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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Dienstag

18. Nov 2008 09:57
Die Macht scheint zurückzukehren zu ihm, egal, ob er eine Theologie oder Theorie davon hat: Roland Koch (mit Dalai Lama)
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Mancher Schuss geht nach hinten los: Wikipedia. Aber nach vorn sollte immer optimistisch geschaut werden: Zeitschriftentage.

Auch das noch: das Papier wird teurer. Ist einem «Dossier» der 'FTD' zu entnehmen.

Aufgrund der zunehmenden Verlagerung von Medieninhalten ins Internet sinkt einerseits die Papiernachfrage. Auf der anderen Seite sind die Kosten für Holz, Energie und Transport deutlich gestiegen - wodurch in Summe die Margen der Unternehmen geschrumpft sind.

Die Zeitschriftenverleger, die sich gerade auf den «Zeitschriftentagen» in Berlin treffen, wäre sicherlich froh, künftig nicht auch noch diese Sorge haben zu müssen. Es gibt ja genügend andere:

«Die Wirtschaftskrise wird langsam zur Medienkrise.»

Den Satz hat Klaus Schweinsberg gesagt, der «Capital»-Chefredakteur, der schon nicht mehr «Capital»-Chefredakteur ist. Ob das nun an dem Satz lag? Für Charlotte Frank in der 'SZ' fiel Schweinsbergs Rede jedenfalls aus dem Rahmen.

Offenbar war Klaus Schweinsberg, Chefredakteur von Capital, für seine Moderation der Zeitschriftentage nicht ausreichend gebrieft worden: Bei der Eröffnung des zweitägigen Kongresses des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) am Montag in Berlin lästerte er erst über die Mutlosigkeit der krisengeschüttelten Branche.

In harten Zeiten wünscht man sich doch positives Denken, und so kommen auch die Berichte in «FAZ» (Seite 40) und 'Tagesspiegel' nicht umhin, Hubert Burdas Kindheitsliederinnerungen an die «Bergvagabunden» zu zitieren.

Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,/
steigen dem Gipfelkreuz zu,/
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,/
die läßt uns nimmermehr in Ruh'./
Herrliche Berge, sonnige Höhen,/
Bergvagabunden sind wir.

Der Hals wird mitunter frei, wenn die Luft dünn wird. Anderseits gibt es von Ausflügen ins Gebirge auch weniger ermannende Berichte, man denke an Kafka: «Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen.» Gesungen hat Burda übrigens nicht, dafür hat er – Sparmaßnahme! – die Reise nach Berlin laut «SZ» in der Economy Class zurückgelegt. Und siehe da:

In der Billigklasse lesen alle Menschen Zeitschriften. Das zeige: Print wirkt. «Die Krise ist zu meistern», so Burda.

Es müssen also mehr Menschen fliegen? Der Kongress wird fortgesetzt.

Das gilt auch für die Berichte über den Coup des Politikers Lutz Heilmann, der, weil ihm sein Bericht in der Wikipedia nicht passte, die deutsche Seite kurzerhand sperren ließ ( Altpapier von gestern ).

Was soll man sagen? So macht man sich keine Freunde. Fast stimmt einen solche Hilflosigkeit traurig: Jeder, der nicht wusste, wer Lutz Heilmann ist, weiß jetzt, dass er bei der Stasi war. Das ist irgendwie das Gegenteil von dem, was Heilmann erreichen wollte, der in der 'taz' nun bereut.

Die 'Berliner' orientiert über die Geschichte von Wikipedia und der Unmöglichkeit seiner Verhinderung.

Auf die Frage, warum er nicht einfach selbst seinen Beitrag geändert habe, sagte Lutz Heilmann, darauf sei er gar nicht gekommen. «Außerdem», sagt er, «wenn das rausgekommen wäre, hätten doch alle gesagt: Der schreibt sich seine Biografie zurecht.»

Nur bei 'Welt-Online' vermissen wir die Größe, den Erfolg über den politischen Gegner (Heilmann ist Linkspartei-MdB) nicht auszukosten, erwartungsgemäß.

Dabei gibt es Heilmanns Sprung in den Fettnapf ja durchaus Gutes abzugewinnen:

Am Wochenende stieg das Spendenaufkommen für den Verein rasant – statt wie üblich rund 3000 Euro pro Tag landeten nun etwa 16.000 Euro auf seinen Konten.

Aber Sven Felix Kellerhoff versteht keinen Spaß, wo die Möglichkeit sich bietet, den Kalten Krieg noch einmal zu gewinnen.

Besonders bemerkenswert ist zudem, dass mit Heilmann ein ehemaliger hauptamtlicher Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit die Mittel des Rechtsstaates einsetzt, um seine Persönlichkeitsrechte schützen zu lassen.

Denn als ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit hat man naturgemäß seine Menschenrechte mit dem Vollzug der Deutschen Einheit verwirkt. Wann, nur wann wird endlich die Lynchjustiz wieder eingeführt?



Altpapierkorb

+++ Harry Rowohlt erklärt der 'FR' , wie er Fernsehen schaut und warum er Gert Scobel nicht leiden kann: Ach wissen Sie, früher habe ich immer «Arschloch» geschrieen, wenn Joschka Fischer auftauchte. Jetzt ist er aus den Medien verschwunden, deshalb muss Gert Scobel herhalten. Aber manche Moderatorinnen sind noch schlimmer, ich frage mich wirklich, wer diese Mäuschen aussucht; jede Backwarenfachverkäuferin hat mehr Kompetenz. +++ Dabei mögen ja eigentlich alle Gert Scobel. Wie die ARD-Serie «Türkisch für Anfänger» (siehe 'Tsp' , 'FR' , «SZ», Seite 15), hier gibt die 'taz' den «Harry Rowohlt». +++ In der Schweiz wird laut «FAZ» (Seite 40) darüber nachgedacht, ob die Medien einen Minister «auf dem Gewissen» haben, was der Artikel eher verneint. +++ In Österreich wird über Sparmaßnahmen beim ORF nachgedacht; zur Hälfte handelt der «SZ»-Beitrag (Seite 15) aber von den rassistischen Ausfällen des Klaus Emmerich, ehedem Amerika- und Deutschlandkorrespondent. +++ Yahoo-Chef Jerry Yang geht ( 'HB' , 'FTD' ). +++ Freie Journalisten gründen eine Interessenvertretung ( 'Tsp' ). +++ Die 'FR' macht mitten im Online-Angebot Werbung für sich selbst. +++ Die ARD auf ihren Hörfunkwellen dagegen bald welche für die Echo-Preisverleihung, wie Robin Meyer-Lucht auf Carta mutmaßt angesichts des Übertragungsrechteerwerbs. +++ Hat Reinhold Beckmann Roland Koch nach dessen «Theologie der Macht» oder «Theorie der Macht» gefragt? Die Augenzeugenberichte ( 'FAZ' , 'Welt-Online' ) gehen auseinander. +++


Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.

 
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