Stuckrad-Barre war da
Stuckrad-Barres Film belässt es allerdings bei Andeutungen. Doch egal, ob der Rechercheur mit einem Hausmeister spricht, der Graffitis von einer Wand entfernt, ob er mit einem Zoologen darüber räsoniert, was das Flusspferd dazu bewegen mag, seine Trampelpfade mit Duftspuren zu markieren, oder ob er sich von einer Grafologin den Unterschied zwischen Handschrift und Einritzung erklären lässt - was da läuft, ist nicht Recherche, sondern Show.
Und Mittelpunkt dieser Show ist natürlich das Medienereignis Stuckrad-Barre selbst. Daher ist es nur allzu passend, dass die Präsentation des etwa 30 Minuten dauernden Streifens in einem Berliner Varieté stattfand.
Die Grundfesten popliterarischen Schreibens sind bekanntlich Altklugheit - 'Wir kennen das schon, wir wissen es besser, es ist doch gar nicht so!' Wobei immer offen blieb, wie es denn nun eigentlich ist - und Ironie. Doch obwohl diese anfangs ein wohltuendes Gegengift gegen die ermüdend abgründigen Nabelschauen der als «seriös» vermarkteten Literatur waren, lief die Popliteratur doch bald leer.
Doch obwohl es ja mittlerweile mit der Ironie vorbei sein soll, und sogar die Familie als Wert wiederentdeckt worden ist, hält Stuckrad-Barre am ironischen Gestus fest: Alles wird so präsentiert, als sei es etwas kurios und seltsam, auf komische Art und Weise unverständlich. Denn die Haltung, es immer schon besser gewusst zu haben, ist natürlich unvereinbar mit wirklichem Interesse an den Dingen, wie es für eine Recherche Voraussetzung wäre.
Stuckrad-Barre untersucht das Zeichenhafte der Welt. Er studiert den Menschen als Ausdruck schaffendes, Spuren hinterlassendes Tier. Dabei tut er so, als ginge es ihm um Hintergründe. Er lässt sich von Ulf Poschardt etwas über die Ursprünge des Alphabets aus einem Manuskript vorlesen und untersucht mit einem Grafiker, inwiefern Stempel zu Werkzeugen von Individualität werden können - eine Nummern-Revue im Gewand einer ernsthaften Recherche. Und in der Schnittfolge, der Verwendung von gemischtem Farb- und Schwarzweiß-Bildmaterial und dem Einsatz der Musik entspricht der Film, durchaus konsequent, der Ästhetik von Videoclips.
Der Film «Ich war da» wird zwei Mal im Fernsehen zu sehen sein: am 7. Juni um 0.00 Uhr im NDR und am 13. Juni um 18.30 Uhr auf 3Sat.
Für das Web ediert von Robert Mattheis

