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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Donnerstag

04. Sep 2008 10:09, ergänzt 11:07
Leider musste Claus Kleber sein
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Propaganda! Siemens! Mit einem ZDF-Beitrag über den ZDF-Freund Mark Thompson von der BBC geht der Zoff zwischen Presse und Öffentlich-Rechtlichen in eine neue Runde. Außerdem: ein cooler Intendantenauftritt vor Gericht.

Aus sich selbst heraus war der Vortrag, den BBC-Chef Mark Thompson am Dienstag auf der Berliner Medienwoche über öffentlich-rechtliches Fernsehen an sich und das Internet hielt, nicht ungemein spektakulär. Er bot Gelegenheit, Krawatten zu betrachten (siehe Altpapier).

Doch kommt es in der Mediengesellschaft weniger auf die einzelne Show an als auf die Kontexte, in die sie oder Ausschnitte daraus eingebettet werden können. In der Hinsicht hat das ZDF, das den britischen Public-Service-Mann nach Berlin holte, einiges getan. Am ZDF-Stand auf der IFA gleich neben dem Medienwochen-Veranstaltungsort ICC, führte ZDF-Moderator Theo Koll ein gut 11-minütiges Interview mit Thompson (in der ZDF-Mediathek online abrufbar), aus dem sich auch ein zweieinhalbminütiger Beitrag im «heute-journal» am Dienstagabend speiste (in der ZDF-Mediathek online abrufbar).

Während Thompsons Berliner Vortrag nicht gerade gut besucht war, sahen im ZDF «knapp 5,8 Millionen Zuschauer..., was der TV-Manager auf dem Kongress zu sagen hatte. Von einem solch gigantischen Publikumsinteresse können Veranstalter manch anderer Medientage nicht mal träumen» ('Welt Online'). Allerdings hat das ZDF für seine eigenen Zwecke den komplizierten Sachverhalt, in den es Thompsons Aussagen montierte, auf eine Weise heruntergekocht, die Kai-Hinrich Renner «zurückhaltend formuliert - tendenziös» nennt:

«Kein Wort ... darüber, dass sich die BBC nicht ohne weiteres mit ARD und ZDF vergleichen lässt. Das Programm der Briten ist werbefrei. Mit dem BBC Trust haben sie ein übergeordnetes Kontrollgremium, das diesen Namen verdient. Und die Gebühreneinnahmen von ARD und ZDF sind zusammen fast doppelt so hoch wie die der BBC».

«Propaganda» würden «SZ» und «FAZ» sogar sagen. In der 'Süddeutschen' nennt Christopher Keil noch ein Beispiel, mit dem das ZDF seine Zuschauer geradezu verkehrt herum informierte:

«...die Sieben-Tage-Frist für Aktuelles in den Mediatheken. Auch in England gibt es dieses Zeitfenster für die BBC-Mediathek, den iPlayer, worüber das 'Heute-Journal' nicht informierte. Thompson kritisierte die geplante Fristsetzung in Deutschland und sagte, es wäre schlecht, wenn Dokumentationen über die Geschichte der Demokratie fehlen würden.
Genau die würden in der ARD- oder ZDF-Mediathek nie fehlen. Was gelöscht werden müsste nach einer Woche, könnte über den Regelweg der Beantragung wichtiger Bildungs- und Informationsprogramme dauerhaft eingestellt werden»
.

«Ausgesprochen unfair und aus dem Zusammenhang gerissen», findet Michael Hanfeld ('FAZ') all das. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht der «alleinige Hort des Qualitätsjournalismus» ist, als der er sich fühlt, sondern «politischen und eigenen Interessen bis in die Nachrichtengebung hinein unterworfen bleibt, das haben die ZDF-Nachrichten an diesem Abend wahrlich eindrucksvoll bewiesen». «In der BBC wäre so ein Beitrag nie gelaufen» («SZ»).

Immerhin scheint die Gegenwart des BBC-Chefs die zuletzt eher polemischen Beiträge in der alten (noch bis Ende Oktober weiterlaufenden) Diskussion zwischen Verlagen und Öffentlich-Rechtlichen über das Internet also wieder auf sachlicheres Niveau gehoben zu haben.

Und das «heute-journal» und sein renommierter Leiter, der schon einmal designierte «Spiegel»-Chefredakteur Claus Kleber, die hätten in der sehr eigenen Sache vielleicht ja etwas differenzierter berichtet, wenn sie bloß etwas mehr Zeit gehabt hätten.
Leider musste die Ausgabe am Dienstagabend mal wieder kurz ausfallen: Sie lief im Rahmenprogramm des Abschiedsspiels für den Torwart bzw. des Begrüßungsspiels für den ZDF-Experten Olli Kahn.

Noch ein Schauplatz der Auseinandersetzung ums öffentlich-rechtliche System ist derzeit das Frankfurter Landgericht, vor dem der ehemalige HR-Sportchef Jürgen Emig steht. Gestern trat der amtierende HR-Intendant Helmut Reitze in den Zeugenstand. Er setzte sich aber erst... (weiter im Altpapierkorb) ...



Altpapierkorb

...als die Fotografen den Saal verlassen hatten. Denn «er kennt die Macht der Bilder» ('Berliner Zeitung'). «Schon merkwürdig, wie Korruption in deutschen Unternehmen funktioniert. Im Irgendwo der mittleren Ebenen wird geschmiert oder man lässt sich schmieren. Das war bei der Siemens AG nicht anders als beim Hessischen Rundfunk», zieht Joachim Huber ('Tagesspiegel') Parallelen. Am weitesten geht die «SZ» (S. 15): «Wenn das 'System Emig' in Wahrheit ein 'System HR' war, werden zwei Prinzipien in Frage gestellt: die journalistische Unabhängigkeit und die Gebührenfinanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks». Siehe auch 'taz', 'FAZ' und 'Rundschau': «Es ist eine stundenlange Befragung, aber man muss Reitze lassen, dass er nach anfänglicher Nervosität einen souveränen Auftritt hinlegt. Gegen Ende des Prozesstags finden beide Kontrahenten doch noch das persönliche Gespräch - das Klima im Gerichtssaal sinkt auf eine Temperatur, bei der sich selbst schnellverderbliche Lebensmittel erfreulich lange halten». +++ «Es gibt eine definierte Spielregel: Wenn uns Daimler für nix die neuesten Autos hinstellt und wir die fahren dürfen, haben wir logischerweise einen größeren Fuhrpark, mit dem wir auch Menschen und Material transportieren können. Das ist Productplacement und in der ARD völlig legal.» («Tatort»-Schauspieler Boris Aljinovic zur 'Rundschau'). +++ «Handwerkliche Fehler, ausbleibende Nachfragen, dreiste Politiker: Die alltägliche Talk-Katastrophe» ('KStA'). +++ Heute noch schlimmer: «Wie deutsch bist du wirklich?» (ARD) mit Beckmann statt Pilawa. +++ Dieter Moor ein «rücksichtsloser Selbstpromoter»? ('Berliner Zeitung' über eine «inhaltslose Dauerwerbesendung» des RBB gestern). +++ «Der Verbraucher will heute beides, Interaktivität und hohe technische Qualität» ( dies. von der Berliner Medienwoche). +++ «Fußballspiele sind besser vor medialem Missbrauch geschützt als jeder Mensch» (Katrin Schuster im 'Freitag'). +++ Christoph Twickel hat knapp 20 Euro für den «kleinen Bruder der Designbibel 'Frame'» auf den Tisch gelegt. +++ Was geschah am Kölner Landgericht? «Vorteil Broder» ('Tsp.) «Landgericht urteilt gegen Broder» ('FAZ'). Siehe auch 'taz'. +++ Ist Radio Multikulti noch zu retten? ('Tsp.'). +++ «Dr. Psycho» ist nicht mehr zu retten. «Aus dem Quotengewurstel der Fernsehchefs hat Christian Ulmen nun die logische Konsequenz gezogen und ist ins Internet abgewandert», wo er «gut 200 Stunden Rohmaterial ... zunächst ein Jahr lang häppchenweise» serviert. Die 'taz' stellt «ulmen.tv» vor. +++ Ebenfalls «in kleinen Häppchen» vollziehen sich die Eskalationsstufen im «Vermarktungsgewitter» des Kinofilms «Der Baader-Meinhof-Komplex», also des Films zum Buch von Stefan Aust, das nun «etwas ausführlicher» präsentiert wurde. Das Buch zum Film zum Buch, das Katja Eichinger verfasste, wurde doch noch nicht präsentiert. In der 'Rundschau' berichtet Hans-Hermann Kotte über den «Aust-Eichinger-Komplex»: «Schon am heutigen Donnerstag steht übrigens der nächste PR-Termin ... an: Am Abend liest Stefan Aust in Kampen auf Sylt aus seinem Buch vor». Wobei es sich übrigens um eine Veranstaltung der 'Zeit' handelt.

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.

 
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