Altpapier vom Samstag06. Dez 2003 10:18, ergänzt 12:14
Zu den vornehmsten Aufgaben des Kabaretts zählt es seit jeher, der Gesellschaft, an die es sich wendet, den Spiegel vorzuhalten, auf dass deren Mitglieder sich an die eigene Nase fassen... Reine Theorie inzwischen, natürlich. Spätestens seit der Postmoderne ist alles viel komplizierter. Jedenfalls: Harald Schmidt, von dem man in den letzten Wochen, Monaten, Jahren zusehends meinte, seine Relevanz könnte ganz allmählich schwinden, vielleicht sogar umgekehrt proportional zur Sendezeit, hat wieder einen Coup gelandet. Und vor laufender Kamera Zivilcourage bewiesen. Kaum eine Medienseite mochte heute auf das «Mediennutten»-Zitat aus der Schmidt-Show von vorgestern verzichten, mit dem u.a. der Entertainer auf die Entlassung des Sat.1-Geschäftsführers Martin Hoffmann reagierte. Hat da jemand einen Nerv getroffen? Direkte Transkriptionen der Passage finden sich in der
'Berliner Zeitung'
, dem
'Tagesspiegel'
und der «FAZ» (S. 42, nicht frei online).Und auch, wenn sich daran locker eine Debatte über die Praxis der Transkription von Fernsehdialogen aufhängen ließe («Tagesspiegel»: «Kaufen wir uns ’ne Sauerstoffmaske, wo jetzt alles aufwärts geht»/ «Berliner»: «Kaufen wir uns Sauerstoffmasken, wie es jetzt so aufwärts geht»/ «FAZ»: «Kaufen wir uns Sauerstoffmasken, so wie's hier jetzt aufwärtsgeht» - ja, welches ist denn die autorisierte Fassung?), so ginge dies doch am betrüblicheren Kern der Chose vorbei. Die «Frankfurter Rundschau» verwendet das «Mediennutte»-Zitat im Fließtext und sieht den Plan einer schweizerischen «Blockbildung» bei Sat.1 durchschimmern, parallel zur österreichischen beim «Hauptkonkurrenten RTL», wo das Gespann Gerhard Zeiler/ Hans Mahr zwar «sterbenslangweiliges» Programm macht («taz»), aber eben nicht in den Augen der Quoten-Controller. «Roschee» spricht er sich aus, der «sich selbst als 'leidenschaftlichen Journalisten' bezeichnende Ökonom (der seinerzeit einen weltweiten Wettbewerb unter Wirtschaftsstudenten gewann)», beantwortet umständlich der
'Tagesspiegel'
Schmidts weitere Frage nach dem Schawinski-Vornamen.Was aber würde Harald Schmidt sagen, sähe er
dsas spektakuläre Schawinski-Bild aus der «Berliner Zeitung», das den Schweizer «als Radiopirat in Zürich 1983» zeigt?Es entstammt dem medienhistorischen Dokumentarfilm «Jolly Roger» und lässt sich auf der
Webseite
dazu mit etwas Klicken aufrufen (unter «Bilder»). Seinen Titel trägt der Film wohl zu Ehren Schawinskis. Schließlich gingen, berichtet die «Berliner», «tausende junge Leute auf die Straße», als anno 1980 dessen Piratensender «Radio 24» geschlossen werden sollte.Einerseits also mag die «taz» schon Recht haben, wenn sie als Konsequenz aus Urs Rohners «alttestamentarischem» Hass auf Martin Hoffmann kommen sieht, dass aus Sat.1 ein Sender werde, «für den man sich nicht mehr sonderlich zu interessieren braucht», und es «so etwas wie Harald Schmidt nie wieder geben» wird. Andererseits: Die investigative «SZ» (die ihre dies-und-das-Geschichte gleichfalls an der «Schmidt»-Show vom Donnerstag aufhängt, wenngleich ohne das «Mediennutten»-Zitat), hat bereits gehört, dass Schawinski «am Freitag bei einer seiner ersten Aktionen im Hause Sat.1 den Star-Talker angerufen und ein Essen nächste Woche ausgemacht» habe.
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Altpapierkorb Schauen wir nach vorn. Jetzt könnte das gebührenfinanzierte Fernsehen doch Martin Hoffmann holen. Gibt's Neues zur Gebühren/Qualitäts-Debatte? Der ZDF-Fernsehrat verfasste eine zehn-Punkte-Erklärung (
diese
), «die außerhalb des Justitiariats des Senders wahrscheinlich niemand versteht», meldet die «FAZ» (S. 42). Es liefe aber ungefähr darauf hinaus, dass alles bleiben solle, wie es ist. +++ Und wenn die ARD-Chefs denken, sie könnten über die
Fortführung
von «Bunte-TV» entscheiden, liegen sie falsch. Die «Bunte» selbst entscheidet «sehr entspannt» auch mit, «ob und wie wir verlängern», wollte Geschäftsführer Philipp Welte
mal
gesagt
haben. +++ Öffentlich-rechtliches Qualitätsfernsehen hingegen:
Rudolf Kowalski
ist Klaus Schucht, bzw. der exzellente Hauptdarsteller des Treuhandanstalt-Dokudramas «Verkauftes Land». Am ausführlichsten (
hier
die Hintergründe,
da
die Kritik) berichtet die «Berliner Zeitung». Welches Detail inhaltlich ärgerlich sei,
erläutert
in der «SZ»
Hans Leyendecker
. Siehe auch
'Tagesspiegel'
. +++ Wenn das russische Staatsfernsehen berichtet, dem Kommunistenführer Gennadi Sjuganowsei sei ein Museum gewidmet worden, muss das nicht wahr sein. Es kann auch «schwarze PR» sein, ein in Moskau florierender Zweig des Mediengeschäfts. Die
'taz'
berichtet. +++ In Petrosawodsk, Hauptstadt der an Finnland grenzenden russischen Provinz, erscheinen mindestens sieben Zeitungen, was aber nicht darüber hinweg täuschen kann, «daß es um Kareliens Pressefreiheit schlecht bestellt ist»,
berichtet
die «FAZ». Die überdies aus Moskau vom erfolgreichen Enthüllungs-Buch der Politikjournalistin Reporterin Jelena Tregubowa berichtet (S. 42), dessen Titel sie mit «Geschichten eines Kreml-Diggers» übersetzt. +++ Sieh an, Heinz van Nouhuys, der 1971 Hugh Hefner davon überzeugte, dass «die Deutschen einen eigenen 'Playboy'» bräuchten, konnte dann Helmut Markwort, der damals u.a. «Ein Herz für Tiere» machte, nicht davon überzeugen, Doppel-Chefredakteur für «Quick» und eben den «Playboy» zu werden. Mit van Nouhuys
unterhielt sich die 'FR'
. +++ «Warum essen so sexy ist», reflektiert die aktuelle «Brigitte», woraufhin die «SZ» «Kann es eigentlich sein, dass viel zu viel Sex in der Welt ist?» fragt und so
ihrerseits
«das Original der Auszieh-Kultur» zum 50. Geburtstag würdigt. +++ Die
'Berliner Zeitung'
kommt irgendwie nicht damit zurecht, dass Johannes Heesters in der ARD erst gefeiert und hinterher kritisiert wurde, als Star der Nazi-Ära. Etwas präziser ist da die
'FR'
. Bzw. vor allem ja die
'Welt' von gestern
. +++ Der
'FR'-Berichterstattung
über Katja Keßler und Elefant Ferdinand wollte die «SZ» noch
was
hinzufügen. +++ Falls zwei eifrige Zeitungsleser, die «neulich abends in der Umkleide einer Westberliner Trendsporthalle» ihre Lesefrüchte beredeten, auch die
'taz'
lesen sollten, so könnten sie sich wundern. +++ Überhaupt macht die Kolumnisierung der «taz» weitere Fortschritte. Auch
'der wochenendkrimi'
ist ein wiederkehrendes Element. «Als Opferpsychogramm funktioniert 'Der Schächter' (dank des still auftrumpfenden Nikolaus Paryla) - als Krimi nicht», heißt's da zu dem Film, zu dem die
'SZ'
meint: «Der Antisemitismus-'Tatort'» kommt «nicht ohne Klischees aus», aber «zum richtigen Zeitpunkt». Harte Kritik übt hingegen die
'FR'
. +++ Die dagegen eine am vergangenen Wochenende gestartete britische Krimireihe im ZDF
empfiehlt
. +++ Einer «abgründigen Kollaboration» auf Kosten von rund 3000 Kindern im kanadischen Quebec widmet sich heute um 18.00 Uhr eine Arte-Dokumentation, die die
'SZ'
eingeschränkt empfiehlt. +++
Radiotipps
. +++ Und ein
Spar-Tipp
von der «taz».Der Altpapierkorb füllt sich am Sonntag wieder gegen 10.00 Uhr.
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