Beisheim-Center:
Bartholdy für Beisheim
Während sich das offizielle Berlin über den schnellen Bau des Beisheim-Centers und seinen privaten Investor freute, fand schräg gegenüber, am Leipziger Platz, eine Veranstaltung der Masse und Macht Gruppe statt. Mittels der Aufführung verschiedener Musikstücke sollte der Irritation über die unklaren Zusammenhänge zwischen Investorenmacht, Geschichte und Stadtplanung Ausdruck gegeben werden. Anlässlich von Baubeginn und Geburtstag war in einigen Feuilletons erneut die Frage nach seiner Vergangenheit gestellt worden. Als junger Mann diente Beisheim angeblich in der Waffen-SS, manche Quellen sprechen von der «Leibstandarte Adolf Hitler».
Die Netzeitung sprach mit Sabine Sanio, die die Veranstaltung zusammen mit Christian von Borries und anderen organisiert hat.
Netzeitung: Sie stellen mit Ihrer heutigen Aufführung verschiedener Musikstücke auch die Frage, woher nach 1945 das Geld zum Aufbau eines der weltweit größten Handelskonzerne kam. Ein Wirtschaftsjournalist würde vermutlich antworten: Von den Partnern Otto Beisheims in den Sechzigern, den Familien Schmidt-Ruthenbeck und Haniel. Angehörige der Haniels wiederum wurden von den Nazis hingerichtet.
Sabine Sanio: Seit 1990 kann man beobachten, wie die Stadt mit dem Potsdamer Platz umgeht. Dabei orientiert man sich extrem an den wirtschaftlichen Prioritäten. Nun hat Otto Beisheim im Oktober den Berliner Verdienstorden bekommen, der regierende Bürgermeister Wowereit hat ihm kürzlich persönlich zum Geburtstag gratuliert. Das alles erklärt sich allein aus der wirtschaftlichen Potenz Beisheims und aus der Vorstellung, dass man solche wirtschaftliche Potenz nach Berlin holen muss, um aus der Armutssituation herauszufinden. Wir sind aber der Ansicht, dass man die historische Dimension dabei nicht aus dem Blick verlieren sollte.
Es gibt keine Antwort auf die Frage, die wir stellen. Man hat aber das Gefühl, dass der Öffentlichkeit Informationen über die Vergangenheit Beisheims vorenthalten werden. Auch das ist nicht sicher, aber die Vermutung drängt sich auf. Daher haben wir das Gefühl, es könnte eine angemessene Form sein, mit Kunst in diese Lücke, in diese Ratlosigkeit, in dieses Verstummen hineinzugehen.
Netzeitung: Ihre Reihe von Aktionen im öffentlichen Raum trägt den Titel «Topographie des Terrors/ Beisheim-Center/ Flick-Collection». Worin besteht der Zusammenhang zwischen diesen drei Orten und kulturellen «Containern»?
Sanio: Es gibt inhaltliche Zusammenhänge, aber auch solche, die sich aus der Entstehungsgeschichte des Projekts ergeben haben. Wir haben ursprünglich geplant, die Veranstaltungsreihe, die jetzt auf dem Leipziger Platz stattgefunden hat, auf dem Gelände von «Topographie des Terrors» durchzuführen. Wir hatten bereits eine Zusage, bekamen dann aber doch eine Ablehnung, die wir nicht nachvollziehen konnten: Es hieß dann, unsere Veranstaltung sei doch zu kurzfristig geplant. Wir haben daraufhin überlegt, was wir machen sollen.
Zwei der Veranstaltungen unter diesem Titel haben nun stattgefunden. Für die dritte, die im Mai geplant ist, haben wir darüber nachgedacht, wie man den Umstand reflektieren kann, dass die «Topographie des Terrors» ein Bewusstsein für die Präsenz des Vergangenen herstellen möchte. Mit unseren Veranstaltungen wollen wir ein Bewusstein für die Präsenz der «Topographie des Terrors» am Leipziger Platz provozieren.
Bei diesen Diskussionen ist es sicherlich schwierig, eine eindeutige Antwort oder Lösung zu finden: Man kann etwa darauf verweisen, dass es sich im Fall Flick um den Enkel des Rüstungsfabrikanten handelt, der selbst nicht in die historischen Vorkommnisse verwickelt war. Wenn man keine eindeutigen Antworten auf eine Situation findet, heißt das aber nicht, dass man keine Fragen stellen darf. Das wiederum ist unser Anliegen: Dass wir bestimmte Entwicklungen, die man beobachten kann, wie sich das Zentrum dieser Stadt gestaltet, zumindest ansprechen wollen. Das sind Entwicklungen, die uns auffallen, die wir überraschend, fragwürdig, irritierend finden.
Netzeitung: In Ihrem heutigen Programm wurde unter anderem ein Streichquartett von Felix Mendelssohn-Bartholdy gespielt. Ein Teil kam vom Band, ein Cellist spielte seinen Part live dazu. Damit eröffnet sich eine historische Perspektive auf den Ort, nämlich die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als der Komponist hier wohnte, aber auch auf dessen Person selbst. Sind das die Assoziationen, die Sie hervorrufen wollen?
Sanio: Das alles sind Aspekte einer Antwort. Wir haben versucht, eine Gesamtkonstellation von verschiedenen musikalischen Positionen zu entwickeln, die uns relevant vorkamen. Mendelssohn hat vor der Konfliktlage hier gelebt, sogar in einer sehr idyllischen Situation. Er war aber auch ein jüdischer Bürger seiner Stadt, der mit entsprechenden Problemen zu kämpfen hatte. Sein Großvater Moses Mendelssohn musste sich mehr oder weniger noch in die Stadt hineinschleichen, hat aber dann Karriere gemacht und wurde sogar für eine gewisse Zeit zum berühmtesten Bürger der Stadt. Die Erinnerung daran, dass es in dieser gezeichneten Stadt auch eine Idylle gegeben hat, sollte nicht verboten sein. Man darf auch an idyllische Zeiten erinnern. Es ist auch durchaus schön, sich dies als zumindest eine Schicht von Vergangenheit zu vergegenwärtigen.
Es gibt aber auch einige andere Aspekte, die jetzt von uns auf diesem Platz gespielt worden sind, die nicht ganz so idyllisch sind, etwa Georg Nussbaumers «Marsch Winter 42/43 für kleine Trommel, zwei
Spielzeugpanzer und CD». Er bezieht sich implizit auf Stalingrad.
Netzeitung: Hier ergibt sich die Assoziation zur «Topographie des Terrors», die unweit von hier an eine der Schaltzentralen des Naziregimes erinnert.
Sanio: Nussbaumers Stück ist sicher keine direkte Stellungnahme zur Naziproblematik im Sinne der repressiven Aspekte des totalitären Systems, sondern versteht sich eher im Sinne eines Schlachtengemäldes. Es ist aber immer schwierig, diese beiden Dimensionen auseinanderzuhalten. Das Assoziationsspektrum ist hierbei so ähnlich diffus wie das, was wir über Beisheims Jugend in der Waffen-SS wissen oder eben nicht wissen.
Netzeitung: Diese Frage könnte man zumindest in Bezug auf die Flick-Collection vielleicht ganz einfach beantworten: Wenn Berlin eine so reiche Stadt wie Zürich wäre, würde es ihr sicher leichter fallen, angesichts der Diskussionen um die Sammlung dankend abzulehnen. Nun ist Berlin aber schlichtweg pleite, und die Stadt muss froh darüber sein, wenn ihr eine hochkarätige Sammlung zeitgenössischer Kunst angeboten wird.
Netzeitung: Bei Aktionen wie dieser, die sich mit dem Begriff der «Psychogeographie» ausdrücklich in die Tradition einer subversiven situationistischen Praxis einreihen, stellt sich heute die Frage, inwieweit sie nicht schon längst eingeholt und ein Teil der allgegenwärtigen Spektakels der Eventkultur geworden sind?
Sanio: Das ist auch ein Rechercheprojekt in ästhetischer Hinsicht. Einerseits geht es darum, wie man sich in einem politischen Kontext platzieren kann, anderseits aber auch darum, was man mit dieser, wenn man so will, «Scheißmusik» überhaupt noch machen kann. Etwa mit diesem Bartholdy, den man so gerne mag. Man hört ihn zwar gerne, mag aber an die Orte, wo er normalerweise aufgeführt wird, gar nicht mehr gehen. Was passiert aber, wenn man ihn auf diesem Platz im Rahmen einer solchen Veranstaltung spielt? Die Wirkung ist immer schon nicht mehr die Kunst, es ist sie Hoffnung, dass sie etwas auslöst. Das sind Übersetzungs-, Interpretations- und Diskussionsprozesse, die zu jeder Kunst immer dazugehören, die dann unter Umständen auch eine Wirkung darstellen können.
Mit Sabine Sanio sprach Ulrich Gutmair

