Altpapier vom Montag22. Mrz 2004 09:15, ergänzt 11:11
Sagt Öko-Ruth: «Also, ich bin aus rein feministischen Gründen gegen Gesine Schwan als Bundespräsidentin, ne? Und zwar, weil dann der Job der Bundespräsidentengattin irgendwie total irrelevant wird, ne? Es sei denn, Gesine Schwan ist eigentlich lesbisch, ne? Das ginge. Muss man mal nachfragen. Von der Frisur her käm's hin».Wenn Sie sich fragen, ob Anke Engelke gut beraten war, gerade diesen Ladykracher aus ihrer künftigen Late-Night-Show im «Spiegel»-Interview (S. 74 ff., nicht online) dem lesenden Publikum vorab zur Verfügung zu stellen, also ohne die mimischen und stimmliche Mittel, die ihn gewiss lustiger machen würden - die Entertainerin war sich des Problems zumindest durchaus bewusst. Schließlich sagt sie auch «Klasse was, mein Größenwahn?», direkt nachdem sie «Also, der Dave [Letterman] und ich - wir sind total dicke» gesagt hat, damit also streckenweise eingesetzte Ironie bestimmt keine Missverständnisse erzeugt. Und kommt überhaupt in einer verblüffend neuen Tonalität daher. Sagt z.B.: «Genau, Haltung, darum geht es. Wenn meine Haltung stimmt, kann nichts passieren. Man muss in diesem Format vor allem authentisch sein». und (über die Boulevardpresse): «Aber ich kann nur gut arbeiten, wenn ich froh bin. Das kann ich aber nicht sein, wenn man mich mit blöden Geschichten beschädigt. ... Ich bin fest überzeugt, ich muss leuchten. Nur dann kann ich auch meine Gäste zum Leuchten bringen». Geradezu ostentativ unzynisch ist Anke Engelke, überwiegend ausgesprochen ernst. Ob sie damit ankommen wird, ist immerhin eine spannende Frage. Harald Schmidt dürfte es gut finden, zumindest, solange solche Sätze aus Engelkes und nicht Jeanette Biedermanns Mund kommen. Schließlich soll Schmidt ja auch gesagt haben, nachdem er seinen
Ausstieg
angekündigt hatte und «in der deutschen Comedy-Szene ... eine Wir-müssen-was-tun-Stimmung» herrschte und Engelke ihn angerufen hatte, um «Was sollen wir machen? Soll ich auch gehen? Eine Demo organisieren? Einen Boykott?» zu fragen - da also soll Schmidt geantwortet haben: «Job ist Job, Leben ist Leben. Das habe man gefälligst zu trennen».Auch harte News enthält das «Spiegel»-Interview, so die, dass Engelkes Freund Claus Fischer, bisher Bassist bei Stefan Raabs Studioband, künftig Engelkes Studioband leiten wird. Weiteren News-Wert finden Sie
hier
. Um nun zu den online ereichbaren Artikeln des Montags überzuleiten, sind keine großen Verrenkungen nötig. Fernsehunterhaltung ist das Medienseiten-Topthema. «Ein Stripper ist ein Wesen, das sich auszieht, und ein Flipper ist ein Wesen mit einem anziehenden Wesen». Diesen Ladykracher «fieberte» Carmen Nebel, die millionenschwere Kanone der ZDF-Unterhaltung, am Samstagabend, ungefähr während im öffentlich-rechtlichen Kontrastprogramm der Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm «mit brüchiger Stimme» «Wenn der Topf aber nun ein Loch hat, lieber Gunther, lieber Gunther» sang. Die Zitate sind der «Berliner Zeitung» entnommen, die heute eher
gallig glossiert
, was der «Tagesspiegel» unter der Überschrift «Deutschland sinkt» nachrichtlicher in die Medienlandschaft einordnet (ohne sich für Gunther Emmerlich die Bezeichnung «die bärtige Schmalzstulle vom Ersten» verkneifen zu können): «In voller Absicht» haben ARD und ZDF das Samstagabendprogramm «mit zeitgleich ausgestrahlter volkstümlicher Musik zugepflastert». Am «Quotenkriegssamstag» sangen hüben bzw. drüben die Wildecker Herzbuben, die Flippers und die Puhdys sowie Regina Halmich (aber wohl nicht
'Schlag mich'
, oder?) Nun stellt der «Tagesspiegel», Sie ahnen es, die Frage nach den «6,7 Milliarden Euro, die ARD und ZDF jährlich an Gebühren einnehmen».Zum Glück ist die Fernsehunterhaltung ein weites Feld. Ganz am anderen Ende der durchschnittlich eingestellten Fernbedienung erblickt heute schon wieder ein neues Format das Licht des Bildschirms. Nicht öffentlich-rechtlich, sondern beim jüngsten Mitglied jener Senderfamilie, der auch Anke Engelke angehört. Der Macher der Sendung ist auch der Macher des Print-Objekts, das nach seinen Angaben «stärker als 'Stern' und 'Bunte' und schneller als 'Focus' und 'Spiegel'» ist. Seine Talk-Sendung, die er als «Kammerspiel eines Nachrichtensenders» charakterisiert, kennzeichnet nach seinen Angaben das ganz neue «Phänomen», dass der Moderator «ein Teilnehmer der Diskussion, nicht nur ein Abfrager» ist. Und Norbert Blüm hatte der Moderator nach seinen Angaben auch schon mal «ziemlich in Rage» gebracht - und zwar nicht beim Singen. In zwei Kurz-Interviews in «Rundschau» und «Tagesspiegel» stellt Claus Strunz, «Bild am Sonntag»-Chefredakteur und ab heute
'Was erlauben Strunz'
-Moderator, phänomenales Selbstbewusstsein unter Beweis.
Mehr im Internet: Zu den Artikeln |
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Altpapierkorb Mehr «Mohns» (siehe Altpapier vom
Freitag
und
Samstag
), heute im
'Focus'
, in der
'taz'
sowie der
'Berliner Zeitung'
, deren Mitarbeiter der
'Mohns'
-Autor Thomas Schuler ja auch ist. Im «Spiegel»-Kurztalk sagt er: «Es geht ja nicht um schmutzige Wäsche, sondern um die selbst entworfene Vorbildrolle, die Liz und Reinhard von sich verbreiten. Dieses Bild will ich kontern» (S. 71). +++ Ist die «Währung 14/49» für sog. Werberelevanz noch zeitgemäß, fragt passend zum «Focus»-
Titel
die
'Welt'
. Nein, sie folgt bloß dem «typisch deutschen» Prinzip des «Was wir erst mal haben, das lassen wir auch so», sagt Michael Darkow von der GfK-Fernsehforschung. +++ Auf der «SZ»-Medienseite 17: «Böses Blut im ZDF-Sport», da Ressortchef Wolf-Dieter Poschmann dem in «eine Art Vorruhestand» ausscheidenden Reporter Michael Palme kein warmes Wort zum Abschied gönnte. «Seelische Insolvenz» gar, die der Dokumentarfilmer Bernd Dost beim Bayerischen Rundfunk anprangerte, woraufhin ihm gekündigt wurde. Um den
Werbespot
, mit dem Audi und Dustin Hoffman «Die Reifeprüfung» fortsetzen, sowie um «Strunzereien» (s.o.) geht's ferner. +++ Auf der «FAZ»-Medienseite 35 wird nochmals über
die
Brüsseler Polizeiaktion gegen «stern»-Reporter Hans-Martin Tillack berichtet, nochmal über die Kritik des ZDF-Fernsehrats an Product Placement-Praktiken («grenzwertig», findet Andrea Urban vom niedersächsischen Jugendschutz die Serie
'Sabine'
, «sehr anständig» habe Programmdirektor Thomas Bellut auf solche Kritik reagiert). Dazu ein Bericht zum Fälschungsskandal bei «USA Today» (siehe
Netzeitung
). +++ Mit einem Papier vom 15. Juli 1994
erhebt
der «Focus» neue Vorwürfe gegen den hessischen Sportchef Jürgen Emig. +++ Der sehenswerte ZDF-Krimi «Nachtschicht» polarisiert ganz schön. In Berlin ist man physisch gepackt (
'Tagesspiegel'
: «eine veritable Rampensau, die mit all ihrem Gebrüll den Zuschauer einigermaßen verwirrt»;
'Berliner'
: «ein Kampf, eine Schufterei ... eine Energieleistung»), die Frankfurter listen Ungereimtheiten auf (
'FR'
) oder beklagen, «wie lustlos» der Film abgedreht worden sei («FAZ», S. 35). «So eine gut erdachte Reise durch die Nacht mit Puffbetreibern, Gangstern, Irren, schönen Frauen und verhuschten Müttern hat man ja lange nicht mehr gesehen», ist die «SZ» angetan und lobt vor allem die Schauspielerin Katharina Böhm. +++ Der WDR zeigt seine «solide recherchierte» Dokumentation über «das Gehirn von Al Qaida» heute nur deshalb bei sich und nicht im ARD-Programm, weil der Film sonst «auf 30 Minuten gekürzt» hätte werden müssen, weiß die
'Welt'
. +++ Was im «Spiegel» (S. 71) über Millionenoptionen für die Springer-Vorstände steht, ist weniger als das, was dazu in der
Netzeitung
steht. +++ Milde zeigt sich Wigald Boning im «Focus»-Kurzinterview über seine sowohl Grimme-prämierte als auch eingestellte ZDF-Sendung «WIB-Schaukel»: «Meiner Produktionsfirma wurde gesagt, das sei eine Liebhabersendung. Damit kann jeder TV-Artist hervorragend leben» (S. 178). +++ Eine Art Berichtigungsberichtigung hat die
'taz'
, ohne sich selbst eines Fehlers schuldig gemacht zu haben - was aber auch für den «Spiegel» gilt. Es geht um die Lage des «Aufbau» bzw.
da-
und
darum
. +++ Was immer man von Claus Strunz halten mag, die «BamS» ist natürlich bloß doch die Sonntags-«Bild». Was gestern da auf der Titelseite stand, nimmt die
'taz'
als Kolumnenanlass. +++ Was Max kann, «können die seit jeher soul-kompetenten Briten beser, und mittlerweile auch die Barden aus Benelelux und Baltikum», stabreimt die «Süddeutsche» (S. 17), die auch sonst von der
deutschen Grand Prix-Qualifikation
nicht begeistert war: «Die Fusion von Viva-Kameraführung und ARD-Volkstümlichkeit ergab unter dem Strich den bewährten RTL-Appeal». +++ Welches deutsche Popmusiktrio Jan Feddersen «ballermannmäßig sauscharf!» findet, und alles, was man sonst heute noch über die Show vom Freitag wissen wollen könnte, hat schließlich in FAQ-Form die
'taz'
zu bietenDer Altpapierkorb füllt sich am Dienstag gegen 9.00 Uhr wieder neu.
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