Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Mittwoch08. Okt 2008 09:19  |  Werden wir uns von solchen Bildern und ihrer Unschuld verabschieden müssen? | Foto: dpa |
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Was im Fernsehen nicht zu sehen ist: Cologne Conference. Pietät. Tour de France?
Als Peter Lustig noch «Löwenzahn» moderierte, schien die Alternative zum Fernsehen – und damit all den Verheerungen, die aus ihm kommen – relativ einfach: «Abschalten».
Das ist, die Älteren werden sich erinnern, lange her. Heute ist es gar nicht so leicht, dem Fernsehen zu entkommen, wie das Interview in der
'Welt'
belegt, das die Ulrike-Meinhof-Tochter Bettina Röhl mit der Jürgen-Ponto-Tochter Corinna Ponto geführt hat.
Deren Mutter gibt nun ihr Bundesverdienstkreuz zurück, heißt es, aus Empörung über den Uli-Edel-Film «Der Baader-Meinhof-Komplex». Und um empört zu sein, musste sie nicht einmal ins Kino gehen. Die falsch nachgestellte Szene von der Ermordung ihres Vaters konnte Corinna Ponto im Fernsehen sehen.
Meine erste Begegnung mit dieser Szene war, als ich am 15. September spätabends die Sendung «Bei Beckmann» sah, in der die US-Schauspielerin Shirley McLaine kurz nach der gezeigten Szene der Ermordung meines Vaters Zweifel äußerte, ob die gezeigten RAF-Opfer «wirklich nur Opfer waren». Beckmann fiel ihr, lapidar überleitend, ins Wort: «Ja, sie sind Opfer, also, es sind viele Opfer dabei gewesen, die wirklich dafür nichts konnten, wenn ich an die Entführung der Landshut denke ...», und dann führte er aus, dass die Schauspielerin Nadja Uhl in zwei unterschiedlichen Filmen einmal eine RAF-Täterin und eine Überlebende der Landshut-Entführung spielt... Die Filmszene wurde in voller Länge nur deshalb gezeigt, um eine Schauspielerin zu fragen, wie sie sich fühlt die Mörderin zu spielen.
Dem geübten Medienbeobachter wird eine gewisse, sympathische Distanz zum Medium nicht entgangen sein, denn die Sendung «Bei Beckmann» heißt in Wirklichkeit natürlich «Beckmann». Aber weiter im Text.
Dieses erste Mal konnte ich bei der Szene selbst noch rechtzeitig den Blick abwenden, hörte aber noch die ganze grausame Tonspur. Tags darauf musste ich zusätzlich für mich eine neue Begegnung mit deutscher Fernsehwirklichkeit machen. Um 20.11 Uhr sendete der Kooperationspartner des Films, die ARD, in der Tagesschau dieselbe Szene, quasi als Nachricht verpackt. Tatsächlich war es eine Marketingmaßnahme – eine Symbiose zwischen Nachrichtsendung und Spielfilmwerbung, die ich bis dahin nicht kannte.
Das wiederum ist äußerst treffend beobachtet, denn in der Tat hat «Der Baader-Meinhof-Komplex» so viele Symbiosen hervorgerufen wie selten ein Kinofilm zuvor. Am Ende bleibt die Frage, wie mit dem, was einem im Fernsehen nicht gefällt, umzugehen hat.
Zumal wenn man aus dem Land von Aufklärung und Kritischer Theorie stammt. Da liest man die drastischen Optionen, die in anderen Ländern offeriert werden, doch mit großer Verwunderung:
Was die Haltung des Islams zu den «schlechten Fernsehprogrammen» der arabischen Satellitensender sei, wollte er von Studiogast Scheich Saleh al-Lihedan wissen. «Es ist erlaubt, die Besitzer solcher Satellitenkanäle zu töten», erklärte der Chefrichter des Obersten Gerichtshofes von Saudi-Arabien prompt.
Das steht am Beginn eines Beitrags im
'KStA'
, der sich zum Auftakt des Fernsehfestivals «Cologne Conference» befasst (über das Programm informiert die «FAZ», Seite 36), auf der es einen Schwerpunkt zum Islam geben wird. Aus gleichem Anlass hat die
'taz'
mit der Leiterin des Festivals, Martina Richter gesprochen.
Und siehe da: Nicht nur den Fernsehsendern fällt nichts Neues mehr ein, sondern auch dem Zuschauer:
Der will sich auch zurücklehnen und schauen, was ihm vorgesetzt wird.
Was ihm nächstes Jahr möglicherweise nicht mehr vorgesetzt wird, ist nach dem Dopingfall Stefan Schumacher die Tour de France.
«Wir werden jetzt in Gesprächen mit der ARD festlegen, ob wir die Tour de France 2009 gemeinsam übertragen», sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender dem Tagesspiegel.
Wie
ebenda
zu lesen ist.
«Alle Konsequenzen – auch ein Ausstieg – sind möglich, denn Kontrolle ohne Konsequenz funktioniert nicht.» Der neuerliche Fall sei für ihn «ein Schlag», sagte Brender. «Zum wiederholten Mal wurde uns gesagt: Das sind die neuen Jungen, die nichts mit dem Doping zu tun haben.»
Die
'FAZ'
berichtet ebenfalls. Wobei man mittlerweile gar nicht mehr weiß, was schlimmer ist: Jeder neue Dopingfall oder jede neuerliche Aufregung über jeden neuerlichen Dopingfall.
Wie auch immer: Beides wird uns weiterhin begleiten.
MEHR IM INTERNET: Die Artikel des Tages |
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Altpapierkorb
Wie auch die Diskussion über den Drei-Stufen-Test, zu der in der
'FR'
eine deutliche Position zu lesen ist. +++ Unberührt davon veranstaltet die
'taz'
weiter ihre eigenen Public-Value-Tests, heute: Phoenix. +++ In der
'SZ' orientiert Hans Leyendecker noch einmal über das Mediale am Fall Max Mosley. +++ Außerdem ist dort zu lesen, dass der Einfluss der «Kronen»-Zeitung auf das österreichische Wahlergebnis doch nicht so groß ist (Seite 17). +++ Eine gute Nachricht? Die
'taz'
hat den «Kerner des Radios» bei Bayern 3 gehört. +++ Bei der DFL steigen die Auslandserlöse (
'FR'
). +++ Was die Inlandserlöse nach dem Kirch-Desaster wohl nicht tun werden (
'FTD'
). +++ Handy-TV kommt auch nicht voran (
'Tsp'
). +++ Cologne Conference hin, Tour de France her – was im Fernsehen tatsächlich zu sehen ist: Eine Globke-Dokumentation auf Arte empfiehlt die
'FR'
. +++ Über den Film «Einer bleibt sitzen» (20.15 Uhr, ARD) schreibt die
'Berliner'
: «Ein kleines Ereignis». +++ Der
'Tagesspiegel'
dagegen: Regisseur Tim Trageser hat einen gefühlvollen Film inszeniert, der streckenweise überzogen wirkt. +++ Und die «FAZ» (Seite 36): Wie die drei Freunde – zwei pseudoversehrte und der wirklich querschnittsgelähmte Michel – sich nach und nach mit einem Leben im Rollstuhl auseinandersetzen und darüber aus der Schicksalsgemeinschaft eine Art Wahlverwandtschaft wird: das zeigt «Einer bleibt sitzen» nicht auf bierernst-bedeutungsschwangere, sondern auf leichte, fast möchte man sagen: leichtfüßige Weise. Ob «leichtfüßig» in diesem Kontext die richtige Vokabel ist? Man weiß es nicht. +++ Auch im Angebot: «Mielkes Rache» (21 Uhr, Arte). Es geht um den letzten zur Todesstrafe Verurteilten in der DDR, der Mitarbeiter der Stasi war. Die
'Berliner'
findet die Dokumentation «manchmal unfreiwillig komisch, etwa wenn Stasi-Hände eine Soljanka löffeln oder ein Schauspieler, der Teske mimt, mit dem Rücken zu Kamera in einem verrauchten Büro sitzt, Akten von rechts nach links schiebt und die Schnapsflasche im Papierkorb versteckt.» +++ Die «SZ» (Seite 17) dagegen bringt ungewöhnlich viel Mitgefühl für einen Mann auf, der nicht nur IM, sondern hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter war: Es geht da um einen intelligenten, eher nachdenklichen Mann, der in Ost-Berlin als Ökonom promoviert, in den Außenhandel will und sich habilitieren – als der Staat seinen Tribut fordert.Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.
Für das Web ediert von Matthias Dell |