Beisheim-Center: 

netzeitung.deBartholdy für Beisheim

 Herausgeber: netzeitung.de

Beisheim-Center (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Beisheim-Center
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In Berlin wurde am Wochenende das Beisheim-Center eingeweiht. Während man drinnen feierte, gab man draußen der Irritation über die im Dunkeln liegende Vergangenheit des Investors Otto Beisheim mit Aufführungen unter anderem von Mendelssohn-Bartholdy Ausdruck.

Die Medien haben sich darauf geeinigt, ihn den «scheuen Milliardär» zu nennen. Otto Beisheim wird zu den reichsten Männern Deutschlands gezählt, obwohl er seit geraumer Zeit in der Schweiz lebt. Der kaum bekannte Gründer der Metro-Gruppe, des zweitgrößten Handelskonzerns der Welt, hat am Wochenende im vor kurzem fertig gestellten Beisheim-Center am Potsdamer Platz in Berlin seinen 80. Geburtstag nachträglich gefeiert. Anlass war die Einweihung des Inge-Beisheim-Platzes, der an seine Frau erinnert, und an dem nun zwei Luxushotels und die angeblich teuersten Wohnungen Deutschlands situiert sind.

Während sich das offizielle Berlin über den schnellen Bau des Beisheim-Centers und seinen privaten Investor freute, fand schräg gegenüber, am Leipziger Platz, eine Veranstaltung der Masse und Macht Gruppe statt. Mittels der Aufführung verschiedener Musikstücke sollte der Irritation über die unklaren Zusammenhänge zwischen Investorenmacht, Geschichte und Stadtplanung Ausdruck gegeben werden. Anlässlich von Baubeginn und Geburtstag war in einigen Feuilletons erneut die Frage nach seiner Vergangenheit gestellt worden. Als junger Mann diente Beisheim angeblich in der Waffen-SS, manche Quellen sprechen von der «Leibstandarte Adolf Hitler».

Die Netzeitung sprach mit Sabine Sanio, die die Veranstaltung zusammen mit Christian von Borries und anderen organisiert hat.


Netzeitung: Sie stellen mit Ihrer heutigen Aufführung verschiedener Musikstücke auch die Frage, woher nach 1945 das Geld zum Aufbau eines der weltweit größten Handelskonzerne kam. Ein Wirtschaftsjournalist würde vermutlich antworten: Von den Partnern Otto Beisheims in den Sechzigern, den Familien Schmidt-Ruthenbeck und Haniel. Angehörige der Haniels wiederum wurden von den Nazis hingerichtet.

Sabine Sanio: Seit 1990 kann man beobachten, wie die Stadt mit dem Potsdamer Platz umgeht. Dabei orientiert man sich extrem an den wirtschaftlichen Prioritäten. Nun hat Otto Beisheim im Oktober den Berliner Verdienstorden bekommen, der regierende Bürgermeister Wowereit hat ihm kürzlich persönlich zum Geburtstag gratuliert. Das alles erklärt sich allein aus der wirtschaftlichen Potenz Beisheims und aus der Vorstellung, dass man solche wirtschaftliche Potenz nach Berlin holen muss, um aus der Armutssituation herauszufinden. Wir sind aber der Ansicht, dass man die historische Dimension dabei nicht aus dem Blick verlieren sollte.

Wenn jemand, der solange ganz zurückgezogen gelebt hat und Wert darauf gelegt hat, dass niemand ihn als Metro-Eigentümer identifiziert, sich nun am Potsdamer Platz so etwas wie ein Denkmal schafft, dann wundert man sich darüber. Man hat außerdem den Verdacht, dass er damit symbolisch an alte Wirkungsstätten zurückkehrt. Man sollte sich dann zumindest fragen, ob das die richtige Beschreibung des Vorgangs ist und was man davon zu halten hat, falls dem so ist. Das hat uns als Bürger der Stadt beschäftigt und war außerdem Anlass, darüber grundsätzlich nachzudenken, was Kunst und Musik für uns sein können. Gibt es Beziehungen zwischen solchen Vorgängen und der Art und Weise, wie wir mit Musik umgehen?

Es gibt keine Antwort auf die Frage, die wir stellen. Man hat aber das Gefühl, dass der Öffentlichkeit Informationen über die Vergangenheit Beisheims vorenthalten werden. Auch das ist nicht sicher, aber die Vermutung drängt sich auf. Daher haben wir das Gefühl, es könnte eine angemessene Form sein, mit Kunst in diese Lücke, in diese Ratlosigkeit, in dieses Verstummen hineinzugehen.

Netzeitung: Ihre Reihe von Aktionen im öffentlichen Raum trägt den Titel «Topographie des Terrors/ Beisheim-Center/ Flick-Collection». Worin besteht der Zusammenhang zwischen diesen drei Orten und kulturellen «Containern»?

Sanio: Es gibt inhaltliche Zusammenhänge, aber auch solche, die sich aus der Entstehungsgeschichte des Projekts ergeben haben. Wir haben ursprünglich geplant, die Veranstaltungsreihe, die jetzt auf dem Leipziger Platz stattgefunden hat, auf dem Gelände von «Topographie des Terrors» durchzuführen. Wir hatten bereits eine Zusage, bekamen dann aber doch eine Ablehnung, die wir nicht nachvollziehen konnten: Es hieß dann, unsere Veranstaltung sei doch zu kurzfristig geplant. Wir haben daraufhin überlegt, was wir machen sollen.

Zwei der Veranstaltungen unter diesem Titel haben nun stattgefunden. Für die dritte, die im Mai geplant ist, haben wir darüber nachgedacht, wie man den Umstand reflektieren kann, dass die «Topographie des Terrors» ein Bewusstsein für die Präsenz des Vergangenen herstellen möchte. Mit unseren Veranstaltungen wollen wir ein Bewusstein für die Präsenz der «Topographie des Terrors» am Leipziger Platz provozieren.

Mit der Flick-Collection verhält es sich ähnlich wie mit dem Beisheim Center, dass man sich fragen kann, ob es angebracht ist, dass solche Kunstsammlungen nach Berlin ausgeliehen werden und man damit Friedrich Christian Flick die Möglichkeit gibt, sich zu präsentieren. In Zürich hat man eben dies ja abgelehnt, weil diese Sammlung auch mit Geld erworben wurde, das mittels Zwangsarbeit verdient worden ist.

Bei diesen Diskussionen ist es sicherlich schwierig, eine eindeutige Antwort oder Lösung zu finden: Man kann etwa darauf verweisen, dass es sich im Fall Flick um den Enkel des Rüstungsfabrikanten handelt, der selbst nicht in die historischen Vorkommnisse verwickelt war. Wenn man keine eindeutigen Antworten auf eine Situation findet, heißt das aber nicht, dass man keine Fragen stellen darf. Das wiederum ist unser Anliegen: Dass wir bestimmte Entwicklungen, die man beobachten kann, wie sich das Zentrum dieser Stadt gestaltet, zumindest ansprechen wollen. Das sind Entwicklungen, die uns auffallen, die wir überraschend, fragwürdig, irritierend finden.

Netzeitung: In Ihrem heutigen Programm wurde unter anderem ein Streichquartett von Felix Mendelssohn-Bartholdy gespielt. Ein Teil kam vom Band, ein Cellist spielte seinen Part live dazu. Damit eröffnet sich eine historische Perspektive auf den Ort, nämlich die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als der Komponist hier wohnte, aber auch auf dessen Person selbst. Sind das die Assoziationen, die Sie hervorrufen wollen?

Sanio: Das alles sind Aspekte einer Antwort. Wir haben versucht, eine Gesamtkonstellation von verschiedenen musikalischen Positionen zu entwickeln, die uns relevant vorkamen. Mendelssohn hat vor der Konfliktlage hier gelebt, sogar in einer sehr idyllischen Situation. Er war aber auch ein jüdischer Bürger seiner Stadt, der mit entsprechenden Problemen zu kämpfen hatte. Sein Großvater Moses Mendelssohn musste sich mehr oder weniger noch in die Stadt hineinschleichen, hat aber dann Karriere gemacht und wurde sogar für eine gewisse Zeit zum berühmtesten Bürger der Stadt. Die Erinnerung daran, dass es in dieser gezeichneten Stadt auch eine Idylle gegeben hat, sollte nicht verboten sein. Man darf auch an idyllische Zeiten erinnern. Es ist auch durchaus schön, sich dies als zumindest eine Schicht von Vergangenheit zu vergegenwärtigen.

Es gibt aber auch einige andere Aspekte, die jetzt von uns auf diesem Platz gespielt worden sind, die nicht ganz so idyllisch sind, etwa Georg Nussbaumers «Marsch Winter 42/43 für kleine Trommel, zwei
Spielzeugpanzer und CD». Er bezieht sich implizit auf Stalingrad.

Netzeitung: Hier ergibt sich die Assoziation zur «Topographie des Terrors», die unweit von hier an eine der Schaltzentralen des Naziregimes erinnert.

Sanio: Nussbaumers Stück ist sicher keine direkte Stellungnahme zur Naziproblematik im Sinne der repressiven Aspekte des totalitären Systems, sondern versteht sich eher im Sinne eines Schlachtengemäldes. Es ist aber immer schwierig, diese beiden Dimensionen auseinanderzuhalten. Das Assoziationsspektrum ist hierbei so ähnlich diffus wie das, was wir über Beisheims Jugend in der Waffen-SS wissen oder eben nicht wissen.

Zugleich war der Gedanke, dieses Stück, das ungefähr 40 Minuten dauert, gewissermaßen als Grundierung für die anderen Stücke zu nehmen. Das hatte etwas Sinnfälliges: Dieses Stück war dauernd präsent, so wie wir alle um den ganzen Komplex der Vergangenheitsbewältigung immer wieder nicht herum kommen, auch wenn er uns immer wieder nervt. Es ging dabei aber auch darum, Stücke zu spielen, die wir mögen. Nussbaumers Marsch ist ein gelungenes Schlagzeugstück, das ursprünglich mit den drei Anfangstakten von Schuberts «Winterreise» beginnt. Um dies zu verdeutlichen, haben wir das erste Lied der «Winterreise» hier ebenfalls aufgeführt. Auch zu hören waren die Fragmente, die zitatähnliche Karaokemusik von Bernd Alois Zimmermanns «Stille und Umkehr», das in seinem Gestus als Stück unsere Befindlichkeit der Situation gegenüber auch am Besten zum Ausdruck gebracht hat, nämlich das eher irritierte Innehalten und Fragen: Was passiert hier eigentlich? Wir wissen es nicht, und wir sollen es offenbar auch nicht wissen.

Netzeitung: Diese Frage könnte man zumindest in Bezug auf die Flick-Collection vielleicht ganz einfach beantworten: Wenn Berlin eine so reiche Stadt wie Zürich wäre, würde es ihr sicher leichter fallen, angesichts der Diskussionen um die Sammlung dankend abzulehnen. Nun ist Berlin aber schlichtweg pleite, und die Stadt muss froh darüber sein, wenn ihr eine hochkarätige Sammlung zeitgenössischer Kunst angeboten wird.

Sanio: Um in diesem Zusammenhang auf den Potsdamer Platz zurück zu kommen: Ich habe nie verstanden, warum man 1990 meinte, den Potsdamer Platz Investoren wie Sony mehr oder weniger hinterherschmeißen zu müssen. Das scheint mir mangelndes Selbstbewusstsein zu sein. Warum sieht nicht auch die Möglichkeiten, die man hat? Zum anderen stellt sich die Frage, ob sich hier eine Versammlung vollzieht von Größen, die eine ganz andere Vorstellung davon haben, was Berlin sein sollte, als ich es zum Beispiel habe. Etwa Leute, die aus einer großdeutschen Tradition heraus denken, und deswegen wieder in Berlin sein wollen.

Netzeitung: Bei Aktionen wie dieser, die sich mit dem Begriff der «Psychogeographie» ausdrücklich in die Tradition einer subversiven situationistischen Praxis einreihen, stellt sich heute die Frage, inwieweit sie nicht schon längst eingeholt und ein Teil der allgegenwärtigen Spektakels der Eventkultur geworden sind?

Sanio: Das ist auch ein Rechercheprojekt in ästhetischer Hinsicht. Einerseits geht es darum, wie man sich in einem politischen Kontext platzieren kann, anderseits aber auch darum, was man mit dieser, wenn man so will, «Scheißmusik» überhaupt noch machen kann. Etwa mit diesem Bartholdy, den man so gerne mag. Man hört ihn zwar gerne, mag aber an die Orte, wo er normalerweise aufgeführt wird, gar nicht mehr gehen. Was passiert aber, wenn man ihn auf diesem Platz im Rahmen einer solchen Veranstaltung spielt? Die Wirkung ist immer schon nicht mehr die Kunst, es ist sie Hoffnung, dass sie etwas auslöst. Das sind Übersetzungs-, Interpretations- und Diskussionsprozesse, die zu jeder Kunst immer dazugehören, die dann unter Umständen auch eine Wirkung darstellen können.


Mit Sabine Sanio sprach Ulrich Gutmair