Altpapier vom Sonntag28. Mrz 2004 10:03, ergänzt 11:53
Wollte man die wichtigsten Begriffe aus dem Gespräch auflisten, das Ulf Poschardt und Adriano Sack für die «Welt am Sonntag» mit Florian Illies und Amélie von Heydebreck über deren neues Kunstmagazin «Monopol» führten, so wären das wohl die folgenden (i.o.o.a): Leitbildfunktion, Diskurshoheit, Geschichtsaufarbeitung, Hedonismus, Sinnlichkeit, ästhetische Sehnsüchte, Wellness, Documenta-Kunst, Zeitegnössisches, nackte Frauen aus Frankreich, Manifest-Charakter, Ideologien, Qualität, Diskurswettstreit, Vorurteilslosigkeit, Kunstkenner, Schönheit, Neokonservativismus, gesunder Menschenverstand, Mittdreißiger, Sinn stiftende Werte, Bürgertum, Reflektorium, Meditation, Avantgarde und – Sehnsucht.So weit, so gut. Nachdem die «Berliner» aber
gestern spitz anmerkte
, die «Welt» habe «fast darüber hinweg» gesehen, dass ihr ehemaliger Chefredakteur Wolfram Weimer seit dieser Woche ein neues Magazin herausgebe, das in der ein oder anderen Zeitung zuletzt mit mehr als 32 Zeilen bedacht wurde, bzw. weil die
'WamS'
sich heute fragt, ob es als «gewollte Spitze» zu deuten sei, dass die «FAZ» in ihrer «Cicero»-Rezension vom Freitag «Chefredakteur Wolfram Weimer konsequent Wolfgang Weimer genannt» habe (
online übrigens nicht
), sollen folgende Dinge kurz klar gestellt werden:Erstens: Wolfram Weimer heißt vorne nicht Wolfgang. Zweitens: Anders als die «Welt», die kürzlich fast über das neue Magazin ihres Ex-Chefredakteurs hinwegsah, erlaubt sich die «FAS» heute, das neue Magazin ihres
Ex-Feuilleton-Chefs
auf sensationellen 138 Zeilen rezensieren zu lassen (Seite 35). Drittens: Während seines Studiums in Bonn hat Florian Illies «Ölstudien deutscher Romantiker um 1850» gesammelt.Der
Kunstsammler
und «Monopol»-Rezensent Heinz Berggruen, 90, findet das Illies-Magazin in der «FAS» derweil auch deshalb «geglückt», weil wir sonst ja «in einer Zeit [leben], in der, ohne zu übertreiben, die Zeitungskioske überschwemmt werden von Illustrierten mit dicht an Pornographie grenzenden Vulgärfotos (und nicht nur auf dem Umschlag)» bzw. «in einer Zeit, in der die Verlage einen kräftigen Beitrag leisten zur allgemeinen Geschmacksverflachung der Leserschaft». In bester Bissinger-Manier (siehe
Altpapier vom Donnerstag
) kann's Kunstsammler Berggruen dann aber doch nicht lassen, Illies und Heydebreck mit auf den Weg zu geben, was er sich noch alles von «Monopol» versprochen hätte. Zum Beispiel, dass ein «stärkerer polemischer und kritischer Wind» durchs Blatt wehe.Und damit zurück zur liebgewonnenen allgemeinen Geschmacksverflachung, die auch das Fernsehen prima berherrscht. Im «Tagesspiegel» spottet nämlich Peter Limbourg, Chefredakteur des Nachrichtensenders N 24, gegen die Kollegen von n-tv, die bald nach Köln-Ossendorf
umziehen müssen
ziemlich offensichtlich als verspätete Replik auf die wiederum gegen N24 gerichtete Orgasmus-Pressemitteilung von n-tv (siehe
'FAZ'
): «Es ist ja immer schade, wenn der Lieblingsgegner sich aus der Bundesliga in die Regionalliga verabschiedet. Aber so ist es für RTL wahrscheinlich leichter, alte Explosiv-Beiträge und das Formel-1-Ersatzteillager im freien Training als Nachrichten zu verkaufen.»Sie merken schon: Im TV-Geschäft weht ein stärkerer polemischer und kritischer Wind als in den Oasen deutscher Nischenmagazine.
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Altpapierkorb Und der
'Tagesspiegel'
druckt außerdem eine Vorabmeldung des «Spiegel», der ein Interview mit dem neuen ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch geführt hat: «N24 wird komplett umgebaut. (...) Am Senderstandort Berlin will der aus Belgien stammende de Posch festhalten.» +++ Ein bisschen zuviel verspricht die «WamS», die über ihre
'Menschen & Medien'
-Kolumne «Die Zukunft der Zeitung(en)» schreibt, dann aber doch nur die unüberraschenden Ergebnisse einer US-Medienstudie notiert. Ebenda: Ex-«NYT»-Chefredakteur Howell Raines «rechnet
in 'Atlantic Monthly'
mit seinen Kritikern ab». Zum selben Thema (und zum Jayson-Blair-Buch «Burning Down My Master's House») hat auch die «FAS» was im Blatt (Seite 35). +++ Wenn «Tagesspiegel»-Autoren für die Sonntagsreihe «Fernsehen in Deutschland» viel fernsehen und den Sendern nachher Besuche abstatten, ist das leider oft nicht ganz so lustig, wie es sich anhört. Auch nicht, wenn Harald Martenstein über die ARD
sinniert
. +++ Eine merkwürdig überflüssige «Wetten, dass...?»-Meldung in der
'WamS'
, gleich neben der manchmal auch sehr merkwürdigen und überflüssigen FJW-Kolumne
'Wagners Welt'
, diesmal übrigens auch zu «Wetten, dass...?» +++ Im
'Tagesspiegel'
-Interview sagt Frank Schirrmacher derweil: «Ich sehe eigentlich nur Leute, die ich gefördert habe, selbst meine Feinde habe ich ja gefördert.» +++ Die
'Medienrepublik'
sorgt sich «ein bisschen» um Anke Engelke. Oder auch nicht, je nachdem wie man's nimmt. +++ «Eine Autobahnfahrt ist heutzutage nicht nur wegen Staus eine strapaziöse Angelegenheit. Auch das Radioprogramm geht an die Nerven», beschwert sich Antje Vollmer im
'Tagesspiegel'
und fordert – ach, ach – eine «Quote für deutsche Musik im Radio». +++ Die «FAS» gruselt sich in den «lieben Kollegen» (Seite 35) schon mal vorab vor dem morgigen «Schwiegersohn-Gipfel», zu dem Reinhold Beckmann tatsächlich Johannes B. Kerner, Jörg Pilawa, Kai Pflaume und Oliver Geissen
eingeladen hat
. +++ «Die Leute freuen sich, wenn ich mit Butter und Sahne arbeite. Die meisten dürfen es zwar aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht mehr essen, aber es erinnert sie an glückliche Zeiten», sagt Johann Lafer im
'Tagesspiegel'
über sein Wirken als TV-Koch. +++ Kabel 1 zeigt neben erfolglosen Shows nun auch «Best of Formel Eins» mit Thomas Anders –
'Tagesspiegel'
und
'WamS'
finden's prima. +++ Barabara Eligmann moderiert bald eine Samstagabendshow bei Sat.1, die den vielversprechenden Titel «Der große deutsche Prominenten-Buchstabier-Test» trägt, meldet «BamS» (Seite 22). +++ «Hobbythek»-Erfinder Jean Pütz mag «Fliege», hat er dem
'Tagesspiegel'
indirekt anvertraut. +++ «Zwei neue amerikanische Serien bringen den Glauben an Qualität im Fernsehen zurück»? Welche, verrät die «FAS» im «Teletext» (Seite 36). +++ «Tatort» im
'Tagesspiegel'
(siehe auch «BamS», Seite 22). +++ «Es wird uns ja manches zugetraut. Aber Porno-Angebote verschicken – das ist ein neuer Höhepunkt!», antwortet «BamS»-Chef Claus Strunz auf die Beschwerde des besorgten Lesers Alfred Molly, der per Telefon angeblich vom «BamS-Leserservice» «Angebote aus der Porno-Szene» erhält und – kein Witz – in Busenhausen (RLP) wohnt (Seite 37).Am Montag füllt sich der Altpapierkorb wieder ab ca. 9 Uhr.
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