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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Dienstag

02. Dez 2008 08:20
Nicht Reich-Ranicki, sie ist das Role Model unseres Unbehagens: Elke Heidenreich
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Es ist nicht leicht, schwierig zu sein: Die Qualitätsdebatte in unserer Gesellschaft geht weiter.



Sagen wir es doch einmal so:

Es gibt Zeiten im Leben, in denen Innehalten, Reflektieren und das Suchen nach neuen Herausforderungen immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Die 'SZ' nennt das «blumig». Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass der Satz nicht aus dem letzten Rosamunde-Pilcher-Film oder dem Hausschatz deutscher Dichtung stammt.

Sondern von Bernd Runge, dem deutschen Condé Nast-Geschäftsführer, der so seine Mitarbeiter-Mail beginnt, in der er seinen Abschied nach elf Jahren verkündet. Weil in einer rationalisierten Welt wie der unseren das Innehalten, Reflektieren und Suchen als Erklärungsmuster nicht hoch im Kurs stehen, wird naturgemäß nach anderen Gründen für Runges Abschied gesucht.

So listet meedia.de etwa nüchtern auf:

«Glamour» verkauft sich am Kiosk zwar noch 251.092 mal - das ist allerdings die geringste Verkaufszahl in einem dritten Quartal seit der Umstellung der Erscheinungsweise auf 14-täglich im Jahr 2003. Immerhin: Die Zahl der Abonnentinnen erreichte mit 28.466 Rekordstand. Bei den ZAS-Zahlen sieht es schlecht aus: Mit einem Minus von 8,6% auf 1.408,5 gedruckte Anzeigenseiten ist «Glamour» im Verlag der größte Verlierer im aktuellen Jahr.

Auch auf dwdl.de wird Runges Abschied vermeldet und seine Leistung gewürdigt. Verschwiegen werden nicht überall die Gerüchte um eine IM-Tätigkeit des einstigen ADN-Korrespondenten.

Wir wollen ihn lieber als Romantiker in Erinnerung behalten, der das komplexe Verhältnis von Eros und Thanatos in so schöne, bildunterschriftenkompatible Sätze fassen konnte wie bei diesem euphorischen 'FAZ'-Interview vor nicht einmal zwei Jahren:

«Wir dürfen nicht monatlich in Schönheit sterben»

Aber wir halten ja auch gern inne, reflektieren und suchen nach herausfordernden Gedanken. Und wir sind damit nicht allein.

Nachdem die bekannte Professorin und Medienkennerin Miriam Meckel im aktuellen «Spiegel» (siehe Altpapier von gestern ) eine Art «Deutschland sucht den Bartleby» ausgerufen hat, machen sich heute gleich mehrere Beiträge auf die Suche nach Antwort auf die Frage, was Dissidenz im gut geölten, vulgo schmierigen Medienbetrieb von heute sein könnte.

Die Arbeit am Begriff, wenn wir – auf den Spuren der Wissenschaftlerin Meckel – einmal oberlehrerhaft anmerken dürfen, fällt dabei allerdings nicht immer scharf aus.

So stellt der HR-Moderator Holger Weinert in der «FAZ» (Seite 38) fest:

Ausgerechnet Reinhold Beckmann, der schon viel kritisierte, demonstrierte zuletzt, wie es auch anders geht: in einem 52 Minuten langen Interview mit dem Finanzminister, das dicht und überhaupt nicht langweilig war.

Wogegen Else Buschheuer, die im 'Tagesspiegel' aus dem Nähkästchen ihrer eigenen Dissidenzerfahrung plaudert, ganz grundsätzlich fragt:

Warum beherrscht der servile Interviewstil von Beckmann und Kerner die 23-Uhr-Schiene im ersten und zweiten Programm und gute Leute wie Böttinger und Domian versauern im Dritten?

In der 'FR' macht sich Daland Segler nicht weniger grundsätzlich Gedanken über die Zeitungen, die Krise und das Internet:

Arbeitskraft wird ja heute nicht mehr als Wertschöpfung (die sie bleibt) angesehen, sondern als Kostenfaktor (der sie nur in Sklavenhaltersystemen nicht ist).

Vielleicht ist die bittere Erkenntnis dieser Lektüren also, dass die einzige Utopie heute darin besteht, sich offen zum Sklavenhaltertum zu bekennen, weil man dann ungeniert von Kostenfaktoren reden kann.

«Der Mensch ist Mensch, weil er lebt», sagt Grönemeyer. Und Segler schreibt:

Um so etwas wie Motivation der Mitarbeiter geht es längst nicht mehr.

Ein Satz wie von Runge.



Altpapierkorb

+++ Ganz dick im Internet ist die CDU mit «CDU-TV» auf Youtube. Die 'taz' hat gelernt, «wie die Nasenlöcher von Ronald Pofalla von innen aussehen.» +++Die 'FTD' empfiehlt: «Wer schon einmal eine S-Bahn im Raum Dormagen von Innen sehen wollte - hier wird er bedient.» +++ Beim ORF soll dagegen gespart werden und zwar fast ein Drittel der über 3 000 Stellen ( 'Berliner' , 'taz' ). +++ Bei der DW aka Deutschen Welle wird Kritik an der angeblich nicht geübten China-Kritik zurückgewiesen ( 'Tsp' , 'Berliner' ). +++ Sind Computertechniker die wahren Ostalgiker? Nach der DDR (DDR-RAM) ist nun auch die SED zurück – als Technologie, die das Fernsehen der Zukunft sein könnte ( 'FTD' ). +++ Weist der Themenabend den Weg aus der Qualitätskrise des Fernsehens? ( 'Welt-Online' ). +++ Post von Veronica Ferres hat Frau Grimberg von der 'taz' erhalten. +++ Über die Karriere der beliebten Schauspielerin macht sich Bernd Gäbler in seiner 'Stern.de'-Kolumne . Und nennt den Mann, von dem sie sich getrennt hat, beharrlich Manfred Krug. +++ Wann die Bundesliga am Sonntagabend gezeigt wird, eruiert das 'Handelsblatt' . +++ Über einen Kritiker des griechischen Nationalismus orientiert die «FAZ» (Seite 38). +++ Die 'Berliner' annonciert den Tod ihres Iran-Korrespondenten Martin Ebbing und bittet um Spenden. +++


Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.

 
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