netzeitung.deStuckrad-Barre war da

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Benjamin von Stuckrad-Barre (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Benjamin von Stuckrad-Barre
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Es war still geworden um den Popliteraten-Star Benjamin von Stuckrad-Barre. Doch jetzt holt der Autor zum Medien-Doppelschlag aus: mit dem Recherche-Film «Ich war da» und dem dazugehörigen Buch.

«Ich war da» hat der Autor und Journalist Benjamin von Stuckrad-Barre seine filmische Spurensuche in den Hinterhöfen der deutschen Schriftkultur genannt. Mit Kamera und Mikrofon hat er sich Gästebücher in Hotels und im Marzipanmuseum ebenso gründlich vorgenommen wie «Ich war hier»-Inschriften an den Wänden des Kölner Doms oder in Bushaltestellen.

Alles, was die kritzelnde Hand des Menschen hinterlässt, «Meinungen, Auskünfte, Signaturen, Widmungen, Verwünschungen, Aufrufe, Hilfsgesuche», hat sein Interesse gefunden. Dabei habe ihn die Frage beschäftigt, woher der Drang stamme, etwas von sich zu hinterlassen, so der 28-Jährige.

Stuckrad-Barres Film belässt es allerdings bei Andeutungen. Doch egal, ob der Rechercheur mit einem Hausmeister spricht, der Graffitis von einer Wand entfernt, ob er mit einem Zoologen darüber räsoniert, was das Flusspferd dazu bewegen mag, seine Trampelpfade mit Duftspuren zu markieren, oder ob er sich von einer Grafologin den Unterschied zwischen Handschrift und Einritzung erklären lässt - was da läuft, ist nicht Recherche, sondern Show.

Und Mittelpunkt dieser Show ist natürlich das Medienereignis Stuckrad-Barre selbst. Daher ist es nur allzu passend, dass die Präsentation des etwa 30 Minuten dauernden Streifens in einem Berliner Varieté stattfand.

Die Regeln des Spiels
Irreführend ist an all dem allerdings, dass Friedrich Küppersbusch, der Produzent von «Ich war da», einleitend verkündete, dass Stuckrad-Barres Interesse sich verlagert habe: Habe er früher im Selbstversuch die medialen Bedingungen des Popliteraten-Dasein in Deutschland erkundet, wende er sich mittlerweile zunehmend der Recherche zu. Dabei scheint Stuckrad-Barre doch dem Ur-Motto der so genannten Popliteraten treu geblieben zu sein: «Das Thema bin ich.»

Die Grundfesten popliterarischen Schreibens sind bekanntlich Altklugheit - 'Wir kennen das schon, wir wissen es besser, es ist doch gar nicht so!' Wobei immer offen blieb, wie es denn nun eigentlich ist - und Ironie. Doch obwohl diese anfangs ein wohltuendes Gegengift gegen die ermüdend abgründigen Nabelschauen der als «seriös» vermarkteten Literatur waren, lief die Popliteratur doch bald leer.

Doch obwohl es ja mittlerweile mit der Ironie vorbei sein soll, und sogar die Familie als Wert wiederentdeckt worden ist, hält Stuckrad-Barre am ironischen Gestus fest: Alles wird so präsentiert, als sei es etwas kurios und seltsam, auf komische Art und Weise unverständlich. Denn die Haltung, es immer schon besser gewusst zu haben, ist natürlich unvereinbar mit wirklichem Interesse an den Dingen, wie es für eine Recherche Voraussetzung wäre.

Ja, was ist denn das?
So bleibt als Mittel der Inszenierung die Schaffung einer Atmosphäre der Unwirklichkeit: Ja, was ist denn das? Die diversen handschriftlichen Hinterlassenschaften vom Burgschauspieler bis zum Schulkind werden in Stuckrad-Barres Film vorgeführt wie die Aufnahmen eines Stars im Videoclip.

Stuckrad-Barre untersucht das Zeichenhafte der Welt. Er studiert den Menschen als Ausdruck schaffendes, Spuren hinterlassendes Tier. Dabei tut er so, als ginge es ihm um Hintergründe. Er lässt sich von Ulf Poschardt etwas über die Ursprünge des Alphabets aus einem Manuskript vorlesen und untersucht mit einem Grafiker, inwiefern Stempel zu Werkzeugen von Individualität werden können - eine Nummern-Revue im Gewand einer ernsthaften Recherche. Und in der Schnittfolge, der Verwendung von gemischtem Farb- und Schwarzweiß-Bildmaterial und dem Einsatz der Musik entspricht der Film, durchaus konsequent, der Ästhetik von Videoclips.

Buch zum Film
Weil aber Videoclips so schnell wieder vorbei sind, bringt der Verlag Kiepenheuer & Witsch die Dokumentation seines Autors auch noch in Schriftform auf den Markt: Auf den letzten 170 von insgesamt rund 500 Seiten von «Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. Remix 2» kann man ab nächsten Montag noch einmal in extenso nachlesen, was so abfällt, wenn den deutschen Menschen der Drang packt, etwas von sich zu hinterlassen.

Der Film «Ich war da» wird zwei Mal im Fernsehen zu sehen sein: am 7. Juni um 0.00 Uhr im NDR und am 13. Juni um 18.30 Uhr auf 3Sat.


Für das Web ediert von Robert Mattheis