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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Montag

01. Dez 2008 10:06, ergänzt 11:01
Anne Will - zukünftige Rolle in der ARD noch unklar
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Hat die Medienkrise etwas mit fehlenden öffentlichen Toiletten zu tun? Ist Marcel Reich-Ranicki ein brüllender Biedermeier? Und soll «Anne Will» eine wichtigere Rolle einnehmen?

Folgendes: Wir haben gefühlte 2500 Artikel über die SZ gelesen, die alle nur ein Autor geschrieben hat, worauf wir wetten würden. In all’ diesen Berichten steht: Dass wir jetzt in einem hässlichen (stimmt nicht) Hochhaus am Stadtrand sind, dass es am Stadtrand nach Pipi riecht (stimmt nicht) und dass die Stimmung hier bei uns sehr, sehr schlecht ist (stimmt auch nicht).

So stand es am Samstag auf Seite II des «SZ Wochenende». Ob die Redaktion so vor allem mitteilen will, dass sie überhaupt nicht sehr, sehr schlecht drauf ist, oder ob sie so vor allem für größere Genauigkeit in der textlichen Aufbereitung der sog. Krise (Sie erinnern sich) plädiert? Man weiß es nicht.

Mitnehmen kann man, dass der Einzug in ein neues Hochhaus und der Geruch in einer Unterführung auf dem Weg zur Arbeit nicht als Symptome einer Krise zu deuten sind. Sondern als Folgen von Umzug und fehlenden öffentlichen Toiletten.

Die Krise zeigt sich anderweitig. Zum Beispiel kann man Alexander Gorkows Gespräch mit dem Komponisten Konrad Boehmer auf Seite VIII der Beilage entnehmen, dass es jedenfalls nicht zu verharmlosen ist, wenn viele Menschen Arbeit verlieren.

Nebenbei kann man dem Gespräch noch eine Meinung zu Marcel Reich-Ranicki entnehmen, mit der Boehmer seine These untermauert, die Gegenwart sei «Blümchentapeten-Biedermeier»: Ich liebe diesen Quatsch, sagt Boehmer. Reich-Ranicki ist doch die personifizierte Implosion des ganzen Systems: ein brüllender Biedermeier in grellem Gelände. Das versteinerte Top-Produkt der deutschen Unterhaltungsindustrie. Er hat sich doch von dieser Industrie immer verklären lassen – bis eben zu dem Moment, wo er sie nicht mehr bedienen konnte. Deshalb spuckt er nun allen, die sich da erheben und ihn beklatschen wollen, ins Gesicht.

Miriam Meckel greift im «Spiegel» (S. 184 f.) ebenfalls noch einmal Reich-Ranickis Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis auf, allerdings um anderes zu zeigen: «Deutschland braucht mehr von denen, die sich getrauen, abweichender Meinung zu sein. Nicht um des Prinzips, sondern um des Arguments willen. So selten gibt es sie, das jemand nur laut und in gediegener Atmosphäre 'Ich nicht' rufen muss, um zu behaupten, er bringe eine neue Farbe in die Eintönigkeit des jeweiligen gesellschaftlichen Diskurses. Marcel Reich-Ranicki ist dies gelungen, indem er bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises lauthals gegen den 'Blödsinn' im Fernsehen wetterte und sich weigerte, den Ehrenpreis anzunehmen.»

Was Meckel vermisse, schreibt sie, seien Folgen: Der Neinsager bricht die Regeln, aber doch nur die der formalen Inszenierung herrschender Meinung. Mit einem begründeten und überzeugenden Kontrapunkt in einer Debatte hat dies gar nichts zu tun. Haben wir in der Folge von einem einzigen neuen Ansatzpunkt zum Verständnis des Fernsehens erfahren? Ich wüsste nicht, wo.

Aber wir waren ja eigentlich bei der Krise und bei Menschen, die ihre Arbeit verlieren. Die diesbezüglichen Nachrichten gehen auch an diesem Montag weiter.

Der ORF streiche 1000 Jobs, schreibt die «SZ» (S. 15). Schuld: sinkende Werbeeinnahmen und Anlageverluste.

Die WAZ-Mediengruppe entlässt rund 20 Mitarbeiter ihrer Beilagen-Redaktion, meldet dpa. Ein WAZ-Sprecher sagte, der Vorgang habe mit den geplanten Umstrukturierungen bei den Redaktionen nichts zu tun. Der Deutsche Journalisten-Verband sprach von einem «unerträglichen» Verhalten, während laufender Verhandlungen über die Zukunft von 900 Beschäftigten in den WAZ-Redaktionen bereits Fakten zu schaffen.

Die Betriebsräte von Gruner + Jahr prüfen, ob die Kündigung von 110 Redakteuren in Köln und München mit juristischen Mitteln zu verhindern ist, schreibt die 'WamS'.

Und das «Handelsblatt» stelle seine Wochenendbeilage sein, schreibt kress.de, denn die Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB) «muss» sparen, und zwar möglicherweise 20 Millionen Euro. «Dabei handelt es sich nach kress-Informationen nicht um eine Sparvorgabe aus dem Hauptquartier der VHB-Mutter Holtzbrinck in Stuttgart, sondern um eine Ergebnislücke. Demnach sollen an den ehrgeizigen Zielen, die man sich für das laufende Jahr vorgenommen hatte, eben besagte 20 Mio. fehlen.» Auch die «Wirtschaftswoche», die zur Gruppe gehört, könnte betroffen sein. Auch meedia.de nimmt sich des Themas an – und verweist darauf, dass es «bei beiden Titeln nicht schlecht» aussehe, auflagenmäßig.

«Altpapier» plädiert für größere Genauigkeit in der textlichen Aufbereitung der Krise. «Insgesamt wird die VHB trotz des schwierigen Marktes im zweiten Halbjahr einen Gewinn schreiben, der dem Vernehmen nach bei rund 4 bis 5 Mio. Euro liegen soll», heißt es bei Kress weiter. Sie muss sparen?

Sie «muss» gar nicht sparen. Sie spart einfach nur.


Altpapierkorb

+++ Nachtrag: die Vergabe der Fußballübertragungsrechte ist abgeschlossen +++ Und das betrifft, da die ARD auch die Sonntags-Bundesligaspiele zusammenfassen darf, eventuell auch den Sonntagabendtalk: Was wird aus «Anne Will»? +++ Muss sie der «Sportschau» weichen?, fragt die 'FR' +++ Sollte sie aber nicht eigentlich eine größere Rolle spielen, fragte die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung»? Und meinte: doch, sollte sie. Oder halt, nein, sollte sie doch nicht. +++ Apropos «Anne Will»: Die Sendung vom Sonntag wird im 'Kölner Stadt-Anzeiger' besprochen.«Im Zweifelsfall produzieren auch öffentlich-rechtliche Sender die Events, über die sie anschließend diskutieren lassen, heutzutage selbst, kritisiert er. Was man so abnicken kann. Und dann kommt wieder die montägliche Will-kann-es-einfach-nicht-Prosa. Irgendwie scheinen die Kollegen vom »Stadt-Anzeiger« gar nicht richtig zuzuschauen, bevor sie ein Protokoll der Sendung schreiben +++ Auf faz.net gibt es seit Montag eineinhalb halbe Dutzend neuer Weblogs. Schreiben «Spiegel» (S. 113) und 'KStA'. Aber die Primärliteratur gibt's nur hier +++ Die «FAZ» legt auch den jahrelangen Streit mit dem Internetdienst Perlentaucher bei, mit einem Vergleich, schreibt die 'FR' +++ Nachdem viele Medien über das Buch «Edmund Stoiber. Aufstieg und Fall» des Reporters Rudolf Erhard berichtet haben, beschuldigt ihn Thomas Schuler in der 'Berliner Zeitung' , Rufmord an Stoiber begangen zu haben: Eine angebliche Affäre mit einer CSU-Bundestagsabgeordneten sei schuld an Stoibers Rückzug aus Berlin im Jahr 2005, behauptet Erhard darin. Diese Behauptung aber belege Erhard weder, noch habe er Stoiber überhaupt damit konfrontiert, so Schuler. Sie beruhe auf einem Gerücht: Es ist das vierte Buch über Stoiber. Die anderen drei erschienen, als er für das Kanzleramt kandidierte. Damals wollte man Stoiber kennenlernen. Aber heute, wo er seine Macht längst abgeben musste? Deshalb der Rufmord, um die Aufmerksamkeit auf ein Buch zu lenken, das im Grunde nichts Neues zu bieten hat? +++ In der 'taz' beklagt sich Franz Dobler über die Absetzung von Klaus Walters Musiksendung «Der Ball ist rund» im Hessischen Rundfunk: Zwischen Ballermannmentalität und provinziellem Hochkulturdünkel scheint es beim HR nichts zu geben. Der Hinweis, dass Walter auch für die «taz» schreibt, hätte dem Plädoyer für ein anderes Radio übrigens nicht geschadet +++ Ebd.: Der ARD-Dopingexperte Hans-Joachim Seppelt über den Graben zwischen Journalisten, die Sport als reine Unterhaltung betrachten, und Journalisten, die sich kritisch mit Sport auseinandersetzen +++ Die Uefa muss, so der «Spiegel», wegen des Bildausfalls im Halbfinalspiel der Fußball-EM zwischen Deutschland und der Türkei einen sechsstelligen Betrag an das ZDF zahlen +++ Der Prozess um den Mord an Anna Politkowskaja beschäftigt den «Spiegel» (S. 116) und die 'FAZ' +++ Die sich auch mit einer Geschichte befasst, die «Horizont» aufgeschrieben hatte (und die auch dwdl beschäftigte) +++ Und der Publizist Klaus Rainer Röhl wird 80. Anlass für Artikel in 'SZ' und 'Tagesspiegel'. Kurzzusammenfassung der beiden Einordnungen: Zampano, Windhund, einfallsreicher Blattmacher, fulminanter Agitator, ewiger Störenfried, Verkäufer, Archäologe der eigenen Geschichte und großer Wirrkopf

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Dienstag gegen 10.00 Uhr.

 
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