Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Freitag29. Aug 2008 10:00, ergänzt 11:02  |  Einst fester Bestandteil des Nachmittagsprogramms der IFA: Master of Show Thomas Gottschalk. | Foto: Roland Weihrauch dpa/lnw |
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Die Melancholie gilt den Geräten, um Inhalte und Qualität wird woanders gestritten: In Berlin beginnt die IFA. In Frankfurt geht der Prozess gegen Jürgen Emig weiter. In Frankreich sieht´s für das Staatsfernsehen nicht rosiger aus.
Internet. Das neue Leitmedium?.
Ja, das sind so Fragen, die und denen man sich ab und an einfach stellen muss. Diesmal wird das die Eröffnungsrunde der
Medienwoche
im Berliner ICC tun, die am Montag startet. Parallel zur
IFA
, die bereits heute beginnt und «früher», das
weiß
der «Tagesspiegel», «eine große Show» war «mit Thomas Gottschalk und Günther Jauch im Nachmittagsprogramm auf dem Messegelände. Heute ist die IFA weniger glamourös, wieder technikbetonter.» (Die passende Bildergalerie dazu gibt´s bei
'bild.de'
.) Die Melancholie meint dennoch die Geräte und nicht Gottschalk oder Jauch: Der «Tagesspiegel»
erinnert
an die Fernbedienung,
'bild.de'
an die «Highlights von vorgestern».
Doch zurück zur Ausgangsfrage: Internet – das neue Leitmedium? Lutz Hachmeister
sorgte sich
bereits gestern im «Rheinischen Merkur» um das «Leitmedium Fernsehen» – sowie dessen Gefährdung durch das Internet. Und entdeckte vor allem den Produktionszusammenhang und die Qualität als Überlebenschancen.
Die Zukunft des «Fernsehens» ist also weniger eine Frage der Plattformen und Netzwerke, sondern eine der professionellen Organisation, des Selbstbewusstseins und der ästhetischen Kompetenz. Das Fernsehen und seine Macher werden gemeinsam untergehen, wenn die Fragen nach Modernität und Zeitgenossenschaft nur technologisch beantwortet werden.
Doch tummelt man sich just auf diesen technologischen Nebenschauplätzen gerade besonders gern. ZDF-Intendant Markus Schächter und der ARD-Vorsitzende Fritz Raff nahmen die Ifa natürlich zum Anlass, sich ein weiteres Mal über Internet, Innovationsmotoren und Digitalisierung (dazu auch der
'Kölner Stadtanzeiger'
) zu äußern (
'kress'
).
Und während Schächter Google als «Feind des Qualitätsjournalismus» entdeckt (ob er Christian Ulmens neues
Format
damit meint, das beinahe an der Suchmaschine
gescheitert
wäre?), sitzt einer von dessen wahren Feinden bereits auf der weitaus realeren Anklagebank des Frankfurter Landgerichts. Im Prozess gegen Jürgen Emig war gestern Hans-Werner Conrad, von 1989 bis 2005 Fernsehdirektor des Hessischen Rundfunks, geladen. Seine Zeugenaussage «erhöht den Druck auf den Intendanten» (
'taz'
) bzw. lässt den HR «alt aussehen» («FAZ», S.44) bzw. bringt die Funktionäre des Senders «ins Schwitzen» (
'stern.de'
). In der
'FR'
dagegen wird der HR beinahe freigesprochen. Dafür gerät
ebenda
der SWR in die Kritik, es ist von «Geburtsfehlern» und der «Baden-Krake» die Rede.
Wie man´s macht, man macht´s verkehrt: In Frankreich will Nicolas Sarkozy dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Werbung austreiben. Nur wie das finanziert werden soll, weiß bislang keiner. Sarkozys Idee – die Besteuerung der Werbeeinnahmen der Privaten und der Umsätze der Telefon- und Internetanbieter – deckt längst nicht die Ausfälle. Und macht das staatliche Fernsehen auch noch abhängig von den Privaten (
'NZZ'
).
Viele unken, die Reform bezwecke insgeheim, die in der Tat reformbedürftige Gruppe durch finanzielle Austrocknung zur Selbstverstümmelung zu zwingen, ohne dass die Regierung sich die Hände schmutzig zu machen brauche.
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Quo vadis TV? wurde auch die RBB-Intendantin Dagmar Reim vom «Rheinischen Merkur» gefragt. Sie
träumt sich
ins Jahr 2018, sieht ein flicken- und fleckübersätes Anne-Will-Sofa und sich selbst am Ostseestrand liegen – dank des Jackpot-Gewinns des RBB-Verwaltungsdirektors bei seiner monatlichen Dienstreise nach Las Vegas. +++ Nicht nur das Fernsehen überlebt, auch die Zeitungen können sich Hoffnungen machen. Zumindest laut «Trendforscher» Matthias Horx (
'
Die Presse'
). +++ Daran hat zwar auch Rainer Eppelmann, Mitglied des Ehrenrats der «Berliner Zeitung», keine Zweifel. «Tödlich» sei es allerdings, wenn heutige Zeitungen wie DDR-Zeitungen gelesen würden: «Der Otto Normalverbraucher hat hinten die Artikel im Bereich Sport und Kommunales gelesen, und das Erste vorne hat er sich nicht angeguckt, weil er wusste, das stimmt doch eh nicht.» Klaus Raab hat für die
'taz'
mit ihm über die Ex-Stasi-Mitarbeiter in Redaktionen gesprochen. Das NDR-Medienmagazin «Zapp»
berichtet
über weitere Fälle. +++ Wer trotz aller Unkenrufe weiterhin ans Fernsehen glaubt, hat nun eine einmalige Gelegenheit: Die RTL-Group will laut
'Standard'
15 Prozent ihrer Anteile abgeben, die Branche
spricht
gleich
mehrfach
von «Bremsspuren bei Bertelsmann». RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt spielt mit der
'Presse'
derweil ein seltsames Spielchen: Zu dem Thema, ob es für das Unternehmen ORF besser wäre, sich vom Sender ORF 1 zu trennen, äußerte sie sich nicht. Wäre dies aber der Fall, so würde die RTL-Group ein Angebot mit Sicherheit prüfen. +++ Die Printmedien kümmern sich rührend um den Nachwuchs: Neuerdings haben «Zeit», «Spiegel» und andere Kinderseiten im Portfolio («SZ», S.17). +++ Wozu Fernsehen – außer für Telenovelas, Castingshows etc. – auch gut sein kann: für Propaganda. Mikhail Ryklin verurteilt in der
'taz'
die «westlichen Narrationen» über den Konflikt zwischen Putin und Saakaschwili: Vom Journalismus im Westen wünschte ich mir eine umfassendere Betrachtungsweise des Konfliktes im Kaukasus, die die russische Narration mit in ihre Betrachtung einbezieht. Das NDR-Magazin «Zapp»
versucht sich
in eben demselben Fall an echter Objektivität. +++ Die «FAZ» (S.44) hat das Set der Serie «Navy CIS» besucht und weiß nun, warum die so erfolgreich ist. Es könnte am «ungezwungenen Umgangston» beim Drehen liegen. Oder auch daran, dass das Format als Familienunternehmen betrieben wird. +++ Ebenda: Viel lobende Worte für das «Ilias»-Radioprojekt des HR: Hier geht es nicht um eine gewöhnliche Lesung, sondern um ein Stimmereignis. +++ Ebenfalls ebenda: Der
Perlentaucher
bekommt keine Gegendarstellung von der «FAZ» wegen deren Artikel
'Die Gedanken der anderen'
(siehe dazu
Perlentaucher
) +++ Die 'NZZ'
entdeckt
den
Loha
-Trend und
skizziert
die Medienhistorie des Wortes «Massenbesäufnis», und die Netzeitung
erzählt
vom Erfolg der Tier-Spartensender. +++ Über Amira Hass, die einsame jüdische Stimme im Gaza-Streifen:
'Medienheft'
.
Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Montag gegen 10 Uhr.
Für das Web ediert von Katrin Schuster |