Bertelsmann will wieder wachsen
30. Mrz 2004 17:04
 | Bertelsmann-Chef Gunter Thielen | Foto: ddp |
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Bertelsmann sieht die Konsolidierung als beendet an. Der Konzern hat viel Geld für Wachstum. Einer der Hoffnungsträger ist der Dienstleistungsbereich von Arvato.
Vor Jahren hatte die Internet-Euphorie auch den Bertelsmann-Konzern erfasst – und dem Unternehmen durch den AOL-Deal viel Geld in die Kassen gespült. Dennoch mußte Thomas Middelhoff als Vorstandsvorsitzender gehen. Sein Nachfolger Gunter Thielen schafft es, das Wort Internet auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstag nicht einmal in den Mund nehmen zu müssen. Trotzdem sprüht Thielen geradezu vor einem fast New-Economy-artigen Optimismus: Die Konsolidierung sei abgeschlossen, der Konzern wolle wieder wachsen.
Nur einen kleinen Hinweis auf die Internet-Ära gibt es noch, nämlich von Finanzvorstand Siegfried Luther: Nach den hohen Wertberichtigungen auf Zomba Music in 2002 seien im vergangenen Jahr nur einige «auf Zukäufe aus den Jahren 2000 und 2001» - den Jahren des Booms - vorgenommen worden. «Die damaligen Bewertungen waren zu hoch», sagt Luther.
Ein bemerkenswertes Jahr
Alle sechs Konzernbereiche des größten Medienunternehmens in Europa habe im vergangen Jahr schwarze Zahlen geschrieben, verkündet Thielen stolz. Bemerkenswert ist der Turn-Around, den Ewald Walgenbach mit dem «ehemalige Sorgenkind» (Thielen), der Buchclub-Sparte Direct Group, geschafft hat. Beobachter zollen dieser Entwicklung Anerkennung, dies sei in der kurzen Zeit eine erstaunliche Entwicklung. Der Vorstand habe auch die guten Ergebnisse des zurückliegenden Jahres reagiert und «seine Strategie geändert»: Statt Konsolidierung der Geschäfte und Sparbemühungen steht wieder das Wachstum im Vordergrund. Dazu soll ordentlich Geld in die Hand genommen werden: Neben den jährlichen Investitionen stehen in den kommenden drei Jahren zwei Milliarden Euro zusätzlich für Zukäufe und Geschäftsaufbau zur Verfügung. Ein «Expansionsprogramm» nennt der Konzernchef die Pläne. Der Konzern habe «von Konsolidierung auf Angriff geschaltet» und «gibt Gas».
«Albert Frere hat keine Lust»
Nicht einmal die Umsätze, die selbst nach Bereinigung um Wechselkurseffekte und Portfolioänderungen um mehr als ein Prozent gesunken sind, machen dem Vorstand allzu große Kopfschmerzen. Schließlich steht das Unternehmen angesichts der andauernden Medienkrise damit noch vergleichsweise gut da. Wichtiger noch: Die Umsatzrendite stieg im Jahresvergleich von 5,1 auf 6,7 Prozent. Und ein weiteres, «sportliches Ziel» rückt ins Zentrum. Einen einst von Middelhoff vorgegebenen Wert von zehn Prozent will Thielen erreichen. «Das will ich noch erleben», sagt er mit Blick auf seinen 2007 endenden Vertrag. Die zehn Prozent verlangt er indes nicht von allen Konzernbereichen. Die Direct Group sei schließlich «im Wesentlichen Handelsgeschäft», so dass hier ein Wert von fünf Prozent «schon ganz ordentlich» wäre.Mit einer Umsatzrendite von zehn Prozent «hätten wir auch die Kapitalmarktfähigkeit erreicht», stellt Thielen fest. Einen Seitenhieb auf andere Konzerne kann er nicht unterlassen: Im Dax müsse man Unternehmen mit einer solchen Rendite lange suchen, schmunzelt er. Also doch der Bertelsmann-Börsengang? Nein: «Albert Frere hat keine Lust», sagt Thielen über den Unternehmer, der seinen Anteil an der RTL Group gegen 25,1 Prozent am Bertelsmann-Kapital eingetauscht hat. Der frühst mögliche Zeitpunkt, an dem Frere seine Anteile über die Börse veräußern kann, ist der Mai 2006. Thielen ist aber überzeugt: «Er wird bleiben.» Warum auch sollte er sich von der Beteiligung trennen, wenn mehr Wachstum und höhere Renditen erwartet werden.
BMG muss Fusion mit Sony verdauen
Zukäufe soll es indes in allen Konzernbereichen geben – mit Ausnahme der Musik-Sparte BMG, die erst die geplante Fusion mit Sony verdauen muss, sollte sie von den Kartellbehörden genehmigt werden. Vor allem sei an Zukäufe im Fernsehbereich gedacht, erläutert RTL-Chef Gerhard Zeiler. Nicht nur an ein «besseres Portfolio» denkt Thielen beim Einkauf, sondern auch an die regionale Verteilung. Wie alle Unternehmen möchte er vorrangig in Osteuropa und natürlich in Asien wachsen. Dort ruhen die Hoffnungen nicht zuletzt auf der Direct Group, die in China als erste eine landesweite Buch-Kette eröffnen durfte und schon in drei Jahren fünf Millionen Mitglieder zählen will.
Dienstleistungsgeschäft wächst besonders stark
Der Optimismus des Konzernvorstandes spiegelt sich auch in den Sparten wider. Etwa bei Hartmut Ostrowski, dem Spartenchef der Druck- und Dienstleistungstochter Arvato. Entspannt sitzt er nach der Bilanzvorstellung im Gespräch, hat er doch ein operatives «Rekordergebnis» von 261 Millionen Euro in der Hinterhand. Das ist natürlich angesichts der schwankenden Orders bei den Konzerndruckereien nur möglich, weil das Dienstleistungsgeschäft besonders stark wächst. «Arvato wird etwas mehr als der Konzerndurchschnitt wachsen», sagt Ostrowski der Netzeitung.Die Dienstleistungen sollen erweitert, neue hinzu entwickelt werden, schildert Ostrowski seine Pläne. Zudem müsse der Kundenstamm nicht nur wachsen, auch die Dominanz der Kunden aus der Medienbranche – die derzeit die Hälfte ausmachen – soll gebrochen, neue Branchen wie Telekommunikation aufgeschlossen werden. Entlastung beim stark schwankenden Druckgeschäft sollen neue Maschinen bringen, die derzeit in Nürnberg und Italien aufgestellt werden. Und natürlich der Druckerei-Verbund seiner Tochterfirmen mit denen der Schwester Gruner + Jahr und des Axel Springer Verlags.
Avarto will Belegschaft vergrößern
Unter Dach und Fach ist das Geschäft entgegen Medienberichten noch nicht. «Nichts Neues» gebe es zu berichten, sagt Ostrowski. Allein die Dauer der Gespräche zeige aber, «dass alle Partner etwas wollen». Europaweit würden durch den Zusammenschluss rund ein Fünftel aller Druckkapazitäten in einer Hand liegen. Über das Dienstleistungsgeschäft, insbesondere über die Auslagerung von Tätigkeiten der Kunden ins Ausland, macht sich Ostrowski keine Sorgen – der Trend zum so genannten Outplacement dürfte sich eher noch verstärken. Allerdings, so betont der Arvato-Chef, gehen dabei zumindest in seinem Unternehmen keine Jobs in Deutschland verloren: «Im Gegenteil, wir erweitern unsere Belegschaft sogar noch», sagt er.
Über den Vorstand entscheidet der Aufsichtsrat
Konzernchef Gunther Thielen kann mit seinem Nachfolger bei Arvarto also zufrieden sein. Einen «wunderschönen Job» nennt Ostrowski seine Tätigkeit. Ob er Thielen trotzdem gerne auch als Konzernchef beerben möchte? Gemunkelt wird darüber schon länger. «Stellen Sie sich darauf ein, dass ich den Arvato-Job noch eine ganze Weile mache – möglichst bis zu Pensionierung», lacht der 46-Jährige. Und fügt an: «Über den Vorstandsvorsitz entscheidet der Aufsichtsrat.» Das sagt jeder Manager in vergleichbarer Position. (nz)