Altpapier vom Mittwoch
14.04.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Eigentümlich alt indes sieht Frank Schirrmacher auf dem Foto in der «SZ» aus. Der Profi gibt natürlich immer nur mindestens
zehn Jahre alte Fotos heraus, aber wenn das Foto aus dem gerade erst weggesendeten Fernsehen kommt, kann man natürlich nichts machen.Schirrmacher also ist heute 44 Jahre alt, wie wir dem Text entnehmen. Weil ihm das anscheinend schon zu viel ist, ging er in die Offensive, und anders hätten wir das von ihm auch nicht erwartet. Sein im Bertelsmann-Verlag Blessing erschienenes Werk (aktuelle Auflage: 155 000) (Titel:
Das Methusalem-Komplott, Amazon-Verkaufsrang: 6) wirkt wie ein aktuelles Sorge-dich-nicht-lebe-uvre von Dale Carnegie.Und im Fernsehen spricht Schirrnegie über den nötigen Aufstand der 40- und 50-Jährigen gegen Jugendwahn und «Altersrassismus».
Doch aufgepasst! Das Alter fordert durchaus seinen Tribut. Über Klaus-Jürgen Wussow zum Beispiel (ungefähr 76) mutmaßt die Bild-Zeitung in bewährter Untergürtellinienhaftigkeit: Wären die vielen Nackten zu viel für sein schwaches Herz? Arzt verbietet Wussow Big Brother-Auftritt!
Doch könnte das einer mit 44 schon eher bemerkt haben als mit 22, dass das Altern nicht nur geistige Vorzüge, sondern auch körperliche Nachteile bringt.
In Wirklichkeit ist es natürlich bloß eine sehr geschickte Finte, sich mit 44, als Baby-Senior sozusagen, schon einmal für die 969-Jährigen, so alt wurde Methusalem, eine Bresche zu schlagen. Dafür wird man nicht nur geliebt, sondern macht vor allem ziemlichen Wirbel, und was will man mehr? Jedenfalls, wenn man Frank Schirrmacher ist.
Und am Ende, erkennt die «SZ», ist es ein doppelter Rittberger: Wo soll das enden? Vielleicht wird er ja mal Zeitschriftenchef. Oder Professor. Oder Popstar Rock'n'Roll never dies.
Sterben tun nämlich nur die wirklich Alten. Oder auch nicht. Denn während die
'F.A.Z.' bang meldet Jetzt vielleicht endgültig: Dem «Aufbau» droht das Aus, steht in der «SZ» auf Seite 17, der Berliner Redaktionsleiter Rainer Meyer amüsiere sich über die Situation, und als allererstes über die Falschmeldungen, die am Dienstag verbreitet wurden.Unzweifelhaft aber ist der «Aufbau» derzeit
nur im Netz zu lesen. Und auf jeden Fall eingestellt wird die 'antimilitarismus information'. Anschluss verpasst, schreibt die «FR» über das Blatt, das in der Zeit der radikalen Kleinschschreibung gegründet wurde. Nun ist es auch bloß noch im Netz zu lesen.Für die einen heißt es, dass sie im Sterben liegen, wenn sie nur noch im Netz zu lesen sind, für die anderen aber ist das Netz die selbstgewählte und einzige Existenzform.
So leben wir im Zeitenbruch.
Heute beginnt in München der Prozess gegen Michael Kölmel, den Gründer und früheren Vorstandsvorsitzenden der des insolventen Filmrechtehändlers Kinowelt Medien AG. die
'F.A.Z.' stellt dar, worum es genau geht, was bei solchen Geschichten ja meist ein bisschen kompliziert ist. +++ Und nun haben wir zwar ausführlich über die Medienberichterstattung der «SZ» medienberichterstattet, wollen aber nicht verhehlen, dass uns dieses E-Paper-Gedaddel ziemlich aufstößt. Sobald wir es gewagt haben, uns einmal von der Seite fortzubewegen, selbstverständlich ohne sie zu schließen, müssen wir uns neu anmelden. Das funktioniert dann immer erst beim dritten Anlauf und nur mittels Tricks und Finten, weil wir zwischendurch stets als «nicht authentifiziert» (herrlicher Anglizismus!) beschimpft werden. Darum müssen wir jedes Mal wieder ganz von vorne anfangen usw. Es ist keine Freude, und dass wir ab Juni auch noch dafür bezahlen sollen, ist eigentlich unanständig. Und, okay, okay, eine halbe Stunde später ging es dann plötzlich doch so, wie man es erwarten möchte. +++ Während in der «taz» noch Thomas Kausch vornamenslos als neueste Erwerbung von Sat.1-Chef Schawinski glossiert wird, wobei unsere Freundin Silke Burmester zu dem nicht sehr überraschenden Schluss gelangt, dass Schawinski sie gewiss nicht für seinen Sender wolle, auch wenn sie trotz Menstruationsbeschwerden ihre Wohnung für ihn aufgeräumt hat, +++ ist die «Bild»-Zeitung in bewährter Manier schon einen Schritt weiter, indem sie über Ulrich Wickert (62): Blitz-Wechsel zu SAT 1? als Gerücht in die Welt setzt. Ist aber schon dementiert .+++ Von anderem Terror handelt Michael Stürmer in einem anderen Springer-Blatt, nämlich in der 'Welt' . Er stellt Fotografen und Kameraleute als Komplizen des Terrors da und zwar in genau diesem pathosgeladenen Ton: Die Medien in der Demokratie indessen, ob gedruckt oder elektronisch, müssen sich, diesseits von Informationspflicht und Sensationslust, einer zweifachen Gewissensfrage stellen: Wie weit sie das Spiel der Terroristen mitspielen wollen und, noch wichtiger, welche letzte Achtung sie dem erniedrigten Mitmenschen schulden, in Leben und Tod. +++ Dabei war erst gestern im Haupt-Springer-Blatt die Leiche eines im Irak getöteten Deutschen abgebildet. Der Tod verkauft gut meint die 'taz' dazu und hat einen Medienforschungsprofessor zum Thema interviewt. +++ Im Herzen des aktuellen Terrors aber sitzt Halim Hosny, der für das ZDF aus Bagdad berichtet und von der 'Berliner Zeitung' ausführlich proträtiert wird. Der 'Tagesspiegel' hat aber auch mit ihm gesprochen. +++ Von den Nachwirkungen des derzeit vorletzten amerikanischen Krieges handelt das Radio-Feature «So ist Afghanistan», (Heute um 21.03 Uhr bei SWR 2, um 22 Uhr bei MDR Figaro und um 22.05 Uhr beim Kulturradio des RBB. Am Dienstag, 27. April, um 19.15 Uhr beim Deutschlandfunk.), auf das die «F.A.Z.» auf S. 38 hinweist. +++ Nun gerade mal die Fernsehvorschauen: «Blatt und Blüte» mit Christiane Hörbiger und Götz George nicht nur in der «F.A.Z.» auf S. 38, sondern auch in der 'FR' und in der 'Berliner Zeitung' . +++ «Alias Die Agentin» dagegen nur in der 'FR' , +++ Nachbesprechung «Quatsch-TV» in der «Süddeutschen Zeitung» auf Seite 17. +++ Was sonst noch im Fernsehen läuft, beschreibt Volker Lilienthal im Tagesspiegel, nämlich dieDer Altpapierkorb füllt sich morgen gegen 9 Uhr wieder.
Für das Web ediert von Iris Hanika

