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Altpapier vom Samstag

28. Jun 2003 10:04, ergänzt 12:30


«Ein Fall von Borderline?», fragte gestern die «Süddeutsche» in der Bildunterschrift zum Artikel über das Buch «Mitten in Afrika», in dem sich Uta Ackermann ihr Leben als Afrika-Korrespondentin zusammengereimt hat. Und offenbar muss man sich (nicht nur bei der 'New York Times' ) in regelmäßigen Abständen immer mal wieder fragen, ob Journalisten Geschichten (bzw. gleich ganze Biografien) lieber erfinden als sie zu recherchieren. Manchmal schreiben sie aber auch einfach nur ab.

Am vergangenen Donnerstag jedenfalls erschien im «Tagesspiegel» ein Text von Malte Lehming, der sich mit einem «vermeintlich neuen Typ von Mann», dem «Metrosexual» befasst. Das Problem: Einige Passagen von Lehmings Artikel erschienen wenige Tage zuvor bereits – in der 'New York Times' . Oder wie's die «taz» formuliert: «Was Lehming als eigenes Werk vorgibt, ist nichts anderes als Übersetzung mal wörtlich , mal zusammenfassend.»

«Angesprochen auf die Abschrift räumt Lehming ein, dass die Übernahmen 'grenzwertig' seien», ergänzt die «Rundschau», die sich außerdem vom stellvertretenden Chefredakteur des «Tagesspiegel», Stephan-Andreas Casdorff, versichern ließ: «Hier ist nichts erfunden worden.» Nein, erfunden nicht. Aber offenbar muss man sich nun auch in regelmäßigen Abständen immer mal wieder fragen, ob Journalisten Geschichten lieber abschreiben als sie selbst zu recherchieren.

Dass ausgerechnet Lehming im «Tagesspiegel» zuvor (nicht nur einmal) über den «NYT»-Reporter Jayson Blair berichtete , der «aus anderen Zeitungen abgeschrieben» hat, trägt sicher nicht dazu bei, die «Abschrift» im «Tagesspiegel» mal eben so einfach zu entschuldigen. «Wer schreibt, will wirken, Anerkennung, Ruhm. Die Moral kommt manchmal zu kurz», schrieb Lehming Mitte Mai in der «Tagesspiegel»-Kolumne «Medienrepublik». Jetzt muss nur noch jemand vorgeben, an welchem Punkt die Moral einzusetzen hat.

«Ach nein, es gibt doch nirgends eine Extra-Truppe, die da sitzt und sich ständig fragt: Wie machen wir jetzt einen ordentlichen Skandal – auch bei der 'Bild'-Zeitung nicht. Skandale kommen und gehen. Das wichtigste Kriterium ist: Jemand tut etwas, was man ihm überhaupt nicht zutraut, was einen überrascht, enttäuscht oder gar entsetzt», sagt derweil Ex-«Bild»-Chef Hans-Hermann Tiedje auf die Frage «Herr Tiedje, wie zettelt man als Zeitungsmacher einen ordentlichen Skandal an?» – und plaudert im Interview mit dem Magazin der «Frankfurter Rundschau» anschließend ganz entspannt über die (Medien-)Affäre Friedman.

So entspannt, dass die Interviewer Hans-Helmut Kohl und Mark Obert es gar nicht fassen können und deshalb immer und immer wieder nachhaken, um Tiedje doch noch zu entlocken, wie sehr sich die Medien mit ihrer Berichterstattung über Friedman bisher schon die Finger schmutzig gemacht haben. Nur springt der «Medienprofi» eben nicht drauf an. («Es sieht nach Vergebung aus in den Zeitungen», findet auch die 'Berliner' .) Und genau das macht das Interview so lesenwert.

Das – und die Erkenntnis, dass man nicht immer nur von anderen übernehmen muss, was einem gut gefällt. Nicht jedenfalls, wenn man selbst so viel Intelligentes zu sagen hat .


Mehr im Internet: Zu den Artikeln


Altpapierkorb

Noch so ein Déjà vu: Die 'Rundschau' hat sich mit Fritz Pleitgen (und nicht etwa Jobst Plog ) über die wieder gewonnenen Bundesligarechte der ARD unterhalten, über die zwar schon (fast) alles geschrieben, aber offenbar doch noch nicht alles gesagt wurde. +++ Und während sich ausgerechnet die 'Süddeutsche' mit einem knappen Zweispalter zum Bundesliga-Deal einigermaßen zurückhält, schildern 'Tagesspiegel' und 'Berliner' ausführlich, was in der kommenden Saison nun eigentlich wo gesendet wird (siehe auch 'Welt' , 'FR' und Netzeitung ). In der 'FAZ' darf außerdem RTL-Chefredakteur Hans Mahr ein bisschen polemisieren. Und in der 'taz' verhandelt die ARD noch immer – aber nur des frühen Redaktionsschlusses wegen und an dieser Stelle ja auch schon korrigiert. +++ Mal was anderes aus der Fernseh-Welt des Sports? Die ARD versendet Wimbledon im Mittagsprogramm, ohne sich dabei viel Mühe zu geben: «Engagement ist wenig zu erkennen, allenfalls Routine», ärgert sich die 'Berliner' . +++ «Kerner können wir weitgehend ignorieren»: Die 'taz' hat sich angesehen, wie Reinhold Beckmann bei JBK über sein Leben plauderte. +++ Die 'SZ'-Wirtschaft porträtiert «Ministerpräsident und Medienunternehmer» Silvio Berlusconi und im 'Wochenende' die «Bild»-Telefonberaterin Marija Schwepper. +++ «Und dabei fahren sie von Bonn nach Bingen», steht über der «FAZ»-Kritik zu « Blind Date 4 , London – Moabit» (Seite 44). Während der «FAZ» allerdings Olli Dittrichs Improvisationstalent besser gefiel, schätzt die 'Süddeutsche' das von Anke Engelke. +++ Warum muenchen.de im «Focus»-Test erst einen Spitzenplatz belegte und später von «Tomorrow» verrissen wurde, obwohl beide Blätter irgendwie zusammengehören, erklärt sich die 'taz' nicht mit redaktioneller Freiheit, sondern mit einem Gerüchtchen. +++ Reinhard Abels? Ein Bürgerkonvent? Das Wollen von Vielen? Unbekannte Geldgeber? Die 'Süddeutsche' ! +++ «Libération» und «Berliner Zeitung» sind ausgezeichnet worden, meldet die 'Berliner Zeitung' . +++ «Am 1. Juli steigt der Einzelverkaufspreis der Süddeutschen Zeitung in Deutschland (…) um jeweils 10 Cent. Mit dieser Preiserhöhung wollen wir in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation die redaktionelle Qualität und Unabhängigkeit sichern»: «Süddeutsche», Seite 2. +++ «Das neue Kulturradio des RBB startet am 1. Dezember»? Etwas mehr dazu im 'Tagesspiegel' . +++ Boris Becker hat seinen Prozess gegen die «FAZ» gewonnen (siehe Netzeitung ) und Rewe streitet mit Kirch? Mehr dazu in der «Süddeutschen». +++ Wenn Wal-Mart in den USA Männer- und Frauenzeitschriften mit «dreiviertelnackten Mädchen» in Schutzhüllen verkauft, findet das die «FAZ» ernsthaft sinnvoll. Mehr Schnipsel von der Medienseite (44): Es gibt «doch kein Nacktdruck-Verbot» seitens der EU (siehe auch 'Bild' ), «Kinderquatsch mit Michael» ist nicht abkupfergeschützt und Israel stellt seine Kontakte zur BBC ein. +++ Im Irak erscheint neuerdings eine unabhängige Wochenzeitung, berichtet die 'SZ' . +++ Und in der 'taz' schreibt Silke Burmester: «Dies ist der Moment, den kein Redakteur erleben will: Die Autorin liefert etwas anderes ab als abgesprochen.» Aber der Redakteur (oder die Redakteurin?) rächt sich ja angemessen.

Am Sonntag füllt sich der Altpapierkorb
wieder ab ca. 10 Uhr.

 
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