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RTLs «Big Boss»: Rettet den Standort!

27. Okt 2004 12:16
Reiner Calmund
Die neue Jobshow mit Reiner Calmund ist Pflichtprogramm für alle Kapitalismus-Kritiker: Selten wurden in einer Fernsehsendung weltfremde «Big Bosse» schöner entlarvt.

Ex-Fußball-Manager Reiner Calmund hat sich viel vorgenommen. Den Wechsel ins TV-Fach will er schaffen, die erste erfolgreiche Job-Show Deutschlands etablieren (Konkurrent John de Mol verschwand bei ProSieben nach nur einer Folge wieder vom Bildschirm) und so ganz nebenbei möchte er offenbar auch noch den Standort Deutschland retten. Anders lässt es sich wohl nicht erklären, dass die erste Folge der neuen RTL-Show «Big Boss» am Dienstagabend zunächst wie ein Werbespot der Bundesregierung daher kommt.

«Deutschland ist ein tolles Land», verkündet der schwergewichtige Supermanager, während im Hintergrund James Brown singt, aber «die Menschen müssen wieder anpacken».

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  • Die zwölf Kandidaten allerdings, die sich bei Calmund um ein Startgeld in Höhe von 250.000 Euro für eine Existenzgründung bewerben, scheinen genau das zunächst nicht vorzuhaben. Die meisten der 20- bis Mitte 30-Jährigen können zwar beeindruckende, oft international ausgerichtete Studienabschlüsse vorweisen, doch die erste Aufgabe, die ihnen die insgesamt dreiköpfige Jury (neben Calmund ist noch Managerin Bettina Steigenberger von der gleichnamigen Hotelkette und «DM Euro»-Chefredakteur Roland Tichy mit dabei) stellt, lässt doch so manchem der «High Potentials» die Gesichtszüge entgleisen. Würstchen gilt es zu verkaufen, und das im feinen Frankfurter Bankenviertel, wo so mancher der Teilnehmer wohl lieber gemütlich hinter seinem Laptop sitzen würde.

    «Team Einkauf» schwächelt

    Doch weit gefehlt, Kundenkontakt ist gefragt, oder, wie es der wie immer arg volkstümelnde Calmund auf den Punkt bringt, «Abmarsch, Klatschmarsch». Zwei Teams - pikanterweise nach Geschlechtern getrennt - machen sich nun auf den Weg und begehen schon auf den ersten Metern so krasse (Management)-Fehler, dass dem Zuschauer um den Standort Deutschland ganz bange wird.

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    Besonders die Männer, smarte Platzhirsche allesamt, bilden zwar umgehend ein «Team Einkauf», das jedoch die kaufmännische Grundregel «billig ein-, teuer verkaufen» nicht zu kennen scheint und sich in lokalen Delikatessgeschäften eindeckt. Später geht es bei den zwei Verkäufern und vier «Managern» (so die Aufteilung) dann oft um die «Location», die «Strategie», und ganz am Rande dann auch um das kleine Problem, dass der Verkauf mächtig schleppend läuft und sich der gemeine Passant nicht so gerne Würstchen von gehemmt wirkenden Anzugträgern aufschwatzen lässt.

    «Sex sells»

    Anders das Team der Frauen. Hier sind alle «super motiviert» und einigen sich schnell auf eine Strategie, die Jurymitglied Tichy später ein wenig indigniert als «Sex sells» bezeichnet: Zu jedem verkauften Würstchen gibt's ein Küsschen oder auch eine Rose. Während die Männer sich nun im Momente höchster Not auf Dumpingpreise verständigen, brummt bei den Damen das Geschäft. Bilanz der Verkaufsaktion:

    102 Euro 40 Gewinn bei den Damen, 8 Euro 50 Euro Verlust bei den Herren. Nicht nur «Big Boss» Calmund bekam da «volle Kreislaufstörung», auch seine beide Juroren verzweifelten sichtlich am deutschen BWL-Nachwuchs. «Sie sind also eher ein feiner Pinkel?» so Tichy zu einem der jungen Männer, der das dann auch nicht wirklich dementieren wollte. Zuviel Akademikertum, zu wenig Lust auf Risiko, Verkaufen und ach ja, lästigen Kundenkontakt wurde streng konstatiert.

    Besonders kritisiert wurde Alex aus Oldenburg. Der 28-Jährige wurde als erster der zwölf Kandidaten nach Hause geschickt. Bessere Nachrichten bekam anschließend «Big Boss» Reiner Calmund: Anders als bei ProSiebens «Hire or Fire» zeigten sich die Zuschauer an seiner Sendung interessiert. Mit einem Marktanteil von 15,3 Prozent bei den 14-49-Jährigen und bis zu 4,55 Millionen Zuschauern ist die Show gut gestartet.


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