netzeitung.deAltpapier vom Donnerstag

 Herausgeber: netzeitung.de

Der Frühling hat jetzt endlich angefangen, die Bäume blühen, da wird dem Menschen etwas leichter zumute, und er ist bereit, mal nicht ganz so ernst zu sein. Darum ist nun auch die Saison der lustigen Zeitungen angebrochen.

Zum einen ist, gemeinsam mit dem HErrn, die lustigste Zeitung wieder auferstanden, das heißt, es ist eine Zeitschrift. Sie heißt

'Pardon' .

Gegründet zur Adenauer-Zeit, im Jahr 1962, als noch Kinder geboren wurden wie warme Semmeln, wurde sie vor zweiundzwanzig Jahren eingestellt. Darum könne sich heute keiner mehr an sie erinnern, heißt es in der «Berliner Zeitung», und die Zielgruppe schon mal gar nicht.

Fragt sich, wer die Zielgruppe ist. Unsereins kann sich sehr wohl daran erinnern. Unsere Lieblingskolumne in «Pardon» hieß «Ich und der liebe Gott meinen», und als Zeichen der Verehrung wird diese Kolumne hier täglich unter eben diesem Motto erstellt.

Die «Berliner Zeitung» jedenfalls scheint nicht zur Zielgruppe zu gehören, denn sie ist nicht sehr amused von dem, was ihr in der neuen «Pardon» geboten wird: Das Satiremagazin Pardon ist wieder da, aber nicht besonders witzig. Das ist eine klare Ansage.

Um so witziger findet die Sache «die tageszeitung», die gleichzeitig die andere lustige Zeitung ist, um die es zur Zeit

in einem fort geht. Sie nennt das neue «Pardon» eine wunderbare Überraschung. Das liegt zum einen daran, dass es sich beim Autor der Glosse um einen 68er-Altersweitsichtigen handelt, zum anderen daran, dass an der neuen «Pardon» die taz-Wahrheit-Autoren und Zeichner Wiglaf Droste, Eugen Egner, Peter Köhler und Anna Zimmermann mitarbeiten, und Krähen sich untereinander keine Augen aushacken.

Eben diese lustige «tageszeitung» wird am Wochenende ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag mit einem großen Fest feiern, darum verdichten sich immer mehr die Geburtstagswünsche.

Im Augenblick sind fünf ehemalige «taz»-Mitarbeiter bei der «Zeit» beschäftigt. Sie scheuen sich nicht, es zuzugeben und geben im Feuilleton ihres neuen Arbeitgebers freimütig Auskunft über ihre alte «taz».

Dass gleich fünf bei der «Zeit» sind und man bei eigentlich allen anderen Zeitungen und Zeitschriften, inklusive der «Welt», Leute findet, die in der «taz» schriftlich laufen gelernt haben, das ist der wichtigste Beitrag der «taz» zum deutschen Mediengeschehen. Sie bietet aufstrebenden Jung-Journalisten ein erstes Betätigungsfeld, indem man dort eine Art verbessertes Langzeitpraktikum absolviert: Zwar werden die Mitarbeiter besser bezahlt als reguläre Praktikanten, aber schlechter als reguläre Journalisten.

Das wiederum ist nur möglich, weil gute Bezahlung nun nicht gerade ein Hauptmerkmal in diesem Mediengeschehen ist. Also wollen wir nicht kleinlich sein.

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Gestern war

Hauptversammlung beim Springer-Verlag. Man werde sich mit 14,5 Prozent am Westfalen-Blatt beteiligen, wurde mitgeteilt, wird in der «SZ» auf Seite 23 und in der «F.A.Z.» auf Seite 14 berichtet, also jeweils im Wirtschaftsteil, während die 'Berliner Zeitung' , die 'taz' und der 'Tagesspiegel' das auf ihre Medienseite stellen. Ob's da wirklich hingehört? In der «SZ» hat man einen Kompromiss gefunden, und berichtet auf der Medienseite 17 einfach auch noch über denselben Vorgang. Die 'FR' macht damit immerhin ihr Wirtschaftsbuch auf, und dort beschränkt sich die Expansion auch nicht auf Westfalen, sondern geht bis ins Ausland. Auf Seite 18 der «F.A.Z.» wird dazu kommentiert, Leo Kirch habe recht gehabt, als er prophezeite, es werde bei den Regionalzeitungen demnächst viel Fallholz abzuholen sein. Und: Mit der bevorstehenden Änderung der Pressefusionskontrolle werden die hohen kartellrechtlichen Hürden, die Axel Springer bis zuletzt vor weiteren Zukäufen in Deutschland zurückschrecken ließ, voraussichtlich fallen. Folglich wird der Weg frei für mehr unternehmerischen Einfluß und eine Aufstockung auf mindestens 25 Prozent. Die WAZ-Gruppe schaue derweil in die Röhre. +++ Weiter im Wirtschaftsteil der «SZ», weil das nicht in den Lokalteil passt: Auf Seite 22 wird der erste Tag des Prozesses gegen Michael Kölmel ausführlich dargestellt. Aber auch im 'Tagesspiegel' findet er nicht auf der Medienseite statt. +++ Auch heute Ulrich Wickert allerorten: will nicht zu Sat.1 schreibt die «Berliner Zeitung» auf Seite 30 und nicht im Netz, aber das wussten wir eh gestern schon. Heute melden es auch die 'FR' und die «SZ» auf ihrer Seite17. «Die Welt» schreibt gar ihre Glosse darüber (Wünsch dir Wickert), die «F.A.Z.» aber nutzt die Sache, um auf Seite 36 zu berichten, was sonst noch los ist bei Sat.1: Eine neue politische Talkshow soll es geben. +++ Zwei Seiten weiter berichtet ihr New Yorker Korrespondent Jordan Mejias von der Krawatte des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie nennt ihn Krawattenpräsident, denn Bushs irgendwie silbrige Krawatte flimmerte ihres Musters wegen, mit dem das immer noch übliche Zeilenraster eines gewöhnlichen Fernsehmonitors nicht zurechtkommt - ein Garderobefehler, der einem Talk-Show-Debütanten unterlaufen mag. Aber dem bis in die rollenden Schultern durchchoreographierten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika? Klar wird nun analysiert: Bush hatte sich eine Notblinkanlage umgebunden, die immer zur unrechten Zeit unsere Aufmerksamkeit beanspruchte. Und das alles, weil die Medienkatastrophe des Weißen Hauses neue Sphären erreiche. Und was tat die einzige Person, die das Ruder dieser Regierung herumreißen könnte? Die Frau, die das alles viel besser hinbekommen hätte, saß derweil versteinert in der ersten Reihe links. Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice trug ein feuerrotes Kostüm. Sie und es strahlten Entschlossenheit und Stärke aus. Condi rules , wir wussten es immer. +++ Hier kurz das Fernsehprogramm: «Pfarrer Braun» in der 'FR' und in der «F.A.Z.» auf Seite36, +++ dort auch «Familie Dr. Kleist». +++ Die «SZ» wirft derweil auf Seite 17 einen Blick voraus auf den «Großen Deutsch-Test» auf RTL. +++ Nicht das Programm selbst, sondern mehr sein Hintergrund wird derweil auch hier und dort beleuchtet. Zum Beispiel hier: Die «SZ» hat heute noch das E-Paper von gestern im Netz und erzählt ansonsten auf ihrer Print-Seite 17 vom Paradies, das in Gottes eigenem Land die Teilnehmer von «Forever Eden» erleben dürfen. Sie begeben sich in eine Dauer-Container-Situation hinein und müssen das luxuriöse Tropen-Ressort nie mehr verlassen, wenn sie nicht wollen. Die «SZ» fühlt sich stark an den Film 'The Truman Show' erinnert. +++ Und damit der Rest des Fernsehens auch ungefähr so aussieht, wie man sich im Bible Belt das Paradies vorstellt, soll es im US-amerikanischen Fernsehen mittels Gesetzesvorschrift noch ein bisschen prüder zugehen. Gegen das Verbot von Dauerbeballerung mit ziemlich nackten Frauen ist nun nichts einzuwenden, allein, wo wird es enden? Das fragt sich «Die Welt» eher nicht, sondern stellt erst einmal die Lage so dar, wie sie ist. +++ Wurde gestern noch der Bagdader ZDF-Reporter Halim Hosny allein zwiefach gewürdigt, so bespricht die «SZ» heute, wie es für die Bagdader Korrespondenten insgesamt zugeht an ihrem gefährlichen Arbeitsplatz. Auf Seite 17, wie gesagt, und gar nicht im Netz. +++ Der RBB will nicht mehr live aus dem Berliner Abgeordnetenhaus berichten. Die anderen Regionalprogramme machen das auch nicht mehr, außerdem will man eben die ganze Region bedienen, zu der nun einmal auch Brandenburg gehört. +++ Die «F.A.Z.» stellt auf Seite 36 auch heute wieder, wie sie das erfreulicherweise ziemlich oft tut, eine ausländische Tageszeitung vor. Diesmal den Londonder 'Independent' . +++ Die Zeitschrift des Tages in der «SZ» (Seite 17) ist 'Max' , das mit einem Besitzerwechsel womöglich schweren Zeiten entgegengeht. +++ In der «Frankfurter Rundschau» hingegen ist es die kleine Zeitung «Kleinmexiko», die aber nicht aus Mittelamerika kommt, sondern in Bremen hergestellt wird und auch von Bremen handelt Vor allem gibt es 'Kleinmexiko' im Netz, und das ist alles extrem rührend. Sind so kleine Zeitungen ... +++ Zum Abschluß ein leichter Fall von Zensur: Gerhard Schröder hat verbieten lassen, dass ein Buch, in dem ein Mann aus Wut über die Verhältnisse, denen nur mit einer Sprache begegnet werden kann: der Sprache der Gewalt, den Bundeskanzler erschießt. Damit das nicht so fiktiv wirkt, sollte Schröder im Fadenkreuz auf dem Umschlag abgebildet werden. Dass er das nicht will, dafür hat die «SZ» ein bisschen Verständnis (heue, wie gesagt, nur gedruckt, Seite 17), während 'Die Welt' und «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (Seite 36) es bei kleinen Meldungen belassen.

Der Altpapierkorb füllt sich morgen gegen 9 Uhr wieder.


Für das Web ediert von Iris Hanika