Altpapier vom Schmidttag
09. Dez 2003 09:01, ergänzt 10:58
Was machen Sie am Freitag in dreieinhalb Wochen am späteren Abend? Und am Montag drauf, am Dienstag, Mittwoch undsoweiter?Werden die Menschen im nächsten Jahr früher ins Bett gehen, so dass ein Produktivitätsschub die Wirtschaft endlich brummen lässt? Werden sie noch mehr Kerner und Beckmann gucken, so dass die Welt infolgedessen noch schlechter wird?
Es scheint, dass die in circa zwei Jahrzehnten
(8. Januar 2004: «20 Jahre Sat.1» mit Harald Schmidt! RTL feiert hingegen am 3. Januar mit Oliver Geissen) eingeschliffene Mediennutzung zahlreicher Medienbeobachter durch die «TV-Bombe des Jahres» («Bild») den tiefsten Einschnitt seit rund acht Jahren erfahren wird.
Jedenfalls wimmelt es heute derart von reflektierten Schmidt-Show-Würdigungen, dass man beinahe glauben mag, der eine oder andere Nachruf habe schon halbfertig in der Schublade gelegen.
Beginnen wir ausnahmsweise mit Deutschlands wichtigster Zeitung:
«Zu teuer fürs TV? - AUS für Spaß-König Harald Schmidt», titelt die «Bild»-Zeitung, die sich im dazugehörigen
Artikel
die Frage von einem, der es wissen muss, beantworten lässt: «Von Einsparungen war keine Rede», sagt der frischgebackene Sat.1-Chef Roger Schawinski. Und : «Ich glaube, dass jeder irgendwann einen Burn-Out hat und das Gefühl, sein Leben zurückhaben zu wollen».Ferner schreibt «Bild» in demselben Bericht, dass Sat.1 bereits «eine neue Late-Night-Show» plane. «Sender-Boss Schawinski: 'Die soll aktueller sein – die wichtigste Person des Tages soll Thema sein oder sogar live in der Show sitzen.' Er denke an US-Vorbilder wie Letterman und Jay Leno. Wer kommt in Frage? 'Ab heute ist das Rennen eröffnet'».
An dieser Stelle muss nochmal kurz dran erinnert werden, dass die «Bild»-Zeitung im renommierten Verlagshaus Springer erscheint, das über Besitz und Besitzer ja wieder ein bisschen mit dem Fernsehhaus ProSieben-Sat.1 Media verwoben ist.
Freilich hat die unabhängige «Bild»-Zeitung
noch einen Artikel
zum Thema, in dem es heißt «Warum wirft er jetzt hin? Weil sein Freund, Sat.1-Chef Martin Hoffmann, rausflog? Vielleicht», womit das Blatt dann doch auch auf der Seite aller anderen Medienbeobachter steht.Damit zu den wichtigen Zeitungen: «Ausgerechnet die selbst ernannte Mediennutte Harald Schmidt schafft einen in der Loyalitätsbranche Fernsehen eigentlich unmöglichen Akt der Loyalität», steht in einem «tazzwei»-Artikel von Steffen Grimberg (S. 13, derzeit nicht online).
«Je mehr Saban und Rohner ungehemmt im zweitgrößten deutschen Privat-TV-Konzern herum fuhrwerkten, umso galliger wurde Schmidt», erläutert die «Süddeutsche» (siehe Linkkasten) gewachsenen Groll des Talkmasters über seine neuen Chefs. Und weist eine Schlüsselrolle im Abschiedsprozess Schmidts detaillierter Buch-Besprechung von
Schawinskis 'Ego-Projekt'
vom vergangenen Freitag zu.
Schmidt selbst ließ die «SZ» übrigens schön grüßen,
offenbar
.Eine wichtige Rolle wird allgemein auch Schawinkis Ankündigungen, mit Harald Schmidt essen zu gehen, zugeschrieben, die der Schweizer sowohl am Samstag in der «SZ» (siehe
Altpapier
), als auch noch im
'Spiegel' vom Montag
bekräftigte. «Noch nie war ein Interview am Erscheinungstag so alt wie dasjenige des neuen Sat.1-Chefs Schawinski von gestern, in dem er sich noch siegesgewiß zeigt, daß Schmidt bleibe», schreibt die «FAZ» (siehe Linkkasten) und mag sich ein «Von wegen» nicht verkneifen.
«Gott ist tot» heißt's später im selben Artikel (freilich unter Bezugnahme auf das, was Anke Engelke mal über Gott bzw. Schmidt gesagt haben soll).
Dass die ProSiebenSat.1-Pressestelle «den Grund für Schmidts Abgang am ehesten im medizinischen Bereich» anzusiedeln versuche, nicht überzeugend allerdings, fügt die «FR» hinzu, die bereits den ARD-Vorsitzenden Jobst Plog in die Pflicht nimmt (und da
nicht allein
steht).Textarbeit anhand der Presse-Verlautbarungen betreiben «Tagesspiegel» («Verlogen und heuchlerisch wirkt, was Schawinski dazu sagt») und «Berliner Zeitung», die einwirft, dass Schmidt «noch nicht sehr lange über seinen Abschied nachgedacht haben» könne: «Noch vor einem Jahr hatte er erklärt, er wolle Sat 1 lebenslang die Treue halten», und erst seit dem Sommer dieses Jahres sendete er ja gar fünf- statt viermal pro Woche.
Dass auch die Gegenseite zu differenzierterer Argumentation fähig ist, beweist die «Welt» aus dem Hause Springer. Sie schreibt Schmidt die Ahnung, «dass das Konzept sich bald totlaufen könnte», sowie die Vertrags-Option, «die Sendung von sich aus einzustellen, falls Hoffmann geht», zu: «Es ist enttäuschend - nicht nur der Abschied an sich, auch Form und Ton».
Nachweislich enttäuscht hat zumindest der gesunkene ProSieben-Sat.1-Aktienkurs, melden das
'Handelsblatt'
und handfester die
'Financial Times Deutschland'
, die «handfesten Streit» im Aufsichtsrat antizipiert.
Mehr im Internet: Zu den Artikeln |
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Schmidt- Altpapierkorb
Weitere Schmidtensien im Schnelldurchlauf: «Was seine derzeitige Akzeptanz unter Kritikern, Literaten, Künstlern und anderen Wimpernzupfern angeht, so verschwindet der Late-Night-Mann auf dem Höhepunkt seiner Karriere» (
'SZ'
, Medienseite). +++ «Harald Schmidt muß sich darüber keine grauen Haare wachsen lassen - die hat er schon»: das
'FAZ'
-Feuilleton hat seinen renommierten Humor nicht verloren. +++ «Muss Schmidt da nicht, darf er nicht die Hände in den Schoß legen und der Selbstvernichtung der Belanglosen zusehen?» (Roger, sprich: Rodschrr oder wie nochmal?, Willemsen im
'SZ'
-Feuilleton). +++ «Langweiliger kann Fernsehen nicht sein. Spannender auch nicht»: dialektisches Grundseminar in Schmidtologie, von Bettina Gaus in der
'taz'
. +++
Noch
drei
Kommentare
auf der «zweite meinung»-Seite der «taz». +++
Einer
in der «FR». +++ «Also, als mein Papa damals live in der Harald-Schmidt-Show war, werden meine Kids in ein paar Jahren im Kindergarten herumerzählen...» (
'Tagesspiegel'
). +++ Was bleibt (Harald Martenstein
ebd.
) +++ Wie Schmidt und Herr Andrack am vergangenen Freitag Schwyzerdütsch lernten (
Transkription
der «Berliner Zeitung»). +++ Und was die Schwyzer
schreiben
...
Non-Schmidt-Altpapierkorb
Was Claus Kleber
neulich in der 'Welt'
sagte, hat er nicht so gesagt bzw. gemeint bzw. autorisiert. Das habe der ZDF-Mann an die doch nicht so hart kritisierten ARD-Kollegen geschrieben, weiß die «FAZ» (S. 39). +++ Jetzt ist Kleber fürs ZDF «unterwegs an Sindbads Küsten» (
'Berliner'
,
'FR'
). +++ In Berlin streikten sozusagen freie Mitarbeiter der RBB-«Abendschau»,
berichtet
der «Tagesspiegel». +++ Zwischenbilanz nach einer Woche fürs RBB-Kulturradio? In der
'Berliner'
. +++ «Das unverbrämte Porträt einer jungen Prostituierten» im ZDF?
'FR'
. +++ Neu am ARD-Vorabend: Komiker Lee Evans (
'SZ'
,
'FR'
,
'Berliner'
). +++ Neues über Fußball-Fernsehrechte?
'Welt'
. +++ 30 Jahre Skigymnastik beim Bayerischen Rundfunk?
'taz'
. +++ «Psi-TV erobert die Sendeplätze»?
'Welt'
. +++ Ein neues Buch über die Geschichte der Medienunternehmen der SPD?
'Tagesspiegel'
. +++ Könnte der Late-Night-Veteran Thomas Koschwitz in Schmidts Fußstapfen stapfen? Beim Sat.1-Frühstücksfernsehen ist er bereits wieder, weshalb die «Welt» ihn
interviewt
. +++ Was die ARD 2004 so bringen wird? «Hmpf»,
kolumniert
die «taz». Aber vielleicht gelingt der ARD-Programmplanung ja noch ein Coup...Auch am Tag 1 nach der Ankündigung des Endes der Harald-Schmidt-Show auf Sat.1 wird sich der Altpapierkorb wieder gegen 9.00 Uhr füllen.
Für das Web ediert von Christian Bartels