netzeitung.deAltpapier vom Montag

 Herausgeber: netzeitung.de

«Über Sie wurde in Presse, Funk und Fernsehen berichtet? Sie sind mit der Berichterstattung nicht einverstanden und wollen Ihre Sicht der Dinge öffentlich machen?»

Schon wieder beginnt eine neue Ära im Internet.
Sollten Sie sich ungerecht beschrieben fühlen, weil z.B.

ein Magazin behauptet, Sie hätten «zwei versetzt hintereinander liegende Villen auf einem 1.500 Quadratmeter großen Grundstück» erworben, obwohl Sie eigentlich bloß «zwei Grundstücke, die zusammengelegt und mit unterschiedlichen Eigentumsanteilen neu geteilt werden sollen» und noch überhaupt keine Villen enthalten, gekauft zu haben überzeugt sind, können Sie Ihrer Stimme nun «schnell und unkompliziert» «Gehör» verschaffen. Zumindest schriftlich im Internet.

Vielleicht ist dieses Beispiel nicht das allersinnfälligste, doch es ist nun mal der Kern der

Debüt-'Gegenrede für Personen' des neuen Online-Diensts Fairpress.biz.
Und weil der angesprochene Fall die Eheleute Veronica Ferres und Martin Krug betrifft, die stets Aufmerksamkeit garantieren, und da Fairpress.biz auch als «Marketingtool für Rechtsanwälte, um über erzielte Erfolge zu berichten» dienen soll (wie in diesem Fall für Prof. Dr. Raue und Dr. Ulrich Amelung), dürfte das Mittel schon seinen Zweck erfüllen.

Hinter der frisch online gegangenen «Plattform für Juristen, Medien und ihre Opfer» («Tagesspiegel») steckt Udo Röbel. Also der Mann, der anno 1988 als

journalistischer Begleiter der Gladbecker Geiselgangster für Furore sorgte, später als Chefredakteur der «Bild»-Zeitung u.a. engagiert das öffentliche Urinieren eines bekannten Prinzen auf dem Gelände einer Weltausstellung noch öffentlicher machte und derzeit auch Krimis schreibt. Also einer, der über faustdicke Erfahrungen mit dem Presserecht verfügt.

Tatsächlich tummelt sich auf der Webseite bereits allerhand Content, der durch hemdsärmelige Machart für sich einnimmt.
Z.B. wird der Röbel gut bekannte Prinz Ernst August von Hannover u.a. mit der Aussage «Ich habe aufgehört zu zählen, durch wie viele Klofenster wir geklettert sind»

zitiert, und zwar unter Berufung auf «Interviews mit mehreren österreichischen Zeitungen». Und das nach der Gattin Ernst Augusts von Hannover benannte Caroline-Urteil, das man natürlich auch als «Caroline-Urteil» in Anführungszeichen setzen kann, firmiert als «Caroline»-Urteil.

Tatsächlich könnte es spannend sein, das Verhältnis von Fairpress zur «Bild»-Zeitung/

'Bildzeitung' zu beobachten.

Schließlich ist das Blatt (das zum Thema Presserecht heute die Faustregel «Erst denken, dann klagen!»

beisteuert) landesweit führend im Verfolgen gestürzter Ministerpräsidentinnen bis an Fisch- bzw. Salattheken und beinahe noch
in H&M -Umkleidekabinen
hinein.

Wie er in diesem Fall für Heide Simonis vor dem Berliner Landgericht gerade eine «pressefreie Privatsphäre» durchsetzte, schildert heute zum Auftrakt einer neuen «taz»-Serie der Presseanwalt Jony Eisenberg.


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Am Montagmorgen noch nicht bei Fairpress, vielleicht auch nicht bunt genug: Das Berliner Landgericht hat die einstweilige Verfügung des ZDF-Redakteurs Dietmar Schumann, «der bei der Stasi unter dem Decknamen 'IM Basket' erfaßt war», gegen den WDR aus dem Oktober 2004 aufgehoben. Die Dokumentation «Die Stasi in Adlershof» werde deshalb «in Kürze in einer aktualisierten Fassung» gezeigt, berichtet die 'FAZ'. +++ «Nicht nur politisch und wirtschaftlich wächst der Druck auf 'Haaretz'. Die Tageszeitung mit dem Anspruch, den besten Journalismus in Israel zu machen, hat Nachwuchsprobleme», berichtet die 'Frankfurter Rundschau' nach einem Redaktionsbesuch in Tel Aviv. +++ Bertelsmann ins Morgenland? Von Gunter Thielens Interesse am Fernsehen und anderen Medien des arabischsprachigen Raums berichtet der 'Spiegel'. +++ «Kaufen, gründen, lizenzieren - von Brasilien bis Saudi-Arabien» sei ohnehin das Rezept der Verlage, einen «Ausweg aus der deutschen Werbemarkt-Tristesse» zu finden, vertieft das Magazin darauf (S. 180 ff.) und schildert u.a., wie die Expansion Arbeitsplätze im Inland sichert: «Burdas Frauentitel 'Lisa' etwa erscheint in zehn Ländern, übernimmt aber rund 60 Prozent der Inhalte von der deutschen Ausgabe». Warum Axel Springer Russia «ausgerechnet ein US-Nachrichtenmagazin und ein Wirtschaftsmagazin» herausgibt, erklärt Thomas Schulz auch: weil die US-Verleger «von 'Forbes' und 'Newsweek' in Russland lieber kein eigenes Geld in die Hand nehmen...» wollten. +++ Eine (Auch-)Springer-Erfolgsstory hingegen in Springers 'Welt' (wie Peter Heinlein aber transparenterweise dazuschreibt): der kleine «Ballungsraumsender» Hamburg 1. Er habe den Weg aus der Krise, in der das private Lokal-TV sonst überall steckt, gefunden. +++ All jenen, «die Skins in den großen Topf der Rechtsradikalen werfen, umrühren und 'fertig!' schreien», empfiehlt die 'taz' die mitternächtliche ZDF-Dokumentation «Skinhead Attitude». +++ «Sie müssen sich einmal die Mühe machen, einen Filmbericht über Rechtsextreme zuerst ohne Ton anzuschauen und anschließend nur die Tonspur abzuhören», regt anlässlich der nachrichtlichen TV-Berichterstattung über Rechtsextreme der Politwissenschaftler Peter Widmann an. +++ Das Rezensieren des «Literarischen Quartett» erledigen natürlich Literaten: Benjamin Henrichs («SZ», S. 19: «Dann aber war es Zeit, zu Bett zu gehen. Der Vorhang zu - und alle Fenster offen!»), Gerrit Bartels ('taz') +++ «Verschollen in der Psychiatrie» läuft nur im SWR-Fernsehen, wird aber von «FAZ» und 'taz' empfohlen. +++ Ferner stellt die «FAZ»-Medienseite 42 Liliana Cavanis RAI-Zweiteiler über Alcide De Gasperi vor, der gerade bei der RAI lief und wohl kaum ins deutsche Fernsehen gelangen wird. +++ Auf die tschechische Fernsehlandschaft wirft die 'Berliner' einen Blick: Dort startet ein u.a. an n-tv, N24 und Phoenix orientierter Nachrichtenkanal. +++ Aus diesem Anlass erläutert die «SZ», was genau Blogs sind (S. 19, nicht frei online). +++ Inzwischen frei online ebd.: Harald Schmidts Willi-Winkler-Interview vom Samstag. +++ Mal wieder eine Presserabatt-Debatte? ('WamS'). +++ «Nazi», «Kraut», «Hun», «Fritz» und «Blitz» - sollte die Bundesrepublik gegen Großbritanniens Medien einfach mal vor den Europäischen Gerichtshof fürs Presserecht ziehen? Nein, rät der «Tagesspiegel»: Die Deutschen «dürften nicht immer passiv abwarten, was passiert. Sie müssten einfach mal den besseren Witz über sich erzählen». +++ Womöglich haben sie das am Samstagabend getan, und man sollte die ARD-Show «Typisch deutsch?» mit Ulla Kock am Brink und «MDR-Altlast Axel Bulthaupt» nach England exportieren. Während 'Berliner' und 'Rundschau' relativ gelassen reagieren, sieht Hans Hoff sich in die «Pflicht, sich in wüsten Beschimpfungen zu ergehen», genommen und kommt ihr nach Leibeskräften nach: «die langweiligste und blödsinnigste Fernsehshow jenseits von 'Big Brother'», ein «Studiopublikum, bei dem ein Drogentest dringend angeraten gewesen wäre», «dieser größte anzunehmende Unsinn»... ... ... («SZ», S. 19)

Am Dienstag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 9.00 Uhr.


Für das Web ediert von Christian Bartels