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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Mittwoch

01. Okt 2008 09:55
Winnetou, why not? Der Schauspieler ist im echten Leben ein Realist: Erol Sander
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In der Kritik: der «Tagesspiegel», Hoffenheim und Charlotte Roche. Über allem schwebt nur: Erol Sander.

Humor ist nicht das erste, was einem hierzulande zu Kritik einfällt oder vielmehr der Frage, wie mit Kritik umzugehen sei.

Beredtes Beispiel dafür liefert die Causa Hoffenheim vs. «Tagesspiegel», die es immerhin schon zur Meldung – der Bundesligist will künftig die Berliner Tageszeitung boykottieren – in der «SZ» (Seite 19) gebracht hat.

Was geschehen ist, lässt sich auf der Seite des 'Tagesspiegel' nachlesen: Dort steht der Kommentar von Chefredakteur Lorenz Maroldt sowie der Brief des Hoffenheimer Pressesprechers Markus Sieger, in dem dieser sich über den Kommentar beschwert, und die Antwort von Maroldt.

Was soll man sagen? Der Kommentar von Maroldt ist durchaus zu kritisieren, weil er tendenziös ist in seiner – billigen zu habenden – Darstellung des bösen «Milliardärs» Hopp – «eine Provokation für die Fans jener Vereine, die stolz auf ihre ruhmreiche Vergangenheit sein müssen, weil die Gegenwart auf sie eher traurig wirkt.»

Nun muss man dem «Tagesspiegel» eigentlich nicht erklären, dass der Kapitalismus auch im Fußball funktioniert (aufsteigen, absteigen). Und außerdem kann man sich und die barmenden, Hoffenheim quasi hassen müssenden Fans fragen, was das eigentlich sein soll – Traditionsfußball? Das von sympathischen Gazprom-Geldern gepamperte Schalke 04, wo sich der ruhmreichsten Vergangenheit so kritiklos wie auf der eigenen Webseite erinnert wird?

Als 1942 durch ein 2:0 über Vienna Wien die sechste Meisterschaft unter Dach und Fach gebracht wird, ist der «Mythos Schalke» längst geboren, der auch spätere Generationen faszinieren wird und damit die Basis für eine riesige Fangemeinde legt.

Aber natürlich darf man diesen Brief nicht schreiben, der – langatmig, kleinmütig und fehlerhaft formuliert – den Eindruck bestärkt, dass Hoffenheim «unter Umständen dünnhäutig» ist.

Des Weiteren hätte man sich auch vorstellen können, dass Maroldt in seiner Antwort sich nicht so überlegen geriert wie sonst nur Hans-Jürgen Börner gegenüber insuffizienten stellvertretenden Kleinstadtbürgermeistern. Man muss auch gewinnen können.

Vielleicht sollten sich alle eine Scheibe bei dem Schauspieler Erol Sander abschneiden. Der hält, um im Bild zu bleiben, die Bälle flach in einem bemerkenswerten 'FR'-Gespräch mit Jan Freitag.

Stört es Sie, als Typ «schöner Lover» bekannt zu sein?

«Nein. Als ich mit dem 'Tatort: Feuerstelle' unlängst meinen 50. Film gedreht habe, waren davon vielleicht die Hälfte Romanzen. Aber so ist das Fernsehgeschäft, 50 Prozent Liebesfilme, 30 Krimis, 20 für den Rest. Ich liege voll im Thema und habe in 'Alexander' neben Colin Farrell, Angelina Jolie, Anthony Hopkins gespielt. Für Oliver Stone war ich ein kleiner TV-Actor, am Ende hat er sich bei mir bedankt, eigene Farbe eingebracht zu haben. Ich bin erst sieben Jahre dabei und bediene den Markt. 'Alpenklinik' ist ein Heimatfilm in der Tradition der 50er, 60er, aber hey – ich bin 39, ich bin fit, mir macht es Spaß. So what?»

Eben. Interessant übrigens auch die erste Frage:

Herr Sander, als Kommissar Özakin bezeichnen Sie sich als türkischer Preuße. Sind Sie das auch im echten Leben?

Die Sander, natürlich, lässig kontert:

«Wenigstens bin ich jemand, der seinen Beruf mit preußischer Genauigkeit und Energie in die Hände nimmt. Und wenn man jemandem ein halbes Leben lang sagt, deutscher sein zu müssen als die Deutschen selbst, wird man, glaube ich, automatisch zum Preußen.»

Die vor allem aber auf dem Missverständnis fußt, dass Schauspielen und echtes Leben das gleiche seien. Diese Identifikation leitet über zu Charlotte Roche, deren neue Sendung, in der verschiedene Berufszweige vorgestellt werden, heute auf 3sat startet (23.15 Uhr).

Die «SZ» (Seite 19) hat ihren Literaturkritiker Ijoma Mangold zur Kritik gebeten, schließlich hat Frau Roche zuletzt Erfolg mit einem Buch gehabt. Aus dem werden nun Schlüsse gezogen:

Charlotte Roche ist seit einem halben Jahr die Autorin des Bestsellers «Feuchtgebiete», in dem sie all jene Themen grell ausleuchtete, bei denen man nach dem bürgerlichen Comment eigentlich das Schlafzimmerlicht löscht. Sie hat sich der Öffentlichkeit nackt gezeigt (natürlich nur in Gestalt ihrer Protagonistin, aber in diesen Dingen ist unsere Phantasie nicht sehr pedantisch).

Da staunt man doch ein wenig: Müsste nach literaturkritischem Comment und bei nicht so pedantischer Phantasie Patrick Süskind demnach für einen geruchlosen Mörder gehalten werden?

Schockierende News! Wir fragen bei der nächsten Dichterlesung, zu der wir gehen, auf jeden Fall nach: Haben Sie das alles selbst erlebt?



Altpapierkorb

Mit seiner Meinung zur Fernseh-Roche schwankt Mangold im Übrigen: Er erkennt einerseits, dass «der Erkenntnisgewinn dieser sagenhaft langweiligen Fernsehstrecke gleich Null» ist, traut der Moderatorin aber andererseits zu, «mit ihrer ansteckend guten Laune und ihrem unterhaltsamen Witz aus allem eine gute Party machen.» +++ Die Begeisterung teilt Björn Wirth in der 'Berliner' : Natürlich liegt es vor allem an ihr, dass diese Sendung mit der Maus für Erwachsene so wundervoll funktioniert. +++ Und Peer Schader in der «FAZ» (Seite 42): So viel sympathische Unbeschwertheit könnte das Fernsehen öfter vertragen. +++ Wohlmeinend gibt sich Hannes Heine im 'Tagesspiegel' , der den geschlechterpolitischen Aspekt nicht übersieht: Die verheiratete Kölnerin mimt das neugierige Mädchen, turtelt, während die zumeist älteren Herren Welterklärer spielen dürfen. Die Zuschauer lernen dabei allerdings eine Menge Unterhaltsames über die gemeinhin ja nicht so bekannten Berufe. +++ Boris Rosenkranz lobt in der 'taz' ebenfalls das «Mädchenhafte»: Die 30-Jährige macht in der Serie schlicht das, was sie am besten kann: mädchenhaft rumalbern und die Menschen ausfragen. +++ Während Arno Widmann in der 'FR' genau das gehörig auf den Zeiger geht: Eine dreißigjährige Frau, die sich ihren Interviewpartnern gegenüber verhält wie eine kokettierende Elfjährige, die Papa dazu überreden möchte, ihren Kindergeburtstag zu finanzieren. Das ist ganz und gar nicht bildschirmfüllend. +++ Einhelliger wird Hubert Seipels Dokumentation (23.45 Uhr, ARD) über deutsche Truppen in Afghanistan gelobt ( 'Berliner' , «SZ», Seite 19, «FAZ», Seite 42) +++ Differenziert fällt die Kritik Franziska Augsteins der Marion-Dönhoff-Biographie von Klaus Harpprecht in der «SZ» (Seite 19) aus. +++ Ebenda : Lob für die Philosophie-Lektionen auf Arte, die Raphaël Enthoven präsentiert. Der ist natürlich Ex-Mann von BHLs Tochter und Vater des Kindes der jetzigen Präsidentengattin. +++ Und weil in Frankreich alles zusammenhängt, soll das auch so bleiben, um die Medienkrise zu meistern: Sarkozy setzt auf «Champions» ( 'FTD' ). +++ Auf wen Österreichs Tiere gesetzt hätten, wusste die «Kronen-Zeitung», der nun auch die 'Berliner' den Wahlausgang anlastet. +++ Über den Stand der Mediatheken informiert ausführlich der 'Tagesspiegel' . +++ Kurz dagegen nur, dass Ulrich Wickert mit seiner Klage gegen das Vergabeverfahren zugunsten Alexander Kluges als unabhängigem Dritten in den privaten Fensterprogrammen vorerst gescheitert ist. +++ Über die Kuppelshow als Fernsehformat orientiert Antje Hildebrandt im 'KStA' . +++ Über den Internetdauerlivestream aus einer Magdeburger Imbissbude schreibt sie in der 'Welt' . +++

Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.

 
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