Schily zur «verschlossenen Auster» gekürt
29.04.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Punktsieg für Otto Schily: Bei der Verleihung des ersten Medienpreises für «zugeknöpften Umgang mit den Medien» bekam der Bundesinnenminister Applaus von weit über 100 Journalisten.
Fernsehjournalist Ulrich Kienzle hielt vor der Verleihung der «Verschlossenen Auster» am Samstag auf einer Konferenz der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche die «Laudatio»: Otto Schily sei der erste deutsche Politiker, der nach dem Vorbild Bill Clintons «Agenda Setting» und «Agenda Cutting» betreibe und sich lieber mit geretteten Polizeipferden fotografieren ließe als kritischen «Monitor»-Journalisten Interviews zu geben. Daher gelte es inzwischen als «journalistisches Statussymbol, von Otto Schily keine Interviews zu bekommen». Als «großer Schweiger» stehe der Innenminister für das «Ende einer Jahrzehnte alten Informationskultur» in Deutschland.
Vertraulichkeit «nicht just for fun» Eine gute Vorlage für die launige Gegenrede des extra eingeflogenen SPD-Politikers. Vor den versammelten investigativen und anderen Journalisten fragte Schily zurück: «Helmut Kohl als Symbol der Informationskultur?» und erntete Lacher. Dass das Informationsfreiheitsgesetz der Bundesregierung noch nicht verabschiedet sei, liege an Bedenken aus «anderen Ressorts», überhaupt seien es oft dieselben, die einerseits Informationsfreiheit fordern und andererseits mangelnden Datenschutz durch den Staat beklagen. Auch den Vorwurf des «Agenda Setting» reichte Schily weiter und nannte ein Beispiel aus der «Süddeutschen Zeitung», deren Redaktionsmitglied Hans Leyendecker zum Vorstand des Netzwerk Recherche gehört: Die Zeitung brachte die Meldung «Scharon kündigt 'totalen Krieg' an» auf ihrer Titelseite. Die Korrektur des auf einem Übersetzungsfehler basierenden Zitats habe Tage später «auf einer hinteren Seite ganz unten» gestanden.
Aktuell beklagte Schily den Ehrgeiz der Zeitungen, vertrauliche Dokumente zu veröffentlichen, wie am Wochenende BKA-Berichte über angeblich geplante Selbstmordanschläge in Deutschland. Dabei würde sein Ministerium solche Dokumente «nicht just for fun» als vertraulich einstufen.
Alle konnten zufrieden seinKünftig wird er, versprach Schily am Ende seiner Rede, sich auch wieder kritischen Interviews von TV-Magazinen wie «Monitor» und «Panorama» aus dem NDR stellen. Weil der NDR als Unterstützer der Konferenz den Veranstaltungsort stellte und NDR-Journalisten besonders zahlreich anwesend waren, konnten alle zufrieden sein. Schily bekam noch zu hören, dass er in Konkurrenz zu Jürgen Trittin, Herta Däubler-Gmelin und Bela Anda vor allem deswegen als Preisträger ausgesucht worden ist, weil man wusste, dass er eine vernünftige Rede halten würde - und wurde wieder zum Flughafen gefahren.
Ungleich brisanter war im Anschluss an die Preisverleihung das gescheiterte Streitgespräch zwischen SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig und Edmund Stoibers Medienberater Michael Spreng (die Netzeitung berichtete).