Altpapier vom Montag07. Jun 2004 09:03, ergänzt 11:17
Ein aufregendes Wochenende liegt hinter den deutschen Journalisten. Die Veranstaltung, vor der «am Einlass des Versammlungssaales eine Truppe äußerst schlagkräftig wirkender Männer in dunklen Anzügen die JournalistInnen» («taz» also) empfing, ja, auf der «nicht viel gefehlt (hätte) und es wären ...sogar Fäuste geflogen» («Berliner Zeitung»), war natürlich nicht diejenige, auf der der scheidende Bundespräsident den Qualitätsjournalisten ins Gewissen redete, was die Angesprochenen wie gestern (siehe
Altpapier
) auch heute kontrovers engagiert debattieren. Mehr dazu gegen 11.00 Uhr.Nein, die bedrohlichen Bilder stammen von der Hauptversammlung des hauptstädtischen Landesverbands im DJV (Deutscher Journalisten-Verband). Die tumultartige Veranstaltung, auf der am Samstag ein «sichtlich überforderter Sitzungsleiter» «Anträge zur Änderung der Geschäftsordnung konsequent ignorierte», auf der Anwesende «en passant erfuhren, dass der gepriesene DJV-Sozialfonds quasi pleite sei», schildert am ausführlichsten und auch farbigsten die «taz». Auch Nichtberlinern wird dort deutlich, warum der dortige Landesverband so «skandalumwittert» ist. 202 zu 175 bzw. nach nochmaligem, aber immer noch anfechtbarem Nachzählen 200 zu 173 lautete das Wahlergebnis zugunsten des langjährigen, viel kritisierten Verbandschefs Alexander Kulpok (
bis 2003
Redaktionsleiter des ARD-Videotextredaktion, das «taz»-Foto zeigt ihn beim Presseball-Tanz mit Sabine Christiansen). Die Unterstützer des Gegenkandidaten Gerhard Kothy schreiben nun auf ihrer
Webseite
vom «Wahltourismus eines Rollkommandos». Den haben auch die Zeitungen beobachtet: Eine «Kamarilla strammer Jungs mit Rechtsdrall um Bernd Martin und Torsten Witt» (u.a. Mitinitiator der Aktion «Holocaust-Mahnmal? Nicht mit mir!») aus dem
brandenburgischen DJV-Verband
sei für Kulpoks «Durchmarsch» verantwortlich, meint die «taz» und hat die Jungs dann auch «in Blockformation am rechten Rand» sitzen gesehen. Dass sie sich «immer dann von Kartoffelsuppe und Bier losrissen», die es im Foyer gab, «wenn es drinnen im Saal eng wurde für Kulpok», sah die «Berliner». Wie es wiederum die Kulpok-Fraktion, also der offizielle Landesverband Berlins sieht, lesen Sie
hier
.Weitere Kulpok-Merkwürdigkeiten zitiert der Berliner «Tagesspiegel», der Witt überdies zum Umfeld des bundesweiter bekannten «NPD-Anwalts Horst Mahler» zählt. Die Frage «Soll ein Journalist noch Mitglied im Berliner Landesverband des DJV sein?» stellt das Blatt unbeantwortet in dem Raum. Zu Ehren des DJV-Bundesverbands sollte gesagt werden, dass dieser «das Debakel von Berlin» («taz») inoffiziell bereits als «schiere Katastrophe» bezeichnet hat, und offiziell seine Betroffenheit über die Entwicklung in Brandenburg (nicht die in Berlin) just am Samstag
online gestellt
hat.Da war es doch beschaulich zwischen den
Betonfluchten
in Hamburg-Lokstedt. Im Hauptquartier des NDR hielt das
'Netzwerk Recherche'
seine Jahresversammlung ab und Johannes Rau seine
Rede 'Medien zwischen Anspruch und Realität'
, deren «zehn Gebote» (
'Tagesspiegel'
) den Journalismus sicher noch lang begleiten werden.Siegrid Liebig von der «Welt» nahm sich die gefallenen «großen Sätze» zu Herzen, glich sie mit eigenen Erfahrungen ab («Soll ich künftig also sagen: Der Artikel wird nicht fertig, dafür ist er aber gründlich recherchiert?») und gelangt zu einer wohlwollenden Skepsis, die der Bundespräsident gewiss okay finden wird. «Eine ziemlich gute Rede übrigens», argumentiert die «taz». Die «Berliner» sieht's ähnlich und zeigt, dass die präsidialen Anekdoten (die gestern die anekdoten-kritische «FAS» als recht abgedroschen empfand) durchaus noch ihren Job erledigen. Skepsis gegenüber den Veranstaltern, diesen «Qualitätswächtern», «die sowieso der Meinung sind, dass der Rest der Branche schlecht arbeite», kommt im Veranstaltungsbericht der «Rundschau» zum Ausdruck. Die «Süddeutsche» schließlich mag Raus Kernthesen (z.B.: dass es «mehr Talkshows als Gesprächsstoff» gibt), auch wenn sie weiß, dass Rau die am Samstag kritisierte «Bild»-Zeitung bei anderer Gelegenheit gerne gelobt hat. Ohnehin geht nun seine Ära zu Ende, und Nachfolger wird «Der Fernsehpräsident». So überschreibt die «SZ» ihr Porträt des aus «Bild» und «Kerner» bekannten Horst Köhler, das sie demjenigen Raus («Der Hörfunkfreund») demonstrativ gegenüberstellt. Alle Bundespräsidenten hätten sich «auch über Medieneffekte definiert», «so gezielt und strategisch wie Köhler aber hat sich keiner von ihnen des Systems bemächtigt», schreibt Lutz Hachmeister (S. 17).
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Altpapierkorb Die Verschlossene Auster 2004 übrigens ging an den «Info-Blocker HypoVereinsbank», wie gelegentlich en passant vermeldet wird. Zur Verleihung des Anti-Preises und zur Gegenrede eingeladen wurde deren (ohnehin
umstrittener
) Aufsichtsrat-Vorsitzender Albrecht Schmidt, aber der mochte, anders als
einst
Vor-Vorgänger Otto Schily, nicht kommen. +++ «LdH - Lies die Hälfte!» überschreibt der «Focus» (S. 182) keck einen meinungsfreudigen Beitrag über den Trend zur kleinen Tabloid-Zeitung, die ursprünglich Roger Schawinski in der Schweiz ersonnen haben soll, und andere Branchen-Entwicklungen («'Bild'... verkauft Tag für Tag mehr als eineinhalb Millionen Zeitungen weniger als vor 20 Jahren»). «20 Cent» und «Welt Kompakt» nimmt das Wochenmagazin kritisch unter die Lupe, und das mit Recht. Im «Focus» liest man schließlich seit jeher die Hälfte. +++ Ebd. (S. 186): womöglich neue Ermittlungen gegen Bodo Hombach wegen seines Hausbaus von 1986/87. +++ Noch eine Medien-Veranstaltung spaltete ein paar Gemüter. In Berlin debattierte die Akademie der Künste «Trivialisierung und Kulturverfall bei ARD und ZDF». WDR-Intendant Fritz Pleitgen reiste mit einer «selbstgewissen, zahlengestützten Erfolgsbilanz» an, machte bei der
'Berliner Zeitung'
aber keinen Eindruck. +++ Und auf die «FAZ» kaum mehr. Ferner stehen auf der (heute nur halben) Medienseite 42 eine Kritik zu «Heimatfilm!» (WDR-TV) und die Meldung, dass Fatih Akin am Beispiel von «WamS» und «Berliner Morgenpost» «medialen Rassismus» beklagte. +++ Ebd. in der Wirtschaft: hohe Verluste beim «Le Monde»-Verlag (S.21) und mal wieder ein bisschen über Telefondienst-Geschäfte der öffentlich-rechtlichen Sender (S. 18). +++ Sie kommen nurmehr selten, aber doch verlässlich: neue Enthüllungen über Leo Kirchs verschachtelte Unternehmungen. Genau einen Monat, nachdem der
'Stern'
von Geschäften von Kirchs Gattin Ruth berichtete, weiß
nun der 'Spiegel'
von einem «Schreiben des langjährigen Kirch-Anwalts und -Intimus Peter Gauweiler», demzufolge u.a. der Umfang der Kirch-Geschäfte mit
Otto Beisheim
nicht 550 Millionen Mark betrug, «sondern fast das Doppelte». +++ Von der österreichischen Literaturzeitschrift
'Volltext'
berichtet die
'FR'
und interessiert sich besonders für deren «ungewöhnliche Vertriebswege». Es werden (Achtung,
Bedeutungsverschiebungen
) Kolporteure eingesetzt. +++ Die Sorge, welche die FDP auf ihrem Parteitag um die «bisherige Unabhängigkeit» der «FR» äußerte, vermeldet niemand sonst als die «FR»
, und das ist ja wohl
vorbildlich
. Warum allerdings die
DDVG
in einer Presseerklärung als «BDVE» «tituliert» wurde, könnte man auch noch wissen wollen. +++ «Axel Springer mag ein Frauenkenner gewesen sein. Die Objekte seines Verlagshaus waren dies nie», ruft die
'taz' trocken
«Allegra» hinterher. +++
Ausführlich
um New Yorker Medien geht es dem «Spiegel». U.a. berichtet er anlässlich neuer «NYT»-Entschuldigungen, wie aus der Starreporterin Judith Miller, «Miller, die Kriegshetzerin» wurde, obwohl das eigentliche Problem ihrer Irak-Berichterstattung wohl eher bei der Regierung lag. +++ Was das Magazin über Peter Scholl-Latour und die «Junge Freiheit» meldet, wissen Sie ja
schon
. +++ Der «JOURNALIST», den schon ab 142,40 Euro gibt, ist nicht die Zeitschrift des DJV. Sondern ein Regal, «Eiche auf Pressspan», von Ikea. Dessen Gründer Ingvar Kamprad wird heute in der ARD porträtiert.
'Welt'
, und «SZ» (S. 17) rezensieren vorab. +++ Die «taz» empfiehlt
ausdrücklich
die Unternehmensberater-Doku «be to be» (0.15 Uhr, ZDF). +++ Der NDR zeigt um Mitternacht Benjamin von Stuckrad-Barres essayartigen Film «Ich war hier» (siehe auch
Netzeitung
). Ein Verriss steht in der
'Berliner'
. +++ Übermorgen wird Donald Duck 70 Jahre alt. Der
'Tagesspiegel'
geht dem Phänomen donaldistisch nach und fragt z.B. Hella von Sinnen, «wieso es gerade Donald ist, der bis heute verehrt wird, und nicht zum Beispiel Micky Maus». +++ Sozusagen von einer konstruktiven Spar-Idee der ARD berichtet dann noch das
'Handelsblatt'
. Preiswert wäre, wenn unsere öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten künftig noch länger noch mehr Monarchen-Hochzeiten ausstrahlen würden.Der Altpapierkorb füllt sich am Dienstag gegen 9.00 Uhr wieder neu.
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