutz». Hier informiert die 'NZZ', die freilich über ihre Sonntagszeitung selbst beteiligt ist. +++ Der Fernsehfilm «In Sachen Kaminski» gewann gerade in München einen renommierten Preis. Dabei sollte das Werk um 23.30 Uhr versendet werden. «SZ» und «FAZ» berichten vom üblen Spiel, das die quotenversessenen ARD-Programmplaner mit Sendungen treiben, die sie nicht für populär genug halten. +++ Entsprechend ärgert sich die «SZ» über den Sendeplatz, den das ZDF dem 'Geheimnis um Beethovens Haar' zuteilte. +++ Deutschlandfunk-Intendant Ernst Elitz ist ein angenehmer Interview-Partner, auch für die 'Rundschau'. +++ Konkrete Radiotipps. +++ Ferner in der «FAZ»: wie der digitale ZDF-Theaterkanal Wedekinds «Lulu» mit Jessica Schwarz verfilmt. +++ Was Angela Merkel im Falle ihrer Kanzlerschaft mit dem Internet vorhat, hat der «Tagesspiegel» ihrer Eröffnungsrede beim Deutschen Multimedia-Kongresses in Berlin entnommen. +++ Auch in Polen wachen Medienwächter, berichtet die «Berliner Zeitung». +++ Auch Handys können schon fernsehen. Fraglich nur, ob ihre Besitzer das wollen. Die 'Welt' informiert. +++ «Stinklangweilig» findet die «SZ» die neue Soap mit Sarah Connor und ihrem Gatten in spe. «Nicht ohne eine gewisse Fassungslosigkeit ... hängen» blieb die 'Berliner'. +++ A propos: Was macht eigentlich die brachial gefloppte ZDF-Serie «Kanzleramt»? Heute läuft sie nach mehreren Fußballpausen mit einer Doppelfolge aus. Einen längeren Nachruf hat der 'Tagesspiegel', einen kurzen die 'taz'.

    Auch am Donnerstag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 9.00 Uhr.


    Für das Web ediert von Christian Bartels