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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Montag

06. Okt 2008 09:40
Typische Handbewegung des Premiere-Abonnenten? Aber nein. Um Kunde zu werden, braucht´s viel weniger.
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Nachschlag gefällig? Aber gerne: noch mehr Details über die Techniken der Abonnentenzählung von Premiere, die geteilte Medienlandschaft und «ganz schön viel DDR» bei Sat1.

Das kennt man eigentlich nur aus Fitnessstudios: Die Mitglieder-Datenbank ist voll – doch auf den Fahrrädern, Cross-Trainern, Laufbändern, Rudermaschinen, Steppern und noch elend vielen Geräten mehr radelt, trainiert, läuft, rudert, steppt kaum einer. Als aufs Reale fixierte Trimm-Dich-Bude mag man sich eine solche Anhäufung loser Signifikanten leisten können. Für einen Pay-TV-Sender geziemt sich das dagegen weniger.

Vor allem, wenn man es wie Premiere nicht einmal geschafft hat, alle mit ordentlichen Knebelverträgen zu versorgen. Und es sich bei den etwa 940.000 Namen, die am Donnerstagabend – «Die Börse war da bereits geschlossen», notiert die 'SZ' ; das Altpapier hatte sich bereits ins verlängerte Wochenende verabschiedet, fügen wir hinzu – plötzlich aus den Büchern verschwanden, also nicht einmal um Karteileichen (d.h. zahlende, aber nicht hinguckende Menschen) handelt.

Sondern – tja, was sind die eigentlich? Ein Auszug aus der «Focus»-Liste (S. 194f bzw. Online-Zusammenfassung ) der unbegrenzten Möglichkeiten beim Abonnentenzählen:

So bekamen 16.186 bestehende Kunden eine zusätzliche Smartcard fürs Kinderzimmer zugeschickt. Diese Gratis-Kinderabos zählten dem internen Bericht zufolge als vollwertige Abonnements … Dem Versandhaus Neckermann lieferte der Pay-TV-Betreiber für Mitarbeiter und Freunde im Dezember 2004 10.500 Abos, die im Vertriebsbericht unter der Rubrik «kapitalvernichtende» Pakete eingeordnet sind. Auch hier änderte der Börsenkandidat die Verbuchung: Alle Abos gingen sofort in die Statistik ein, ob sie aktiviert wurden oder nicht.

Nun ist bereits von möglichen juristischen Konsequenzen, auch für den ehemaligen Vorstandschef Georg Kofler, die Rede ( 'FTD' , 'dwdl' ).

An dieser Stelle wäre eine hübsche Überleitung natürlich angemessen. Allerdings ist die gar nicht so einfach. Oder eben viel zu einfach. Deswegen lassen wir das und sagen am einfachsten: Der Sat1-Fernsehfilm «Wir sind das Volk» spaltet die Nation. (Kein Wunder, wo «Spiegel Online» doch gerade festgestellt hat, dass allein RTL – das die «taz» heute einem Public-Value-Test unterzieht – sich als gesamtdeutscher Sender bezeichnen darf.)

Fast alle sind voll des Lobes für diesen Film über den Mauerfall. Den «bisher wichtigsten» Film über die DDR-Geschichte nennt ihn die «FAZ» (S. 38). «Dieser Zweiteiler ist fast zu gut für dieses Programm» heißt es in der 'FR' , die hinsichtlich der Ausstattung den Regisseur zitiert:

In anderen Zweiteilern ist weder Hamburg überflutet noch Dresden abgefackelt worden, aber bei uns ist tatsächlich ganz schön viel DDR entstanden.

Für den «Tagesspiegel» wendet sich Kerstin Decker ob ihrer Begeisterung gleich direkt ans Volk:

Liebes Volk, lass dich nicht von Überschriften und Plakaten beirren! Denn dieser Sat-1-Zweiteiler ist viel besser als seine Ankündigung. Du brauchst natürlich auch keine Angst vor TV-Kunstkino haben.

Die «taz» enthält sich derweil kurz und knapp, nur die «Berliner Zeitung» mag die Freude der Anderen nicht teilen . Und hat dafür tatsächlich überzeugende Argumente:

Es dauert keine fünf Minuten, da gibt es das erste Maueropfer zu beklagen … Der Freund fällt auf die Westseite der Mauer, der Bruder zurück in den Osten. Bruder ist tot, Freund nicht ganz. Regisseur Thomas Berger inszeniert den Überlebenden hell ausgeleuchtet, im Osten ist es wie immer dunkel.


Altpapierkorb

Und weiter mit den Nachschlägen und -trägen: 'FAZ' («So ist der Fall Emig nicht nur die Geschichte eines gefallenen Journalisten, der in seinen glanzvollen Tagen vor Machtbewusstsein und Arroganz kaum gehen konnte. Es ist ein Sittengemälde über den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im allgemeinen und über den Zustand des Hessischen Rundfunks im besonderen.») und 'SZ' («Der Name Emig steht deshalb nicht nur für den gekauften, dreckigen Journalismus, sondern auch für den kommerziellen Wildwuchs in den und rund um die Anstalten. Sportereignisse werden inszeniert, es gibt oft keine Distanz zwischen Journalisten und Veranstaltern.») kommentieren den Fall Emig bzw. Fall HR. +++ Der «Tagesspiegel» hat sich angesehen , wie Dietmar Hopp, Mäzen des TSG 1899 Hoffenheim, der mit dem «Tagesspiegel» nicht mehr reden mag ( Altpapier vom Mittwoch ), in der DSF-Sendung «Doppelpass» darauf zu sprechen war. +++ Die neues Werbekrise kommt bestimmt bzw. «Die Lage ist ernst» – sagt der «Spiegel» (S. 194ff). +++ Der «Kölner Stadtanzeiger» erklärt in einem wahrlich nicht sonderlich unterhaltsamen Artikel , was es mit Web-TV und IPTV auf sich hat. +++ Ebd. – womöglich weniger informativ, aber reizender – findet sich ein Interview mit dem Studiodesigner Florian Wieder über Gottschalks neues Ambiente: «Es wäre aber falsch gewesen, für ihn so ein hypermodernes DSDS-Studio zu entwerfen. Das würde auch nicht zum Thema passen. 'Wetten, dass . . ?' fühlt sich analog an – und nicht digital.» +++ Da haben Sie einfach eine Zeitung gegründet? «Die Presse» befragt den «Standard»-Gründer Oscar Bronner zum 20. Geburtstag des «Standard», der als erste österreichische Zeitung eine auch im Internet publizierte (und heute dort leider immer noch nicht allzu anders aussieht als vor sieben Jahren ). +++ Der Europarat mahnt die Medienfreiheit in Europa an ( 'FR' ). +++ Auch mit dem Anti-Diskriminierungsgesetzen scheint manch einer seine Probleme zu haben ( ebd. ) +++ Der WDR-«Tatort» namens «Brandmal» wird entgegen der Widerstände gesendet ( Netzeitung , 'sueddeutsche.de' ). +++ Es sind gute Zeiten für das Fernsehen: Nicht nur «Wir sind das Volk» finden (fast) alle gut, sondern auch die neue ZDF-Reportage-Reihe «Hip Hop Don´t Stop» (z.B. 'taz' ); die «SZ» (S.15) empfiehlt dagegen – nicht nur um des gesamtdeutschen Friedens willen – die Arte-Dokumentation «Sportsfreund Lötzsch».

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Dienstag gegen 10.00 Uhr.

 
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