Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Mittwoch03. Dez 2008 08:43, ergänzt 23:18  |  Gilt als integriert und niemand fragt sich, welcher Herkunft er ist: Günther Jauch | Foto: Promo |
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Was ist schon selbstverständlich? Qualität, Zeitungen und Internet. Sowie Günther Jauchs Herkunft.
Von Qualität ist in Zusammenhang mit Zeitungen erst die Rede, seit es das Internet gibt. Irgendwie muss man sich ja unterscheiden, und irgendwie braucht daher jeder Gründe für sich.
Daland Segler hatte in der
'FR'
gestern gegen das Internet gewettert (aber eigentlich den Qualitätsschwund in den Zeitungen gemeint). Prompt wettert Christian Stöcker auf dem in diesem Kontext erwähnten
'Spiegel-Online'
zurück:
Segler hat recht: Es gibt in Online-Medien immer noch viel zu viele Tippfehler, und manchmal auch inhaltliche. Auch bei SPIEGEL ONLINE. Das Gute am Internet ist: Man kann sie korrigieren.
In der Zeitung ist das bekanntlich schwieriger, was aber nicht heißt, dass dort keine Fehler vorkommen.
Dass man auch ohne Zeitdruck Fehler machen und Stilblüten niederschreiben kann, zeigt der Printjournalist Segler selbst sehr anschaulich: In seinem Text erfindet er einen Superlativ des nicht steigerbaren Adjektivs «öffentlich», in einem einzigen Absatz macht er zwei Kommafehler.
Das ist natürlich richtig. Aber vielleicht sollte diese Debatte einfach auf einem anderen Niveau geführt werden. Und um den Gegenstand, um den es wirklich geht:
Es ist in der Tat traurig, was in der deutschen Medienlandschaft derzeit passiert: Redakteure werden entlassen, Magazine eingestellt, Redaktionen zusammengelegt. Und es ist in der Tat ein Problem, dass für Werbung im Web verglichen mit Werbung auf bedrucktem Papier vielfach immer noch viel zu wenig bezahlt wird. Das muss sich ändern. Ob aber ausgerechnet Kollegenschelte und Publikumsbeschimpfung den Weg aus der Krise weisen?
Die
'Berliner'
schlägt zum Thema einen sachlicheren, ja technischen Ton an. Roland Mischke hat das Buch «Mediennutzung in der Webgesellschaft 2018» von Lothar Rolke und Johanna Höhn gelesen.
Die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten im Internet werden nicht nur von jüngeren Generationen in größter Selbstverständlichkeit genutzt, sondern inzwischen auch von 35- bis 60-Jährigen. Dass so viele Menschen es innerhalb kurzer Zeit gelernt haben, mit einem Medium umzugehen, mit dem vor allem Ältere zunächst fremdelten, verheißt dem Internet eine große Zukunft. Es wird 2018, haben die Experten in ihrer Trendstudie hochgerechnet, über Werbeeinnahmen verfügen wie der Zeitungsmarkt heute.
Wie mit der Qualität im Streit zwischen Zeitung und Internet ist es mit der Herkunft im Blick auf Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund. Integration, heißt das Zauberwort, das in seiner wahren Bedeutung aber noch gar nicht begriffen ist.
Das legt zumindest ein bemerkenswerter Beitrag von Hans Hoff in der «SZ» (Seite 17) nahe. Der begreift Integration nämlich nicht nur als Anpassungsleistung vor Migrationshintergrund.
Wer einen komischen Namen hat, muss erst einmal sagen, wo er herkommt... Ein wenig klingt das immer so, als müsse man das sagen. Quasi zur Entschärfung. Ist nicht böse, tut nichts, kommt von hier, lautet der unausgesprochene Subtext, der belegt, dass es trotz des großen Lobs, das eine Serie wie Türkisch für Anfänger gerade in der ARD einfährt, noch ein ziemlich weiter Weg bis zur Selbstverständlichkeit einer fröhlichen Vielfalt ist. Zumindest so lange, wie es niemandem einfällt, bei Günther Jauch immer wieder zu betonen, dass er in Münster als Kind deutscher Eltern geboren wurde?
Wie weit der Weg zur Selbstverständlichkeit des kulturellen Miteinanders noch ist, nachdem die Selbstverständlichkeit von Günther Jauchs Eltern in Frage gestellt ist, zeigt allerdings der Anlass des Beitrags.
Der WDR macht unter dem Titel «Cosmo TV» Integrationsfernsehen zu einer «jämmerlichen Sendezeit»:
Sonntags von 15.55 bis 16.25 Uhr wird das Thema abgehakt.
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Altpapierkorb
+++ Dabei lehrt das Arte-Programm, dass es auch ganz anders geht: 600 Minuten Sendung zu einem griffigen Thema wie der «Apokalypse» ohne schlechtes Laienspiel, nur mit Menschen, die etwas erklären – und das zur besten Sendezeit. So kennzeichnet die 12-teilige Reihe eine visuelle Kargheit, die kein deutscher Programmdirektor auch nur um 23 Uhr auf ein Drittes Programm lassen würde. Heißt es in der «SZ» (Seite 17). Und auch
'taz'
und «FAZ» (Seite 36) sind begeistert. Nur Harald Keller meint in
'FR'
(im
'KStA'
beschreibt er den «Apokalypse»-Stil gemeinsam mit «Kna»): Somit werden die Anhänger einer puristischen Gestaltung, denen szenische Nachstellungen ein Gräuel sind, hier höchste Befriedigung erlangen. Beim übrigen Publikum sind Ermüdungserscheinungen nicht auszuschließen. +++ Wo wir beim Fernsehprogramm sind: Eine neue Johannes-Mario-Simmel-Neuverfilmung ist anzuzeigen, bei der aus Gründen der Aktualisierung die Schatten der Nazi-Vergangenheit durch die Schatten der RAF-Vergangenheit ersetzt wurden. Tilmann P. Gangloff ist in
'FR'
und
'KStA'
von dieser Idee begeistert: Sie ist brillant.. +++ Das sieht Barbara Sichtermann im
'Tagesspiegel'
anders: Die RAF kann einem geradezu leidtun, dass sie und ihr zwiespältiger Mythos auf derart schamlose Weise zur Konstruktion von Effekten (Buch: Günther Schütter) ausgenutzt wird. +++ Die
'Berliner'
spricht mit der Hauptdarstellerin Iris Berben. +++ Wenig Widerrede dürfte indes das
'taz'-Lob
für die jüngste Simpsons-Staffel hervorrufen. +++ Groß ist der Ärger indes beim
'Tagesspiegel'
über das Ende von Klaus Walters HR2-Radiosendung «Der Ball ist rund». +++ Groß ist auch der Ärger über die Absetzung der HR-Sendung «Herrchen gesucht», die nach Senderangaben zuletzt zu wenig Leute geschaut haben – ein Agenturbericht auf
'Welt-Online'
und beim
'KStA'
. +++
Letzterer
informiert noch einmal über die DW und China sowie deren Pläne für die Zukunft. +++ Die DW und ihre usbekische Partnerorganisation (
'taz'
). +++ Der Rückzug von Condé Nast-Geschäftsführer Bernd Runge ändert nichts am Fortbestand von «Vanity Fair», hat der
'Tagesspiegel'
herausgefunden. +++
Ebenda
: Wie ein Gerichtsmediziner den eigenen Berufsstand im Fernsehen repräsentiert sieht. +++ Hans Leyendeckers Laudatio auf Peter Merseburger, der vom Netzwerk Recherche den «Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen» erhält auf
Sueddeutsche.de
. +++ Besondere mediale Scharmützel unserer Tage: Nokia vs. Google (
'FAZ'
). +++ Und Berlusconi vs. Murdoch (
'FTD'
, «FAZ», Seite 16). +++ Schleswig-Holstein vs. «Rotten Neighbor» («SZ», Seite 17). +++ Ebenda: Der Kampf ums Überleben bei der liberalen türkischen Zeitung «Taraf». +++ Ab 2014 will das IOC für Olympia-Übertragungen mehr Geld und deshalb nicht mehr mit der EBU, sondern mit den Ländern einzeln verhandeln (
'KStA'
). +++ Eine akustische Flaschenpost fürs Jahr 2099 (
'FR'
). +++ Bis dahin: Wir müssen uns mehr/wieder Familiengeschichten erzählen (
'FAZ'
). +++ Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.
Für das Web ediert von Matthias Dell |